Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 11 (November 1902)
- Article
- M. Antokolski
- Date
- 1902-11-01
- Page
- Seite 741 - 742 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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741 Elias Günzbiirg: M. Antokolski. 742 stände - des Streites kann wohl nicht so bald in unseren Skulptur-Museen, in beliebigen berühmten Statuen gefunden werden. Nach dem ursprünglichen Plane des Autors sollten die Streitenden in einem Zimmer, am Speisetisch sitzen. Wie schade, dass ihre Hände nicht ausgearbeitet worden sind, dass wir nicht sehen können, wie sie in der Luft herumfuchtelten, wie sie drohten oder bewiesen, wie die Finger sich bald zusammenballten, bald lösten und blitzartig hin- und her fuhren! Viel wichtiger jedoch als diese Szene i st die „ Inquisition"* und zwar nicht nur dadurch, dass er hier aus lebendigen jüdischen Typen und Charakteren eine lebensvolle Szene schuf, sondern auch dadurch, dass er einen kühnen, noch nie dagewesenen Schritt wagte, um die Grenzen und Rahmen der Skulptur zu erweitern. Es schien dem jungen Künstler mit dem energischen, eigenartigen Geiste, dass die Skulptur nicht bei den bisherigen, durch die Schule gefestigten Begriffen bleiben dürfe und dass sie noch viel weiter vorwärts schreiten könne. Er wollte der Skulptur Mannigfaltigkeit des Plans und zauberische Beleuchtung verleihen. Zu diesem Zweck that er einen kühnen Schritt, an den keiner der bisherigen Bildhauer je gedacht, geschweige denn sich gewagt hätte, er gab seinem Basrelief verschiedene Tiefe: hier ist sie flach, dort tritt sie stark hervor und reicht weit hinein nach innen; ausserdem machte er in der Wand eine Oeffnung, durch die das Licht seitlich auf die Szene fällt und sie durchaus ungleichmässig beleuchten muss : hier ist volles Licht, weiterhin Halblicht, noch weiterhin Dunkel und endlich an einigen Stellen tiefe Finsternis. Diese Neuerung, diese kühnen AI. ANTOKOLSKI. Mephistopheles. Kunstgriffe -gaben im Verein mit dem mächtigen Talent in der Ausführung der auf dieser originellen Szene handelnden Personen solche neue, unerhörte Resultate, dass man die „Inquisition" von Antokolski für die merkwürdigste, eigenartigste und für die Zukunft der Kunst wichtigste Schöpfung dieses Künstlers ansehen muss, selbst im Vergleich mit einer so grossartigen,. tragischen und von Wahrheit und Schönheit erfüllten Schöpfung wie sein „Johann der Grausame". In dieser Arbeit, die mich tief ergriffen hat, stellt Antokolski ein unterirdisches Kellergewölbe dar, in dem sich Juden zur Feier des ersten Osterfeiertages zum Gebet und zum Mahl versammelt haben. Die Gewölbe sind mitjüdischenBibelsprüchen beschrieben. Alle Anwesenden sassen um einen langen, mit Geschirr, Speisen und auch mit Büchern bedeckten Tisch. Plötzlich vernahm man Lärm, auf der schmalen, seitwärts gelegenen Wandeltreppe erschallten Tritte; alle sprangen angsterfüllt auf, alle stürzten in wirrem Durcheinander zur Thür und stiessen und drängten einander; in der allgemeinen Verwirrung wird das Tischtuch vom Tisch gerissen, Geschirr undBücherfallenzurErde,dieStühlewer-den umgeworfen; nur ein Greis, mit dem Kopfe und dem Blick eines alten Propheten, ist auf seinem Platze geblieben, tür ihn giebt es keine Furcht, keine Gefahr vor äusseren Feinden, und während all seine Kameraden fliehen und sich in kleinmütiger Furcht verbergen, erwartet er aliein mit ruhiger, majestätischer Würde die Feinde. Und diese Feinde — das ist ein satter, fetter Kardinal, einer der treuen Diener der Inquisition; er ist in Begleitung eines Haufens bewaffneter Krieger die Treppe hinabgestiegen. Er braucht sich nicht