Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 11 (November 1902)
- Article
- Der größte jüdische Bildhauer
- Date
- 1902-11-01
- Page
- Seite 737 - 738 (sequence 5)
- Language
- German
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737 Baron David von Günzburg: Der grösste jüdische Bildhauer. 738 M. ANTOKOLSKI. Johannes der Täufer. meldete ihm der Diener, dass sich ein grosses Stück des Thonblockes losgelöst hätte. Vom Fieber geschüttelt, sprang er von seinem Lager aut und reparierte den Schaden, aber ihn selbst hätte es beinahe das Leben gekostet. So schien sich alles um ihn zu drehen: man bot ihm an,ihn, wie einen ehrenwerten Kaufmann, zum „Bourgeois notable" zu ernennen, die Professoren überhäuften ihn mit dringenden Einladungen, um ihm Gerechtigkeit für seine Anstrengungen widerfahren zu lassen. Die Kunstwerke und die bestellten Kopien hatten seinen Beutel nicht gefüllt, seine Ideen hatten noch keine Form gewonnen, da begann schon sein Leben zu entweichen. Daentschloss ersieh, zuProfessor Gagarin, dem Vize-Präsidenten der Akademie, zu gehen. Dieser, ein Italiener nach seiner Erziehung und ein Künstler nach seiner Veranlagung, kletterte die endlosen Treppen empor, die ihn von Iwan dem Schrecklichen trennten, und, ausser sich vor Bewunderung, veranlasste er die Grossfürstin Marie Nicolajewna, sich das Werk anzusehen. Diese, ebenfalls in höchstem Maasse begeistert, brachte auch den Kaiser Alexander II. dazu, den Weg zu dem Atelier des Künstlers zu nehmen. Die grosse Menge folgte; jeder zur besseren Gesellschaft Gehörige hielt sich seitdem für verpflichtet, einige Minuten in Antokolski's provisorischem Atelier zuzubringen, nachdem der Meister auf allerhöchsten Befehl zum Mitglied der Akademie ernannt worden war. Die Statue war vom Kaiser angekauft worden, die ,,Inquisition" gehörte der Grossfürstio. Immer der Erste, proklamierte Stassof uibi et orbi, was für ein genialer Bildhauer entdeckt war, der grosse Turgenieff erzählte im „Bulletin de St. Petersbourg", der Tageszeitung der vornehmen liberalen Gesellschaft, von dem Eindruck, den er beim Anblick dieses Meisterwerkes eines unbekannten Künstlers empfangen hatte, und befreundete sich mit ihm. Die Zeit der Prüfungen war vorüber, und der Ruhm war bei dem enterbten Sohne Wilnas eingekehrt. Er ging nach Italien, um etwas für seine Gesundheit zu thun, sich seines Erfolges zu freuen. Das Glück folgte dem Ruhme; er heiratete eines der schönsten Mädchen seiner Geburtsstadt und Hess sich im Sonnenlande nieder. Aber was ihn dort am meisten erwärmte, das war die Freundschaft, für die niemand ein dankbareres Herz hatte als er. Treu seinen ersten Freunden, erweiterte er diesen Kreis und wusste wohl diejenigen zu wählen, denen er sein ganzes Vertrauen schenkte. In Rom vervollständigte die Gesellschaft der Vasnetzof, Mamontof, Oholewski, Botzine und anderer Persönlichkeiten, die alle die