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Ost und West · 1902-11-01 · Heft 11 (November 1902) · p. Seite 735 - 736

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 11 (November 1902)
Article
Der größte jüdische Bildhauer
Date
1902-11-01
Page
Seite 735 - 736 (sequence 4)
Language
German
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735 Baron David von Günzburg: Der grösste judische Bildhauer. 736 Schriftwerke von kraftvoller Schönheit und - unendlicher Vielseitigkeit — das ist seine litterarische Produktion. Man wird in seiner Korrespondenz, deren Herausgabe noch bevorsteht, seinen klaren Blick, seinen meisterhaften Griff, seinen Ideenhunger und seine Liebe zur Menschheit bewundern müssen, die ihn zu einem Auserwählten machten. Die Leiden der armen kleinen jüdischen „Kantonisten", die Erziehung der jüdischen Jugend, die Folgen der* antisemitischen Tumulte, die Betrachtungen über den Zionismus, die Kunst in Russland, in Italien, in Frankreich, das Entstehen seiner eigenen Schöpfungen, die Grundgesetze der Aesthetik, der Kampf ums Dasein — alles dies vereinigt sich unter seiner Feder und giebt ein aussergewöhnliches Gesamtbild, in dem sich die Litteratur, die Skulptur, die Philosophie, die Soziologie, die Geschichte und die Aesthetik vereinigen zu Nutz und Frommen jedes einzelnen dieser Gegenstände. Es ist kein wüstes Durcheinander, kein chaotischer Brei, sondern eine harmonische Verbrüderung, ein einheitliches Ganze. Man wird erstaunt und überrascht sein bei der Entdeckung, dass ihm der grausame Tod Jesaias in seiner ganzen tragischen Schönheit als Idee vorschwebte, bevor er sie unter dem Einflüsse seiner Freunde in Rom zu dem Leiden Christi verarbeitete. Man wiid überhaupt bewundern müssen, wie ein Genie seinem Volke und seiner Abstammung treu bleiben und doch der ganzen Menschheit gehören kann, und man wird noch eine Fülle von Belehrungen schöpfen bei der anziehenden Lektüre dieser Geist und Leben sprühenden Blätter. — Seine pekuniären Verhältnisse Hessen natürlich im. Anfang zu wünschen übrig. Ein Nagel und ein Stückchen Elfenbein dienten ihm zum Porträtieren meines Grossvaters und hatten zur Folge ein kleines Stipendium und das Erblühen einer dauernden Freundschaft, die sich nie verleugnet und in ungeschwächtem Maasse von einer Generation zur anderen fortgepflanzt hat. Antokolski war kein gewöhnlicher Stipendiat. Unfähig, sich den Anforderungen der Sprachlehrer zu fügen, verzichtete er kühn auf ein Spezial-Stipendium, dessen Annahme ihn zur Erlernung des Französischen gezwungen hätte. Dann, nachdem es ihm gelungen war, durch sein eigenes Verdienst ein staatliches Stipendium zu erlangen, lehnte er die Hilfe der Freundschaft ab und zeigte sich in zarter Weise erkenntlich für die geringfügige Hilfe, die man glücklich gewesen war, ihm zuwenden zu können. Unter denselben Auspicien unternahm er eine Reise nach Berlin, um sich zu vervollständigen und um die trüben Gedanken zu zerstreuen, die ihm das Unsichere seiner Zukunft verursachten. Er hatte keine regelrechte Erziehung genossen, und jetzt, da es sich für ihn darum handelte, ausserhalb des üblichen Schulweges Diplome für seine Bemühungen zu erlangen, fing das Judentum an, auf seinen Schultern zu lasten. Wohl waren schon öfter Ausnahmen gemacht worden, aber nur bei Christen und immer aus guten Gründen; es geschah damals zum erstenmal, dass ein Jude sich der Akademie vorstellte. Vladimir Stassof, dieser grosse Kritiker und vorzügliche Mensch, begrüsste mit Interesse und Wohlwollen den neuen Ankömmling, den Sohn einer Rasse, die unterdrückt und misshandelt wurde von denen, die sie nicht anerkennen wollten, und zu deren Verteidigung er bereits manche Lanze gebrochen hatte. Er zeigte Antokolski die Hoffnung auf ein Neu-Erstehen der ewig jungen Skulptur, und er freute sich in der Ueberzeugung, dass die Idee die Materie bändigen, dass Wahrheit und Ernst die Manieriertheit besiegen, dass die Seele die Form beleben würde. Aber der stärkste Wind zerteilt die Wolken nicht mit einem Schlage, und man verdachte es Mark Antokolski, dass er die ausgetretene Bahn verlassen hatte und annahm, dass die Griechen ihre Seele in ihre Werke gelegt hatten, dass er das Wahre ausserhalb des Althergebrachten erblickte, dass er die Technik in den Dienst des Gefühls stellte, dass er alle übernommenen Lehren über den Haufen warf, indem er das Schauspiel der Inquisition so darstellte, wie er es in seinem von Schrecken, Mitleid und Enthusiasmus zitternden Herzen gesehen hatte! Man remonstrierte durch die Vermittelung des Inspektors sogar offiziell gegen seinen Eigensinn. In Berlin angekommen, sah er sich an, was es dort zu sehen gab, aber ein kühler, frostiger Empfang rief bittere Gedanken in ihm wach. In dieser Stadt, die es sich später zur Ehre rechnete, ihn zu der Zahl ihrer Akademie-Mitglieder zu zählen, konnte er damals nicht einmal Anstellung bei einem Anstreicher finden. Was nützten ihm da seine Empfehlungen, mit denen er versehen war, und wie schätzte man die Proben seines Könnens? Wann werden die Menschen dazu gelangen, die Schönheit der Morgenröte zu erkennen und sie in ihrem zarten jungfräulichen Purpur der hellenMittagssonne vorzuziehen, die schonihrem Untergange entgegeneilt? ♦. . Nach Wilna zurückgekommen, fand Antokolsky, dass seine Skizze der Inquisition praktischen Zwecken diente, man hatte sie in einen Hühnerstall umgewandelt. Hier war es dann aber, wo ihn die grossen Gestalten der Geschichte beschäftigten, an Iwan den Schrecklichen und Peter den Grossen dachte er, zwei hervorragende Verkörperungen des Prinzips der Autokratie, unvergessliche Beispiele dafür, was die Kraft des menschlichen Willens vermag. Er macht sich zuerst an die gequälte Gestalt Iwan's, er liest, er denkt, er arbeitet; er erlangt die Erlaubnis, im Sommer allein im Skulpturen-Saal zu arbeiten, unter der Bedingung, die Basreliefs auszubessern, die seinerzeit mit einer goldenen Medaille ausgezeichnet worden waren. Im Winter musste er der Statue die Arme abschlagen, um sie nach dem Bodenraum zu transportieren, wo man ihm die Vollendung seines Werkes gnädigst gestattete. Indessen war die Gesundheit des Künstlers gebrochen, ein Lungenbluten zwang ihn auf das Krankenlager. Eines schönen Tages

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