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Ost und West · 1902-11-01 · Heft 11 (November 1902) · p. Seite 739 - 740

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 11 (November 1902)
Article
Der größte jüdische Bildhauer
Date
1902-11-01
Page
Seite 739 - 740 (sequence 6)
Language
German
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739 Baron David*von^Günzburg: Der grosste jüdische Bildhauer. 740 verschiedenen Tendenzen der russischen Kultur wiederspiegelten, was ihm Petersburg geboten hatte mit seinen Zusammenkünften im Freundeskreise und den litterarischen und musikalischen Abenden bei Stassof. — Wie jeder grosse Künstler, hatte er sein Auge auf einen armen Knaben geworfen, der, wie er selbst, das Licht suchte, er hatte ihn von Wilna fortgenommen und ihn mit seinen Arbeiten und seinem Ruhme verbunden, hatte ihn zu seinem Schüler gemacht und brachte ihn vorwärts. Er fand in ihm eine Stütze, einen Halt, einen Vertrauten, einen Herold seines Ruhmes und einen eifersüchtigen Bewahrer seiner Tradition: ich spreche von Elias Günzburg. Das war der Anfang auf dem Wege, den er mit aller Entschiedenheit beschritt, bereit, jedem aufstrebenden Talente seineHände aufs Haupt zulegen. Drei Kinder erfreuten sein Herz, aber der Erstgeborene lebte nur kurze Zeit, — diese Totenglocke Hess neue Saiten in seiner Seele vibrieren, und eine schwermütige Poesie lügte ihre tiefen und reizvollen Klänge zu der wundervollen Tonskala, aus der er es verstanden hatte vom ersten Anfang seiner Laufbahn an, Anregungen zu schöpfen. Und in den nordischen Nebeln fand einen traurigen Tod Mytislav Prakhof, die Seele einer Elite-Gruppe, der Antokolski angehört hatte, einer jener Idealisten, die eine tiefe Spur im Gedächtnis aller, die sie kannten, hinterlassen, aber den Freunden doch das Beste, was sie besassen, aisVermächtnis geben: einpaar Seiten bei Antokolski und bei Repine bilden seine Grabschrift und seine Biographie. Es wäre interessant, die Freundschaftsbündnisse dieses ersten jüdischen Skulptors Revue passieren zu lassen; das gäbe gleichzeitig eine interessante Studie über das intellektuelle Leben < Europas vom Baltischen bis zum Mittelländischen Meere in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts. . . . Andere mögen diesen Versuch machen — vielleicht Stassof in der ausführlichen Biographie, die er dem Andenken seines grossen Freundes widmet. Die Welt hat an ihm einen Künstler eingebüsst — jeder von uns aber hat mit ihm ein Stück seines Selbst verloren.--— M. ANTOKOLSKI. (Zweite Periode) Von Bildhauer Elias Günzburg (Petersburg). Im Sommer des Jahres 1870, alsich nach Petersburg kam, beendete Mark Antokolski schon seine Statue „Iwan der Grausame". Es war dies seine erste grosse Arbeit, deren Thema der russischen Geschichte entnommen war. Bis dahin hatte Antokolski in der Skulptur stets das jüdische Leben dargestellt, so wie er sich dessen erinnerte, so wie er es fühlte. Diese sog. jüdische Periode schloss mit der Apotheose seiner schöpferischen Thätigkeit im Sinne des Judentums: mit der „Inquisition". Merkwürdig ist der Umstand, dass er diese seine grosse Arbeit genau in der Mitte seines Lebens, in der voUen Entfaltung seines Talentes, leistete; be dieser Arbeit starb er auch, reich an schöpferischer Kraft. Die Presse brachte überhaupt nur weniges über diese erste „jüdische" Periode seiner schöpferischen Thätigkeit. Viele wollten darüber nicht reden, um nicht in Antokolsky den Juden sehen zu müssen; anderen war diese Periode seines Lebens nicht bekannt. Ein Augenzeuge seiner Arbeiten, der bekannte Kritiker W. W. Stassow, schreibt im Jahre 1871 folgendes: „In seinen ersten künstlerischen Versuchen stellte Antokolski, noch als Schüler und Jüngling, es sich zur Aufgabe, jene jüdische Welt, in der er geboren war und in der er seine Kindheit und seine Jugend verlebt hatte, darzustellen. „Ein jüdischer Schneider, eine Nadel einfädelnd" und „ein jüdischer Geizhals, Geld zählend" waren im höchsten Grade originell, denn in kleinen Bildhauerarbeiten gaben sie mit ausserordentlicher Einfachheit und Wahrhaftigkeit, mit ausserordentlichem Wirklichkeitsgefühl Szenen aus dem alltäglichen Leben der heutigen Juden wieder, aus dem Leben, das Antokolski so bekannt war, das ihm stets vor Augen war. Aus diesen Darstellungen sprach viel Beobachtungsgabe, und die feinen Charakterzüge, die Typen, Kostüme und die ganze Umgebung waren mit merkwürdigem, eigenartigem Talent wiedergegeben. Bald darauf begann der Geist des jungen Künstlers sich zu festigen; er fühlte das Bedürfnis, von den zufälligen, unwichtigen Erscheinungen des alltäglichen Lebens zu tieferen, bedeutungsvolleren überzugehen; auf solche Weise entstanden in seiner Phantasie, möglicherweise sogar zu gleicher Zeit, zwei Szenen: „Streit über den Talmud" und „Die Inquisition". Beide gehören zu den originellsten Schöpfungen, und zwar auf einem Gebiete, das in der Skulptur noch von niemandem betreten worden war. Leider ist die Komposition „Streit über den Talmud" nie ganz ausgeführt worden; wir besitzen von ihr nur die Büsten (in geringer Grösse) zweier eifrig streitender Juden. Ihre Züge spiegeln Enthusiasmus, Fanatismus wieder, die Augen der Streitenden glühen, die vorgestreckten Lippen sprechen böse Reden, alle Gesichtsmuskeln spielen, — man glaubt Worte und Stimmen zu hören. Eine solche seelische Erregtheit, solches Leben, solch ein Enthusiasmus, solches Ungestüm, solch ein bis ins innerste Wesen Erfülltsein vom Gegen-

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