Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 11 (November 1902)
- Article
- Der größte jüdische Bildhauer
- Date
- 1902-11-01
- Page
- Seite 731 - 732 (sequence 2)
- Language
- German
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731 Baron David von Günzburg: Der grösste jüdische Bildhauer. 732 die Lehre — sicherlich für ihn ein ungeeigneter Beruf. Man war gezwungen, ihn in andereHände zu geben. Ein Graveur nahm ihn zu sich, und das entsprach seinen Neigungen schon mehr; — er begann zu modellieren, wie unter einem unwiderstehlichen Zwange: Holz, Stein — alles diente ihm zur Verfertigung von Figuren. Keine Instrumente, keine Modelle, nichts als ein Instinkt und ein unüberwindliches Hinarbeiten zu seinem Ziel. Der ruhige Reiz der litauischen Landschaft und die Unendlichkeit der dunklen Nadelwälder, das Fehlen jedes sozialen und politischen Lebens, die Gedrücktheit der menschlichen Arbeit in diesem jüdischen Ameisenhaufen, die Grösse des religiösen Gefühls und der Ernst der talmudischen Studien, alle diese verschiedenartigen Elemente übten ihren Einfluss auf Geist und Charakter desjenigen, der berufen war. mit gleicher Meisterschaft die verschiedenen Typen der Judenschaft Nordrusslands wiederzugeben, wie die inneren Seelenkämpfe, die Vernichtung der Idee durch die Inquisition, den komplizierten Charakter des Autokraten, die himmlische Geduld der Märtyrer, die hohe Schönheit der Pflichterfüllung, das Mysterium von Krankheit und Tod und alle die Empfindungen, die das Weib in uns erweckt. Ein Feldmesser, der ein wenig dem Trünke ergeben war, ein Mann ohne nennenswerte Bildung, aber mit einem ausgezeichneten Gedächtnis und einem platonischen Interesse für die Kunst, von der er freilich wenig genug wusste, wurde mit Antokolski bekannt, interessierte sich für seine ersten Versuche und entflammte seine Phantasie durch seine Reden, die zwar jeder Rhetorik entbehrten, aber doch wirkten durch die grosse Stärke der Ueberzeugung, durch die Liebe zum Schönen, die sich darin widerspiegelten, und durch den Enthusiasmus für die grossen Namen, die er nannte. Antokolski hörte voll Begeisterung die prophetischen Worte: du bist ein Künstler, du bist ein König der Natur, du bist zu gut für das Handwerk, du sollst schaffen, schaffen unter der Inspiration der Muse. Eile aus diesem Lande zum Tempel der Kunst. Schau' dir diese Menschen an, sie können nichts, sie wissen nichts, aber du, du sollst wissen, welchen Reichtum du in dir trägst."---Diese Worte blieben ihm sein ganzes Leben lang im Herzen. Ansgespornt durch diese Ermahnungen seines obskuren Freundes, den er aus dem Auge verlor, als er Wilna verliess, und dessen Spur er später niemals wiederfinden konnte, machte er sich daran, einen kleinen Kunstgegenstand religiösen Charakters zu kopieren; er brachte seine Arbeit der Frau des Generalgouverneurs, Frau Nazimof, die eine sehr hochherzige Dame war. Sie sah, dass sie es mit einem vielversprechenden Talente zu thun hatte, und wollte, dass ihr Protege nach der Hauptstadt ginge. Er reiste, wohl verproviantiert, mit hoffnungsfreudigem Herzen und 48 Rubeln in der Tasche, ab, im Besitze einer Empfehlung an die Baronin von Rahden. Seine 48 Rubel schwanden sehr schnell in St. Petersburg, sein Proviant war bald verzehrt, und sein Empfehlungsbrief blieb lange nutzlos, denn Petersburg ist im Sommer und zu Anfang des Herbstes ausgestorben. Die Hoffnung allein hielt seinen Mut aufrecht. Die Baronin von Rahden traf schliesslich ein. Sie gehörte zum Hofstaate der Grossherzogin Helene, dieser Oase von geistigen Interessen und Freiheit in der Wüste, welche Willkür und Leibeigenschaft um sich geschaffen hatten. Sie sandte sofort Antokolski mit seiner Holzskulptur zu Professor Rimenof, der ihm den Zutritt zur Akademie verschaffte. Dies geschah vor 40 Jahren. Er blieb 6 Jahre dort, bildete sich aus und machte sich an grosse Werke, aber sonderbarerweise muss man konstatieren, dass die Organisation dieser Kunstschule derart mangelhaft war, dass man kaum verstehen kann, wie dort die schöne Ernte von Talenten keimen konnte, die Russlands Ruhm bedeuten: Antokolski, Kramskoi, Semiradski, Vasnetzof, Repine, Verestchaguine. Es ist wohl angebracht, über diese Anomalie nachzudenken^ die vielleicht das Urteil über eine Schule spricht, welche sich durch ihr System von Programmen und Diplomen so entwickeln musste. Gutherzige Lehrer — ein absoluter Mangel an jeder einheitlichen Leitung, ein unbeschreibliches Durcheinander der Studien, das waren damals die Charakteristika der Schule. Pimenof hatte Talent, er war eine Autorität, aber seine Kurse existierten nur dem Namen nach, und übrigens starb er bald. Die anatomischen Studien entbehrten der erfolgreichen Leitung Hepner's, den ein plötzlicher Tod der Liebe seiner Schüler entriss. Reimers nahm seine Pflichten ernst, er übte einen grossen Einfluss auf Antokolsky aus, und sein frühzeitiger Tod war ein schwerer Schlag für den jungen Künstler. Der berühmte Tiermaler Clodt bezeigte ihm seine Anerkennung, und der Maler Bruni, der Rektor der Akademie, war ihm von einigem Nutzen, indem er ihn vor einer Vergewaltigung seiner Originalität schützte. Das war wenig genug, aber in seinem jugendlichen Feuer fühlte er sein Herz schlagen im Gleichklang mit dem russischen Gedanken, der damals seinen schönen und grossen Aufschwung nahm. Sein Leben floss in vollen Ufern. Die langen Wintersoireen, gemeinsame Lektüre, unabsehbar sich dehnende Diskussionen, Musik und häufiger Besuch der Museen entwickelten und festigten das Genie Antokolski's. Man muss in seiner Autobiographie, die im Jahre 1887 gedruckt wurde, die Erzählung von seinen ersten Schritten im Leben nachlesen, um sich ein Bild von der Intensität der Entwicklung zu machen, die sich damals in seinem Innern abspielte. Wie zwei Phantome richteten sich vor ihm die jüdische und die griechische Tradition auf und hätten ihn unfehlbar erstickt, wie die Schlangen den jungen Herkules in der Wiege zu ersticken versucht hatten, wenn er nicht, statt sich der einen oder anderen zu fügen, ähnlich dem griechischen Heros, sie beide in seine