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Ost und West · 1902-11-01 · Heft 11 (November 1902) · p. Seite 729 - 730

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 11 (November 1902)
Article
Der größte jüdische Bildhauer
Date
1902-11-01
Page
Seite 729 - 730 (sequence 1)
Language
German
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729 730 DER OROESSTE JUEDISCHE BILDHAUER. Von Baron David von Günzburg (Petersburg). In der Nacht vom 9. Juni 1902 — dem 5. Tamus 5662 — starb zu Homburg bei Frankfurt am Main Mark Antokolski im Alter von noch nicht ganz 60 Jahren und in noch ungeschwächter Schaffenskraft. Er starb unter furchtbaren Leiden, die durch die Aerzte noch erschwert wurden. Er — der Schöpfer von Philosophen-Monumenten, wie die von Sokrates und Spinoza — hat noch auf seinem Schmerzenslager gezeigt, dass er selbst die Geistesgrösse eines Philosophenbesass. Denn er war nicht nur ein grosser Bildhauer, war auch er ein tieferund origineller Denker. Die Leiden seiner frühen Jugend hatten seine Gesundheit untergraben, und die Krankheit hätte ihn fast vor seinem ersten Erfolgeweggerafft. Der enge Formalismus der Schule, die Vorurteile der christlichen Welt, das konventionelle Gesellschaftsleben behinderten zu ihrem Teile die allmähliche Entwickelung seines Genies, und schliesslich setzte der Tod seinem künstlerischen Schaffen ein vorzeitiges Ende, in dem Moment, wo sein Geist sich mit den herrlichsten Bildern beschäftigte, und er im Begriff war, der Welt in einer erhabenen und prachtvollen Synthese die Trilogie des Menschheitsdramas vorzuführen (der Sieg der Civilisation über die Wilden — die heidnischen Christenverfolgungen — die Unterdrückung der Juden durch die Inquisition), und als einen Abschluss die endliche Versöhnung zweier sterbender Kämpfer. Aber die Unabhängigkeit seines Geistes war eine so ausserordentliche, seine Individualiät so kraftvoll und seine Energie so fruchtbar, dass Antokolski's Name für viele künftige Generationen gleichbedeutend sein wird mit allem, was gross ist in der Kunst und wundervoll im Bereich des Mark Antokolski. geistigen Schaffens. — Mark Antokolski lebte ursprünglich in der erstickenden Atmosphäre eines Wirtshauses in Wilna; der Cheder, den er besuchte, hinterliess in ihm den Eindruck eines Ortes, wo die Kinder nichts als viele Schläge bekamen, und nicht viel besser gefiel es ihm in seinem Vaterhause. Er wrar fremd in der Mitte der Seinigen, und musste oftmals auf seinem Rücken den Ausdruck der instinktiven Abneigung fühlen, mit welcher grobe Naturen diejenigen auszeichnen, deren Aspiration sie nicht teilen — bis zu dem Tage, an dem sie unbewusst gezwungen sind, sie anzuerkennen. Diese Aspirationen waren natürlich sehr unklarer Natur bei einem Kinde, das — fern von jeder künstlerischen Betätigung — sich über seine eigene Lage nicht Rechenschaftgeben konnte, und nur gerade das begriff, dass es sehr unglücklich war. Er behielt von seiner Kindheit eine schmerzliche Erinnerung zurück, der er vor seinem Tode mit brennender Erregung Ausdruck lieh in einer Erzählung, welche er mit fieberhafter Eile beendigte, als die allzu starken Schmerzen ihm die Feder aus der Hand zu zwingen begannen. Seit seiner frühesten Kindheit fand er keinerlei Sympathie ausser in dem zarten und ungewöhnlich guten Herzen seiner Mutter, und einen wirklichen Kultus widmete er dieser einfachen Frau, die trotz ihres Mangels an Erziehung seltene Seelengrösse besass, und die ihm in seinem bewegten Leben immer neuen Mut einflösste, wenn er ihn verlieren wollte, und der ihm denn auch treu blieb bis zum Ende. . . . Er musste eine Profession ergreifen, und man gab den Knaben zu einem Posamentier in

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