Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1902)
- Article
- Sabbatnachmittag
- Date
- 1902-10-01
- Page
- Seite 703 - 704 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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703 ^Theodor Zlocisti: Sabbataaehmittag. 704 Oben aut dem Zwischendeck drängen sich, hasten die Juden. Die Mütter umschlingen die Kinder und drücken sie an das wildpochende Herz, und sie heulen miteinander Verzweiflungsgeheul. . Und die Männer legen den allrettenden Talisman an; und während das Schiff schaukelt und zu baldigem Tod auf die Seite sich legt, dann emporrast, um wieder niederzusausen in den Wellengrund, schlingen sie die Tefillim um Kopf und Arm und küssen die Schaufäden und flehen empor zum Ewigen: „Er lässt nicht gleiten deinen Fuss; dein Schützer schlummert nicht. Nein — Nein! Er schläft nicht und schlummert nicht, der Hüter Israels." — Die Sonne war immer tiefer gesunken und ruhte nun wie ein riesiger, gelbgoldiger Feuerball dort in der Ferne, wo der Horizont im Sehnsuchtkusse mit der Erde in ein ander fliesst. Ein letzter Strahl huschte noch durchs Fenster des Stübchens, umkoste Riwke's blondrotes Haar, dass es von goldigem Glänze umgössen war. Riwke hatte die Arme untereinandergeschlagen, bedeckt von dem langgestreiften, franzenreichen, wolligen Umschlagetuch, das sich ihr keusch um die Schulter und die Brust schmiegte. . . Ein Angstgefühl hatte sie ergriffen, wie sie die schaurigen Bilder vor ihrem inneren Auge aufsteigen sah. "Wie hilfesuchend bohrte sich ihr Blick in die Stübchenecke — bang fragend, als hocke dort im Winkel ein lauerndes Etwas, das auch sie ankrallen könnte und ins weite, weite Elend jagte. — Das Sonnenstrählchen aber setzte vergnüglich vom Haupte Riwke's seine Reise fort. Es kroch nun auf das Gesicht des alten Mütterchens, das sich fester in die Bettdecke eingehüllt hatte und sich mit zitternder Hand gegen die Seitenwände des Bettes stemmte, damit sie nicht herausfiele. Denn ihr tanzte es um die Augen, als führe sie auf sturmgeschaukeltem Schiff. . . . Doch eh man sichs versah, sass schon der Sonnenstrahl auf Grosspapas Kopf und rutschte dann zutraulich auf seine lange, kolbige Nase. Grossvater sass traumverloren da; sein Kopf war auf die Brust gesunken; sein Auge ruhte am Boden. Mit der linken Hand spielte er in dem weichen, langlockigen Haar seiner ihm zu Füssen sitzenden Enkelin, während der rechte Arm schlaff herabhing. . . . Der Aurach hatte sich während Awromke's Lesen in seinem Schnellgebete nicht stören lassen. Manchmal aber packte auch ihn die Tragik jüdischen Auswandererleides, dann horchte er auf, die Augenbrauen krampfhaft emporgezogen. Die Lippen klappten langsamer aufeinander, langsamer und langsamer, bis sie, ganz allmählich von einander getrennt, wie erstarrt stehen blieben. Dann aber zuckte es durch seinen Oberkörper, der Kopf flog nach vorn, und die Lippen fingen wieder an, sich zu bewegen, zu regen, aufeinander zu zittern, zu stürmen, zu fliegen, immer schneller, immer wilder, um das Versäumte nachzuholen: Er sagte noch immer Tillim .... — — Awromke las weiter vor, immer stotternder, denn es war allmählich dunkel geworden, so dass er nur schwer lesen konnte. Aber jetzt betonte er nicht mehr so derb, unbeholfen jedes Wort, jede Sübe — ein leises Zittern flog durch seine Stimme. Immer neue Schreckenszenen Hess er erstehen. Der Schmerz der Unglücklichen auf leckem Schiff, wie sie zwischen Leben, Sterben und Verderben, sich in Furcht verzehrten, krallte sich wie mit Teufelskrallen ins Herz der Menschen im Stübel, schüttelte wie ein Fieberfrost ihr Gebein. —-- ... Da stürzt ein Jüngling, der seinen Vater zu verlieren fürchtet, auf den Kapitän zu, der mit eisiger Ruhe auf der Kommandobrücke energisch befehlend den Kampf mit dem Sturm der Elemente aufnimmt. „Derbarmt sich, sennen wir verloiren?" Der Kapitän steht regungslos — er vernimmt nicht die bange Frage, denn der Wind reisst sie ja dem Jüngling aus dem Munde, und gierig wie ein hungerndes Tier, das einem anderen den Bissen aus dem Rachen zerrt, zerfetzt er die Worte und rast sie in alle Winde. Das Schiff ist gerettet. Majestätisch wie ein Held nach glänzendem Siege fährt es über die nur leicht bewegte Flut — das Meer, ein wenig von weichem Winde gekräuselt, liegt unschuldig-harmlos da, wie eine schlummernde Jungfrau. Zart wogen die Wellen ans Schiff und drängen sich kosend an die Planken. Zuweilen doch grollt es brodelnd aus der Tiefe empor — wie das Schluchzen des Menschen Brust noch nach Stunden durchbebt, wenn er heftig zuvor geweint. Durch die Stille schweigender Nacht dringt aus heiseren Branntweinkehlen stämmiger Matrosen ein fröhliches Trinklied. Durch die Stille schweigender Nacht zieht ein rettungsfrohes Weinen angstbefreiter Mutterliebe, zieht der wehmütige, monotone Dankessingsang alter Psalmen aus dem bebenden Munde armer, verlassener, heimatverstossener Juden. — — — — — — — — — — Das Enkelkind rückt unruhig auf seiner Rutsche umher, bald hebt es das Köpfchen, bald lehnt es sich wieder in Grosspapas Schooss. ... Ihr Vater hatte ja jüngst geschrieben. Nach langer Zeit. Es ginge leidlich, er könne die Familie drüben ernähren. Er hatte Schiffskarten geschickt für die Mutter und die fünf Kinder, und nun sollten sie, wenn die grossen Festtage vorüber, hinüberkommen über das Meer, über das weite, sturmvoile, uferlose Meer . . . Auf schwankem Schiff. . . o Gott! Sie hat nun gehört, was eine Seefahrt ist, und die gigantisch bauende Kinderphantasie lässt die Schrecken schreckender erscheinen ... Wir ihr das Köpfchen glüht! Das Auge glänzt durchgeistigt und starrt zum Himmel, wo die Sonne schon gesunken. Der Abenddämmer steigt schwarzgehüllt empor. Die Wolken rennen und jagen, sich drängend am Himmel — wie Schiffe auf dem Meere. Da . . . stürmt ein grosses Schiff heran, da . . . da . . . am Himmel, und es ist so gross wie zehn Häuser, und es wankt und schwankt und schaukelt und klimmt die Wellenberge empor und sinkt in die Tiefe. Und die Menschen . . . wie sie sich stossen . . . wie sie die fleischlosen Hände ringen, wie die Mütter (— und sie haben alle ihrer Mutter Gesicht —) ihre Kinder umarmen und pressen und küssen und todesängstlich herzen und zum Himmel emporheben — flehend . . . und zu Boden stürzen und weinen und heulen ... Die Flut steigt, steigt immer höher, und das Schiff sinkt, versinkt ins Bodenlose ... Eine schwarze Hülle deckt'den Himmel — es ist Nacht! ... Das Kind hat die Augen geschlossen, fest zugepresst. Die Brust rast auf und nieder . . . keuchend fliegt der Atem ...