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Ost und West · 1902-10-01 · Heft 10 (Oktober 1902) · p. Seite 701 - 702

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 10 (Oktober 1902)
Article
Sabbatnachmittag
Date
1902-10-01
Page
Seite 701 - 702 (sequence 3)
Language
German
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701 Theodor Zlocisti: Sabbatnachmittag. 702 sagte dann: „Awromke, willst nit die Geschichte weiterlesen, die Maasse yon de Jiden, wos sennen gefahren ibern Jam." — „ „Der Täte hat take recht" bemerkte die Mutter, „ „gleich, mein Kind, setz sich auf dan Bänkel und dersseil vun der Zeitung." „ Awroinke erhob sich vom Bettgestell, dass es wieder aufknarrte, setzte sich auf sein Bänkchen am Fenster, von der matten Helle der tieiersinkenden Sonne das zarte Haupt und die Schulter umflossen. Riwke hatte sich umgewandt und blickte nun, an die Fensterecke gelehnt, mit träumerischen Augen auf den Vater, der seinen Stuhl dicht vor Awromke gerückt hatte, dass ihm nur kein Wort entränne. Auch das Enkelkind kroch aus seinem Verstecke hinter dem Ofen hervor, wo es mit einem alten Bilderbuche ruhig gespielt hatte. Sie waren fünf Kinder, die bei den Eltern ihrer Mutter wohnten. Der Vater — Awromke's Bruder — war vor zwei Jahren nach Amerika gegangen. Aus Not! Wie lange hatte er nicht geschrieben! Die Mutter war tagtäglich zur kranken Schwiegermutter gelaufen, sie weinte und klagte und fluchte gar, dass man sie unglücklich gemacht. Aber Awromke und der Alte arbeiteten, was in ihren Kräften stand; Hunger sollte sie mit ihren Kindern nicht leiden. Immer wieder sprach ihr Awromke in seiner sanften Weise Trost zu; dann ging sie auch ruhig heim. Aber wenn die Dämmerung abendlich niedersank, dann schlang sie wohl ihr jüngstes Kind an ihre Brust und sang mit thränenbebender Stimme das Lied der Verlassenen, das Lied der Negune, ein altes jüdisches Volkslied: Frauen von alle Medines Bet's zu Gott mit groiss Gewein, Ihr sollt Chaswescholem nit bleiben Negünes, A soi wie ich allein. A Negune bin ich geblieben In a soine groisse Noit . . . Kinderlachs hob ich sieben, Ich hob nit a Stickele Broit. Das älteste Mädchen, Grossvaters Liebling, verkroch sich dann in die Ecke, und die dicken, grossen Thränen quollen ihr aus den Augen und rannen das bleiche Gesichtchen herunter . . . Warum sie nur weinte? Sie verstand ja noch nicht, was es heisst: „Dein Täte is aweggeloifen", verstand nicht die grause Tragik dieser Worte. Aber sie fühlte, es müsse was Schreckliches sein.-- Das liebe Kind lehnte ihr schwarzlockig umrahmtes Haupt auf Grosspapas Schooss. indem sie die Rechte unters Köpfchen legte, dieweil die Linke Grossväterchens Knie umschlang; und mit andächtig harrendem Blicke sah sie auf Awromke. Awromke hatte das Blatt schon in der Hand. Er rückte hin, er rückte her, endlich hatte er sich in Positur gesetzt, dass die nur matt noch leuchtende Sonne das Blatt beschiene. Er wendet die Blätter hierhin, dann wieder dorthin, blickt auf die obersten Zeilen, blickt auf die untersten Zeilen — nach der Stelle suchend, wo er gestern Abend stehen geblieben. Er hüstelt ein wenig, streckt den Kopf vor und beginnt stotternd, weil er die deutschen Schriftzüge noch halb buchstabieren muss: „Und die — Juden — — von — Berlin — brachten — viele — Opfer, als — die —- armen — Aus-wande-rer . . . Da unterbricht ihn die Mutter, sich im Bette aufrichtend: „Haste nit schoin gehalten, woi die Jiden sennen gegangen aut die Schiffen, was sennen so groiss wie zehn Haiser?" Ach ja! Langsam las er weiter, jedes Wort, jede Silbe scharf aussprechend, hart betonend, dass sich die Worte in das Hirn der Hörer einbohrten, dass die Bilder in die Seele wuchsen, mächtiger immer anschwollen, dann aber deutlich und deutlicher — wie plastisch — vor die Augen traten . . . . . . Das Zwischendeck ist von hunderten armer, heimatloser, drängender Juden besetzt. Zwischen den Bettsäcken sitzen die Weiber, alte, verblühte und junge . . . hohlwangig alle, alle leidumflorten Auges. Die Kinder drängen sich heran, weinend, murrend, schreiend. Sie sehen so elend aus mit den verthränten, schmutzigen Gesichtern, so jammervoll in ihren zerschlissenen Röckchen, in den zerrissenen Schuhen, aus denen die nackten Zehen hervorschauen. Auf Kisten sitzen junge Männer, die Cigarette im Munde. Aus ihren Blicken leuchtet grollender Hass, wütiges Rückerinnern an die menschen entwürdigende Tyrannei, die sie von liebgewordener Scholle stiess. Aus den Blicken leuchtet aber auch Lebensmut, hoffnunggeschwellt ein neues Leben, ein Leben der Freiheit, der Arbeit, stillen Glückes zu beginnen. Da sitzen aber auch Männer, denen das ewig lastende Joch den Nacken gebeugt, die Spannkraft geraubt, die Hoffnung auf eine lichtfrohe Zukunft ertötet hat — abgestumpfte, erstorbene Naturen. — . . Wie unten im Meere die Wogen sich drängen und jagen, der Wind durch die Raen pfeift, an den Masten rüttelt und zerrt, dass sie krachen und stöhnen, so brausfs auf dem Zwischendeck — ein wüstes Summen, ein Flüstern und Weinen, ein Seufzen und Murren, ein Klagen und Jammern, das bald anschwillt zu lautem, leidatmendem Geschrei, bald im Winde erstirbt — wehmutsleis. Am Himmel drängt sich das Gewölk, ballt sich's zusammen zu gewitterdrohenden, unheilbergenden Kolossen. Das Meer hebt sich stärker, als atme es tiefer auf. Die Wogen wallen und wachsen, krauchen verderbenlüstern an die Planken des Schiffes wie sagengewaltige Schlangen. Ein Donner rollt, kracht, als stürzte das Weltall in Trümmer, und verliert sich im brüllenden Seesturm, der aus tausend Schlünden heult . . . Es ist eine tollwütige Nacht . . . Sturmnacht! Bisweilen bricht das dichte Gewölk auseinander, und durch den dünnen Spalt zuckt in Weissglut der Blitz, dass ein grelles Licht das Meer umher umfliesst, dann stürzt er lebensmüde in die bodenlose, schwarze Tiefe, und rings umher gähnt wieder die Nacht, die sturmgrause Nacht . . . Das Schirl keucht todesmatt weiter, klimmt die weisskämmigen Wellenberge hinan, stürzt in abgrundtiefe Wellenthäler, um wieder wie ein leichter Spielball der Elemente emporzuschnellen. — Auf dem Deck grinst angstbleiches Entsetzen, und draussen tobt und brüllt und heult wie todwunde Löwen der Sturm. Da plötzlich zuckt ein Pfiff durch das dumpfhallende Gebrause: Das Schirl ist leck! Alte, wettergehärtete Matrosen eilen umher, rennen und drängen und stossen sich Platz mit roher Faust, und klettern die Masten empor und zerren am Segelwerk, und stürzen zum SchifTskiel und pumpen und fluchen und hämmern.

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