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Ost und West · 1902-10-01 · Heft 10 (Oktober 1902) · p. Seite 699 - 700

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 10 (Oktober 1902)
Article
Sabbatnachmittag
Date
1902-10-01
Page
Seite 699 - 700 (sequence 2)
Language
German
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699 Theodor Zlocisti: Sabbatnachmittag. 700 schrocken aus ihrem Schlummer auffahren und grimmig losschelten und brummen, dass es so rauscht Was schert's ihn?! — Er ist längst schon am Städtchen. Zunächst setzt er sich im aufwallenden Landstxeicherstolz ordentlich in Positur, um nur recht schneidig durch die Gasse zu stürmen. Dann blickt er mal neugierig durchs Fenster des kleinen Häuschens, das hart an der Landstrasse steht. . . Sieht es da aber festlich aus, in der engen Mansarde: — Die Gardinen, frisch gewaschen, prunken herausfordernd mit ihren koketten Fäitchen. Die Dielen sind fein säuberlich gescheuert und mit weissem Sande bestreut. Der Tisch ist mit hellen, weissblumig - durchwirkten Linnen bedeckt, und in den geputzten Leuchtern, die auf ihm stehen, spiegelten sich Aepfelschalen . . . Und die Menschen im Stübchen sind so festlich geschmückt, so sabbatgemut ... Am Tische sitzt ein Greis in seidenem Kaftan, und er hat einen dicken Talmudfolianten vor sich und studiert gar eifrig, das mächtige Haupt in die arbeitgehärtete Hand gestützt, während die linke im Barte vergraben scheint, der weiss mit wenigen schwarzen Härchen herabwallt. — Ali das sieht der Wind. Da wird's ihm klar: heute ist's ja Sabbat, Sabbat — und leise zieht er von dannen, dass er die heilige, traut feierliche Stille nicht störe — Awromke kehrt aus der Schul' heim, wo er an jedem Sabbat mit anderen Jünglingen einen Talmudabschnitt studiert. In der Woche muss er ja aufs Land — Geld verdienen. Vorsichtig klimmt er die Stufen empor. Sie knarren und knacken . . . unwillig am Sabbat arbeiten zu müssen. Nun ist er oben. Leise fasst er die rostige Klinke. Er drückt sie nieder. Die Thür geht auf, und nun tritt er in das ärmliche, doch sabbatlich-saubere Zimmer. Awromke, wie man den gern gesehenen Abraham Ben Seiwnennt,ist ein hochaufgeschossener, schmächtiger, bleicher Mensch. Sein Gesicht ist erdfahl und eingesunken, umdüstert durch schwarze Bartstoppeln, die sich hier furchtsam-scheu, dort kühn-keck an der Oberlippe und dem schmalen, feinlinigen Kinne hervorwagen. Er trägt, wie alle Juden im Städtel, einen langen glänzenden Kaftan, hohe Stiefel und auf dem Kopf eine Mütze, die schier Polens erste Teilung miterlebt hat; um den dünnen Hals schlängelt sich eine blendend weisse, wirre Halskrause. Sein Wesen, das sich der Atmosphäre mitteilt, in der er atmet und den Menschen, die in seiner Nähe sind, ist ängstlich, scheu, unsicher — und dennoch, weil es so mit Herzensgüte untermischt ist, wirkt es so anziehend, seltsam lockend, wie ein sonnen um glänzter, ruhlos wallender Fiuss. — Awromke hatte sich an seinen alten Platz am Fenster begeben, an sein Lieblingsplätzchen. Hier stand er immer, wenn ihn die Arbeit nicht fortzog. .Von hier blickte er so gern hinaus auf das Wallen und Wandern wogender Wolken. Hier sah er die Nacht aufdämmern, mählich und mählich die Erde in ihre düsteren Fittige bergend. Hier im Aufblick zu den nachteinsamen Sternen pflegt er sein Abendgebet zu verrichten mit der bebendenlnbrunst seines zarten Gemütes, mit der verzweifelten Innigkeit des Menschen, der hinauszieht, wo der Grenz wart schleicht, die Büchse knallt. Hier betet er, wenn aus dem Düster sich der Tag herausschält, sein Dankgebet nach den Schrecken der Nacht das Herz noch uhgestiim ruhlos pochend, die Züge noch wie erstarrt/ der Blick noch wirr, hoch spähend — ■ angstflackernd. Hier küsst er, das Auge fest schliessend, als wollte er bis zu des allhimmlischeri Vaters Throne schauen, die Schaufäden, küsst ef die Tefillim, die Tefillim des Kopfes, die Tefillim der Hand . .. —---* - Awromke hatte die Hand auf die knochige Schulter seiner Schwester Riwke gelegt, die> das Gesicht an die kühlenden Scheiben gepresst, hinaussah. Sie schrak zusammen. Sie wendet sich um, und wie weicher Hauch zitterte Awromken ein leises „Gut Schabbes" ans Öhr. Woran hatte sie wieder gedacht, dieses schlanke, bleichwangige Mädchen mit den blauschimmernden Lippen, dass sie so träumeverloren war? Ach ja — und wenn sie nun so im schweigenden Frieden der Sabbatruhe durchs Fenster zum Himmel sah, dieweil die Sonne müde blickt, der Wind kosend an die Scheiben pocht, dann kommt's wohl über sie so stürm voll, so glutverzehrend ... ein unbestimmbares^ zerfliessendes Sehnen nach einem duftigen, ach, fernen Glück, das sie wohl ahnte, nicht kannte, das aber ihren jugendlichen Leib durchbebte und erzittern Hess. ... * * Awromke hat seinen Vater nicht stören wollen, der in das neckische Gedankenspiel der alten Lehrer versunken war. — Doch jetzt blickt er auf, und die Blicke treffen sich, lange, lächelnd selige Blicke. Auch der Aurach, der im Stübchenwinkel am Tische sitzt, nickt grüssend mit dem Kopf. Aber die Lippen zittern fort und fort — windeseilig: ein Lippenliebesspiel, wo — in der Minute an die zweihundert Mal — die Lippen sich abstossen und wieder suchen. Der Gast sagt Tillim! — Auf seinem Holzbänkchen rückt Awromke sich zurecht, vorsichtig, dass es die schlafende Mutter nicht störe. — „Du brauchst nit so bedächtig zu sein, ich schlof nit," sagte hustend die Mutter, „ich schlofnit; ich halt nur die Aeügen zu." Awromke trat an ihr Bett, setzte sich seitwärts auf das knarrende Gestell und küsste bald das bleiche, von tausend Falten, Linien, Grübchen < durchzogene Gesicht, bald strich er mit zitternder Hand die grauen Löckchen zurück, die neugierig unter der schneeigen Haube hervorlugten. Wie lieb hatte er doch sein Mütterchen! Wenn er, das Päckel auf dem Rücken, den einsamen Weg zwischen den Dörfern ging, dann dachte er immer an sein liebes Mütterchen, das des Unglücks so viel erlitten, das ihren Mann und ihre Kinder allnächtlich in Lebensfährnis sah. Oft hatte er mit ihr die Nacht durchgewacht. Er sass auf seinem Schemel, und sie lag im Bett, unruhig und sich wohl an die hundert Mal aufrichtend, wenn draussen Schritte hallten oder die Thüren gerüttelt wurden — vom Sturme. Sie wusste, dass der Tod hinter jedem Strauch, hinter jedem Baum des armen Juden harrt, der in heimlicher Nacht pascht. Sie wusste es genau, ach zu genau.— Sein liebes Mütterchen . , . Immer wieder küsst Awromke sie so" kindlich treu, als wollte er im beseligenden Kusse heraustrinken aus ihrer Seele alles, alles Leid. — * * ■ ■ •* Der Vater hatte einen Abschnitt zu Ende gelernt; er stand nun auf, reckte die altersmüden Glieder,und

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