Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1902)
- Article
- Sabbatnachmittag
- Date
- 1902-10-01
- Page
- Seite 697 - 698 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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- OCR quality
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697 698 S. HIRSZENBERG. Sabbatnachmittag. Kunstverlag „Phönix", Berlin. SABBATNACHMITTAG. Von Theodor Zlocisti.*) Heut isfs so still im Gässchen, im engen, düstern Judengässchen des russischen Grenzstädtchens. Wo sonst das Plaudern und Schreien, das Fluchen und Klagen und Lachen und "Weinen der Weiber hinüber- und heriiberwogt, unaufhörlich wie das Branden schäumender Wogen, da herrscht heute geheimnisvolles Schweigen. ' Die Meinen, sonnengebräunten Jungen, denen schwarze Löckchen die Wange herabschlängeln, balgen sich heute nicht mit wildem Geschrei. Wie lautlos huschen die Jeschibobocherim durchs Gässchen, die sich sonst doch, wenn sie aus der Klaus kommen, nicht ganz lautlos heimwärtsdebattieren . . . Die wallende Welt ringsum liegt ruhefeieilich da, als wüsste sie, dass heute Sabbat . . . Am blaugrauen Firmamente steht die herbstmatte Sonne — wie im seligen Sabbatschläfchen. Bisweilen nur hebt sie das schlummerschwere Lid, und dann zittert ein Strahl aus himmlischer Höhe herab, der furchtsam forschend durch die Gasse streift, an den Häusern emporkriecht, die sich wie traumverloren eng ') Dieses Stimmungsbild schrieb ich vor sechs Jahren. Es ist ans dem tiefen Eindruck entstanden, den Hirszenberg's zartes Gemälde damals aaf mich machte, als ich es in der Berliner Kunstausstellung kennen lernte. Th. ZI. und enger aneinanderdrängen, in die sauberen Stübchen schaut und dann beruhigt im weiten Luftmeer erstirbt. Blauweisse Wölkchen lagern am Himmel, von goldigem Glänze umsäumt. Sie blicken in feierlicher Andacht zu Thal. Heute balgen sie sich nicht wie die Gassenbuben, die kleinen ätherischen Wölkchen, und wallen nicht auf und nieder in stets wechselndem Mummenschanz — heut ist's ja Sabbat — und spielen nicht Versteckens mit einander. Das duldet ja die alte, dicke Wolke nicht, die mit umdüsterter Stirn wie philosophisch grübelnd aufs Gässchen starrt. Und wie ein Weisswölkchen trotz des gar strengen Befehls gerade versuchen will einherzujagen, da hebt die dicke Wolke den dicken Arm hervor und droht und droht, dass dem spieltollen Wölkchen todängstlich wird und es schnell an seinen Platz huscht und recht manierlich dasitzt — „heut ist's ja Sabbat".— Aber auf den Wind schielt sie doch, heimlich . . . ganz heimlich, auf den Wind, der lustig wie immer die Landstrasse herangefegt kommt — bald in sausendem Sturme, bald gemächlich langsam, wie ein bummelnder Landstreicher. Im Fluge küsst er die jungen Triebe, rüttelt in tollem Uebermut die griesgrämigen Baumgreise, dass sie er-