Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1902)
- Article
- Strömungen im Zionismus
- Date
- 1902-10-01
- Page
- Seite 691 - 692 (sequence 3)
- Language
- German
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691 BertHold Feiwel: Strömungen; im' Zfonismus. 692 ökonomischen und kulturellen Motiven, aus denen der Zionismus der einzelnen Volksschichten erwachsen ist, ebenso wie nach den auf Zweck und Struktur des künftigen Gemeinwesens gerichteten Anschauungen. Naturgemäss wird die Differenzierung im Golus und nach dem Gelingen des politischen Zionismus in Palästina so lange dauern, bis das Heimatland eine nationale Einheitlichkeit herausgebildet haben wird, um dann wahrscheinlich einer wesensverschiedenen Differenzierung Platz zu machen, die ein jüdisch nuanciertes Analogon zu den Lebensäusserungen normal situierter Völker darstellen wird. Haben wir festgestellt, dass Strömungen innerhalb des Zionismus natürlich sind, so können wir auch behaupten, dass Strömungen von ganz bestimmter Art natürlich und unvermeidlich sind. Diese Behauptung zieht die Zweckdienlichkeit oder Schädlichkeit nicht in Betracht, zieht überhaupt nichts Subjektives heran. Ganz objektiv können wir aus der Verschiedenartigkeit der jüdischen Volksgruppen die Natürlichkeit der Richtungen feststellen. Erst in zweiter Linie kommen dann alle Möglichkeiten in Frage, die sich aus dem Zusammentreffen der verschiedenen Elemente ergeben. Das ist bereits Politik. Jetzt aber handelt es sich mehr um eine Sichtung des zionistischen Materials. Es kann hier nur mit einer schlagwortartigen Charakteristik geschehen. Drei Arten des politischen Zionismus heben sich sofort scharf und mit deutlicher Grenzmarkierung vom Gesamtbild der Bewegung ab. Es ist kein Zufall, dass die Scheidung, die sich ergiebt, eine geographische ist: palästinensischer, osteuropäischer und westeuropäischer Zionismus. ("Wir können füglich den südafrikanischen und amerikanischen Zionismus übergehen, da beide entweder die deutlichen Kennzeichen eines transportierten ost- oder westeuropäischen Zionismus tragen.) Die palästinensischen Kolonisten-Zionisten stellen relativ die weitgehendste Entwicklung der zionistischen Anschauungsweise dar. Sie sind zum grossen Teile osteuropäische Juden. So sind sie aus jüdischer Kultur erwachsen. Aus Ghetto-Kultur, aber doch aus jüdischer. Viele wuchsen über diese Kultur hinaus. Der Heroismus, mit dem sie den schweren Väterboden erkämpften, gab ihnen sittliche und geistige Kräfte von besonderem Werte. Aber ein gut Teil dieser Kräfte wurde durch das System der Kolonisation, das ihnen die Freiheit und die Entfaltungsmöglichkeiten raubte und sie in die alte Kleinheit zurückdrängte, aufgehoben, manchmal sogar verdorben und verzerrt. So ringt jetzt in ihnen das alte Ghetto und die alte materielle Not mit der Macht, die sie aus der jüdischen Entwicklung ihrer Persönlichkeit und aus dem organischen Zusammenhang mit dem Stammlande gewonnen haben. Doch wie häufig auch Rückfälle in die Ghettozeit und Ghettoanschauung mit allen ihren Einwirkungen auf Charakter und Geist zu finden sind, eines steht fest: Es giebt unter diesen Menschen volle Persönlichkeiten, ganze Juden und ganze Zionisten, die ein hohes sittr liches Beispiel für die Gesamtbewegung darstellen. Diese Menschen, die in ihrer Person den Begriff der Nation verkörpern, die alles haben: die Rasse, das Land, die Tradition, die das Hebräische als Verkehrssprache sprechen, lehren und pflegen, sind die besten und sichersten Elemente für die Begründung einer neuen jüdischen Gesellschaft, — ohne dass sie natürlich bestimmend sein müssten für den Weg der künftigen sozialen und kulturellen Entwickelung. Der osteuropäische Zionismus repräsentiert das grösste zionistische Kontingent und bietet zugleich in sich ein Abbild aller freilich nicht immer entsprechend stark vertretenen Strömungen unter den russischen Juden, also der jüdischen Volksmehrheit. Auch er ist aus nationalem Grunde hervorgegangen. Der Zionismus ist da ein Ergebnis der politischeu, ökonomischen, sozialen und kulturellen Daseinsformen des Individuums und der Gemeinschaft. Jeder lebt in sich und im Volke ein Stück Judentum. So sind diese Zionisten nicht Juden, nur weil sie es sein wollen, sondern weil sie es sind. "Wenn auch manche Elemente dieses spezifischen Golus-Nationaljudentums ihrem "Wesen nach passiver Natur sind, durch einen Zwang geschaffen wurden und erhalten werden, wie die Wirtschaft, der Rechtszustand, das Verhältnis zur nichtjüdischen Gesellschaft, so haben diese Elemente doch neue positive erzeugt, die sich mit den in Rassenanlage, Sprache, Schrift, Kultus, Tradition u. s. w. lebendigen Volkskräften zu einem zukunftsbejahenden Willen vereinigt haben, der eben im Zionismus seinen höchsten Ausdruck gefunden hat. Vom Osten her kommt nicht nur die materielle, sondern auch die nachdrücklichste ideelle Stärkung des Zionismus. Es ist durchaus nichts Aeusserliches, wenn man die gesteigerte Opferwilligkeit und Hingabe des osteuropäischen Zionismus hervorhebt. Sie fliessen aus dem positiven, manchmal fast unbewusst gewordenen nationalen Lebensdrange. Darum mussten von dort die ersten Kolonisten und zugleich die Träger einer Nationalkultur kommen. In sich aber ist der osteuropäische Zionismus wieder mehrfach differenziert. Eine deutlich erkennbare Gruppe sind die orthodoxen Zionisten. Sie sind in neuester Zeit durch eine Vereinigung zu einer Gruppe („Misrachi") sogar äusserlich aneinandergeschlossen. Sie stellen sozusagen die Rückendeckung des Zionismus dar. Für den Begriff der Nation substituieren sie den Begriff der Religion. Ihr Anhang beginnt bei solchen, die nur aus mystischen oder religiös-romantischen Empfindungen heraus den Zionismus begreifen können, und endigt bei denen, die die Religion in eine gewisse Beziehung zum Leben gebracht haben, ohne an ihren starren Formen etwas zu ändern. Indem sie den Messianismus durch eine kluge Auslegung irdisch gemacht haben, bekämpfen sie aus dieser Position