Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1902)
- Article
- Strömungen im Zionismus
- Date
- 1902-10-01
- Page
- Seite 693 - 694 (sequence 4)
- Language
- German
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693 Berthold Feiwel: Strömungen im Zionismus. 694 heraus vor allem die rabbinischen Gegner ausserhalb des Zionismus, doch auch alle, die sie innerhalb des Zionismus für ihre Gegner halten. Vor allem sind sie die Feinde der Kultur, d. h. jeder Form moderner Kultur, die nur an einem Steinchen des durch ihre Religionsformeln abgegrenzten geistigen Gebietes rühren könnte. Aus einem verwandten Empfinden heraus sind sie Gegner der sozialistischen Anschauung. In ihrer Gegnerschaft Feind und Freund gegenüber eifernd, starr, manchmal sogar fanatisch, sind sie für ihren Kreis und ihre Ideen oft die .hingehendsten Vertreter. In der ■ Gesamtorganisation ist es ihnen — mehr Dank den andern — gelungen, einen unverhältnismässig grossen1 Einfluss und eine Ausnahmsstellung zu erringen. Heute stellen sie als „Misrachi" vom Standpunkte des Kongresszionismus eine illegale Gruppe dar. Sie haben die Religion,. die der Kongress aus den Diskussionen ausgeschlossen haben will, nicht nur zum Ausgangspunkt gemacht, sondern haben sogar den Willen, den orthodoxen Geist in den Zionismus überhaupt hineinzutragen. Erst wenn der Kongress beschliessen wird, dass die Religion im Zionismus nicht Privatsache sei, werden sie eine legale Gruppe sein. Im übrigen ist aber ihre Organisationsform unwesentlich gegenüber dem Inhalte der Richtung, die sie repräsentieren. Eine zweite Gruppe ist dadurch charakterisiert, dass sie in der Mitte steht zwischen der Orthodoxie, an die sie noch immer nicht die Anlehnung verloren. hat, und einem modernen Nationaljudentum, dem sie sich oft nur schwer verschliessen kann. Obwohl sie von klugen und gebildeten Männern geführt wird, haftet ihr doch ein der Mehrheit ihrer Anhängerschaft entsprechendes Merkmal an, das man am besten als „kleinbürgerlich" bezeichnen kann. In sozialer und kultureller Hinsicht konservativ im wahren Sinne des Wortes, haben sie ihre Hingabe mehr auf das rein Materielle gelenkt, was einen starken Einschlag eines philantropischen Zionismus in. ihre Kreise bringt. Viele gehörten ursprünglich den „Chowewe-Zion" an, von denen im Eingang die Rede war. Es ist ihnen gelungen, eine Beziehung zwischen „Chowewe-Zion" und politischem Zionismus herzustellen, aber auch etwas von dem Geiste der „praktischen" Kolonisation in die Bewegung zu tragen. Zur materiellen Stärkung des Zionismus trägt dieser Kreis, ausserordentlich viel bei. Auf den Kongressen stellen sie die häufigsten Debatter? indem sie bald den — man mufs das Wort wiederholen — kleinbürgerlichen, bald den orthodoxen Zionismus, in der Regel aber die westeuropäische Führung unterstützen. Eine dritte Gruppe wird gebildet durch die jüdische Moderne Sie ist hauptsächlich repräsentiert durch die Jugend, allerdings eine Jugend, die im Zionismus oft viel länger thätig ist als die älteren. Diese Jugend, wie die anderen aus dem Nationaljudentum hervorgewachsen, hat zwei Gebiete passieren müssen, ehe sie zu ihrer heutigen Anschauung herangereift ist: ein Stück europäischer Kultur, das sie kennen lernte und aufnahm, beeinflusste ihre kulturelle, das Hindurchschreiten durch die modernen sozialen Bewegungen ihre soziale Entwicklung. So hat sie sich zu einer vollen Lebensanschauung durchgerungen, die auf einer durchaus positiven Begründung des Zionismus beruht. Die Erhaltung und Entwickelung der jüdischen Volks - Individualität wird ebenso wegen ihrer selbst als wegen ihrer für die Allgemeinheit wertvollen speziellen kulturellen und sozialen Begabungen erstrebt. Diese Auffassung ermöglicht ihnen eine zionistische Synthese zwischen Nationalismus und Internationalismus in ihren fortgeschrittensten Formen und giebt zugleich die Grundlagen eines individuellen Auslebens im Zionismus. Während die Aelteren nach ihrer ganzen Anschauung und Lebensführung gezwungen sind, den Inhalt des Zionismus für sich einzurichten, richtet sich diese Jugend in ihrem Thun und ihrer Denkart für den Zionismus ein. Sie kann und will schon jetzt „Zionismus leben". Aus dieser Gruppe, die in ihren allerletzten Ausläufern in sozialer Hinsicht einen geläuterten Sozialismus innerhalb des Zionismus vertritt und in kultureller Hinsicht sich dem Achad-Haamismus nähert, hat sich ein Teil zu einer geschlossenen Gruppe, der „demokratisch-zionistischen Fraktion", vereinigt. Sie könnte man die Avantgarde des Zionismus nennen. Fast durchaus Intellektuelle, junge hebräische oder Jargon - Schriftsteller, absolvierte oder studierende Akademiker. Sie suchen ihre Anhängerschaft in den Kreisen vor allem der jüngeren Intellektuellen und in den breiten Volksmassen, um mit den einen für die anderen einen freiheitlichen, wissenschaftlichen und auf das Volk gegründeten Zionismus zu vertreten und zugleich die Missstände, die eine gegenteilige Auflassung und Behandlung des Zionismus hervorgerufen hat, zu beseitigen. Die erste Gelegenheit zu einem solchen Kampfe gab der letzte Kongress. Wir werden nächstens bei einem historischen Rückblick länger bei der „Fraktion" verweilen und beschränken uns jetzt darauf, hervorzuheben, dass in der Fraktion oder um sie herum noch einzelne geschlossene Anschauungen zu nennen sind, die das Allgemeine des „Fraktions"-Programms spezialisieren. Das sind die drei deutlichsten Strömungen im osteuropäischen Zionismus: Rechte, Centrum und Linke, wenn man will. Natürlich giebt es dazwischen eine Menge nuancierter Elemente. Ueber den westeuropäischen Zionismus und die Einwirkung aller zionistischen Gruppen auf die Entwickelung des politischen Zionismus wollen wir nächstens sprechen.