Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1902)
- Article
- Strömungen im Zionismus
- Date
- 1902-10-01
- Page
- Seite 689 - 690 (sequence 2)
- Language
- German
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689 Berthold Feiwel; Strömungen im Zionismus. 690 Es stehen sich also drei Gruppierungen gegenüber, von denen die eine das national-politische, die zweite das national-kulturelle, die dritte etwas wie ein jüdisch-sozialpolitisches Gegenwarts- oder Nützlichkeits- Moment in den Vordergrund rückt. Kaum aber haben wir diese Unterscheidung zu fixieren versucht, sind wir schon gezwungen, zu erklären, dass wir durchaus keine hinreichende Grenzbestimmung gegeben haben. Denn es giebt viele politische Zionisten, die es vor allem um der Erhaltung und Entwicklung der Nationalkultur .willen sind, und es giebt viele Kultur-Zionisten, die durchaus und nicht nur gedanklich mit dem po- Htisch-palästinensischen Zionismus sympathisieren. Und man könnte endlich viele „Chowewe-Zion" und Kleinkolonisatoren nennen, die in ihrer Thätigkeit nur eine zweckdienlichere Form, einen leichteren "Weg zur Erreichung dessen sehen, was der kulturelle oder politische Zionismus oder beide bezwecken — wofern sie sich nicht direkt an eine der Gruppierungen anlehnen. Es ist unmöglich, so verlockend es wäre, an dieser Stelle den weiteren Verzweigungen, Kombinationen und Nuancierungen nachzuspüren, die sich aus gegnerischen oder freundlichen Berührungen der drei Anschauungskomplexe ergeben. Wenn wir von „Strömungen im Zionismus" sprachen, so hatten wir von vornherein die Absicht, das Thema zu beschränken und die Untersuchung nur auf den politischen Zionismus anzustellen. Es wäre jedoch eine Ungerechtigkeit oder eine Oberflächlichkeit, deren sich heute viele schuldig machen, die beiden anderen Arten des Zionismus zu ignorieren. Indem wir aber ihren Bestand feststellten, wollen wir sie im folgenden nur heranziehen, wenn ihre Einflüsse auf den politischen Zionismus zu charakterisieren sein werden. Es hat lange gedauert, ehe man sich dessen bewusst wurde, dass der politische Zionismus nur im engsten Sinne eine einheitliche Bewegung darstelle. Viele glauben noch heute, ein „Partei"-Ketzertum zu begehen, wenn sie von Strömungen oder Richtungen innerhalb des Zionismus sprechen. Und viele, und nicht die Schlechtesten, die selbst schon eine deutliche Richtung repräsentierten, zogen lange das Kompromiss und den Verzicht einer deutlichen Betonung ihrer zionistischen Anschauungsweise vor. Alles um der Einheit und der Einigkeit willen. Selbstverständlich, dass eine junge Bewegung ihre Stärke in der Geradzügigkeit und Geschlossenheit suchen muss. Aber die Frage war nur, ob Nachgiebigkeit und Schwäche dieser oder jener Richtung eher die Einheit der Gesamtbewegung garantiere als ein bewusster und ernster Austrag der gegensätzlichen oder andersgeärteten Meinungen. Die Frage konnte schliesslich nur nach einem Kriterium beantwortet werden: nach der Natürlichkeit oder Unnatürlichkeit der Richtungen. Die Vorfrage: nicht welche, sondern ob überhaupt Sonder-Richtungen im Zionismus natürlich sind, ist selbst für den starrsten Programm-Dogmatiker im positiven Sinne zu beantworten. Der politische Zionismus, der die Schädigung, die das Judentum aus der jahrhundertelangen Abtrennung . und Sonder-Entwickelung verschiedener Volksgruppen erfuhr, nur durch die Vereinigung in einem . Gemeinwesen beseitigen zu können erklärt, behauptet damit däs Vorhandensein differenzierter Schichten und zugleich die Unmöglichkeit ihrer vollkommenen nationalen Vereinheitlichung im Golus, sei .es durch eine Idee, sei es durch eine Aktion. Damit ist die Möglichkeit einer teilweisen Vereinheitlichung nicht geleugnet. Eine solche Einheit zionistischen Willens wird aber nur dort zu erwarten sein, wo eine Beeinflussung dieses; Willens durch die Eigenart der Anhängerschichten weder bedingt noch beabsichtigt ist. . Auf die Formel des .politischen Zionismus angewendet, ergibt sich sozusagen eine apriorische Einheit. Sie liegt in dem Wülen der Aufhebung des jüdischen Ausnahmezustandes durch die Begründung eines gesicherten (das kann nur heissen: privat-, Staats- und völkerrechtlich gesicherten) Gemeinwesens. Oder wenn wir die Fassung des Baseler Programms wählen, so ist dieser Wille ausgedrückt in dem Leitsätze: „Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentHch-rechtEch gesicherten Heimstätte in Palästina". Freilich muss bemerkt werden, dass der vieldeutige Begriff: „Oeffentöch-rechtlich" diesem Leitsatz ein Element hinzufügt, das wenigstens gedanklich dessen Einheitlichkeit schwächt. Davon abgesehen aber ist das Prinzip einer innerlichen Gemeinsamkeit aller politischen Zionisten durch den ersten Programms atz gegeben. Gleichfalls von vornherein gegeben ist auch das Prinzip einer äusseren Gemeinsamkeit: der Wille zur zionistischen Organisation. Wenn es nun auch schwer fallen wird, im politischen Zionismus noch andere, allen Schichten eigentümliche Grundelemente zu finden, so muss doch gesagt werden, dass die beiden genannten Momente einer äusseren und inneren Gemeinsamkeit — rein abstrakt genommen — mit ihren starken nationalen und sozialen Werten eine genügende treibende und schöpferische Kraft haben, um einer grossen Bewegung als Unterlage dienen zu können. Und nicht nur das: Wenn der auf das gemeinsame Ziel gerichtete Wille kraftvoll und ausdauernd genug ist, so kann er in sich selbst alle Gegensätze austragen oder alle Kämpfe gestatten, die aus jeder durch die Schichtung der Anhängerschaft erfolgenden Spezialisierung hervorgehen. Diese Spezialisierung setzt im politisehen Zionismus sofort mit den Motiven ein, aus denen heraus die einzelnen Schichten die Aufhebung des jüdischen Golus-Zustandes wünschen, und bemächtigt sich darauf der Organisation, um ihr besondere Formen zu geben und diese Formen dann mit besonderen Inhalten auszufüllen. Diese Inhalte modifizieren sich — wenn die oben genannten Gemeinsamkeiten nicht mehr in Betracht kommen — nach den nationalen, sozialen^