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Ost und West · 1902-10-01 · Heft 10 (Oktober 1902) · p. Seite 683 - 684

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 10 (Oktober 1902)
Article
Samuel Hirszenberg
Date
1902-10-01
Page
Seite 683 - 684 (sequence 6)
Language
German
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-683 Samuel Hirszenberg. 684 stunden, aber sie ziehen Schlüsse daraus, die leider faieist nicht zu ihrem Wohle sind. In ihrer Miene liegt die Frage, was wird man uns noch anthun, Welches Recht wird man uns noch entziehen, wo wird man unser irrendes Volk noch hinjagen? Und in diesen fieberhaften Bewegungen, in dieser Furcht für morgen, die sich auf den ängstlichen Gesichtern malt, liegt ein täglich sich abspielendes Drama, das noch frappanter wirkt durch die von einer Kerze ausgehende Beleuchtung, die mit ihrem matten Schein grosse phantastische Schatten an die Wand wirft. rSabbatnachmittag", obgleich von ganz anderer Komposition, ist vielleicht ein noch höher stehendesWerk als das vörbesprochene. In einem Bett liegt die Grossmutter, neben ihr sitzt ein ehrwürdiger Greis und hält feeinen Enkel, der ihn zur Feier des Festtags besucht, zwischen seinen Knieen. In ihren Sabbatkleidern sitzen Vater und Mutter um einen gedeckten Tisch, aufdemneben den Sabbatleuchtern einige Erfrischungen für sie stehen, während der älteste Sohn, mit dem Rücken gegen das Fenster gekehrt, durch das man grosse Fabrikschornsteine sieht, eine Broschüre vorliest, „Briefe aus Argentinien". Alle hören bewegt zu, und die Einbildungskraft trägt sie über Meere hinweg in jene unbekannten Länder, wo sie vielleicht nicht wie Parasiten behandelt werden würden, wo sie vielleicht in der Illusion leben könnten, in ihrem verlorenen Heimatland e zu sein. Hoffnungsstrahlen leuchten aus den Blicken des jungen Mädchens, das, neben dem Leser stehend, begierig zuhört und alle seine Worte trinkt, die die Erfüllung ihres Sehnens nach einem besseren Leben zu verkünden ■'- scheinen. Aber die Eltern schütteln zögernd den Kopf, sie hofften schon so oft vergebens, und dann, sie, die Alten würden so allein zurückbleiben, so verlassen . - , . Man fühlt sich von dem tiefen Frieden, der in dieser bescheidenen und gemütvollen Häuslichkeit herrscht, innig hingezogen, man fühlt sich bei guten Leuten, und. man liebt sie. Diese beiden Werke fanden sehr viel Anerkennung, besonders brachte das erste, in der Münchener Sezession im Jahre 1896 ausgestellt, Samuel" Hirszenberg den Beinamen des jüdischen Uhde ein.....In Warschau und Krakau trug er damit einen Preis davon. Man fühlte, dass das Talent des Malers sich hier in seinem ganzen Reichtum zeigte, und es ist nur zu bedauern, dass diese beiden Bilder so wenig ausgestellt wurden. Aber, das Werk, dem Hirszenberg am meisten sein Leben gewidmet hat, an dem er volle vier Jahre hindurch mit dem allergrössten Eifer arbeitete, und das er schon lange, lange Zeit, bevor er an die Ausführung ging, im Geiste mit sich umher trug, das ist der ewige Jude. Die Anstrengungen, die er aufbieten musste, und die Schwierigkeiten, die er zu besiegen hatte, .um das Bild auszuführen, waren ungeheure. Denn in Lodz findet „unser Meister", wie man ihn gern nennt, wohl alle möglichen Lobsprüche, aber an eine Anerkennung in Gestalt einer Gegenleistung denkt kein Mensch. Die Christen kaufen seine Bilder nicht, weil es jüdische Motive sind, die Juden kaufen sie nicht, weil sie sich dieser Motive schämen. Nur auf ganz wenige Verehrer seiner Kunst kann er rechnen, die sein Schaffen mit Stolz verfolgen. . Also nur mit vieler Mühe gelang es ihm, das erforderliche Geld zusammen zu bekommen. Ausserdem muss noch hinzugefügt werden, dass er als ältester Sohn, einer zahlreichen Familie immer grosse Verpflichtungen auf sich ruhen gefühlt hat, da er seinen greisen und schon arbeitsmüden Vater nicht ohne Unterstützung lassen will. Mit einem Eifer ohnegleichen, in einem beständigen Fieber, könnte man sagen, arbeitete er diese ganzen vier Jahre hindurch und legte in dieses Werk seine ganze Seele, all seine Leiden und die Leiden, seines Volkes hinein. Denn dieser Greis, der vor den Kreuzen flieht, die sich rings um ihn her wie Phantome aus dem Boden emporrecken, die ihn überall verfolgen, ist das Bild des Jahrhunderte hindurch Verfolgten, des ewig Fliehenden, ewig Gehetzten, der keinen Ort findet, wo er sein Haupt niederlegen kann. Und die blutend Umherliegenden, zu Füssen dieser erbarmungslos überall aufgerichteten Kreuze Hingesunkenen, sind die Märtyrer ihres Glaubens an ihren unaufhörlich angerufenen Gott Israels, die Märtyrer ihrer Liebe zu ihrem fernen, aber immer ersehnten Heimatlande. . Aller Neid, alier Hass der ganzen Welt hat sich auf sie herniedergesenkt, alles Leid der Menschheit hat sich über ihren Köpfen zusammengetürmt, der ganze Menschheitsjammer verfolgt sie immer und überall, bis sie endlich besiegt zu Boden fallen.. O Zion, an dich dachte der Künstler, als. er in den langen schlaflosen, fieberdurchglühten Nächten, mit klopfendem Herzen dieses grandiose Werk schuf. Dir, fernes Heimatland, wandte er sich zu wie in den Tagen der Jugend, wie damals, als er, selbst umherirrend, seine geängstigten Blicke zu deinem sonnigen Horizonte sehnend schweifen Hess. Gleich nach der Vollendung stellte der Maler dieses Werk in Lodz aus, wo es viele Bewunderung gefunden hat. Es ist vielleicht das einzige Mal, dass man in dieser Stadt, wo die Kunst gewöhnlich kalt lässt, eine so stark besuchte Ausstellung sah. Leider hatte der Erfolg dabei sein Bewenden, in Warschau, wo dieses Bild dann ausgestellt wurde, fand es eine gute Kritik und wurde sehr gelobt, aber kaum wagte es jemand, den Sinn zu erfassen. Man hörte nichts davon in den jüdischen Blättern, die es sich zur Ehre, anrechneten, solcher Bedeutung gegenüber stumm zu bleiben, nur eine enthusiastische Gruppe jüdischer Studenten sandte ihm eine rührende Glückwunsch- Adresse und gab dem Meister damit kund, dass, wenn sich auch niemand fände, der ihn verstehen wolle, sie doch wenigstens lebten und mit ihm fühlten. Alle zeichneten mit ihren Namen, und es war für den Meister

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