Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1902-10-01 · Heft 10 (Oktober 1902) · p. Seite 681 - 682

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 10 (Oktober 1902)
Article
Samuel Hirszenberg
Date
1902-10-01
Page
Seite 681 - 682 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2583875-2583890-2583901-2586162--02127-2586234
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

681 Samuel Hirszenberg. 682 arbeiteten alle seine Anstrengungen, der Mode entgegen. Gegen Ende des Jahres 1889 . von dieser Reise zurückgekehrt, während welcher er einige Studien gemacht hatte, Hess er sich von neuem in München nieder, wo er seinen „Judenfriedhof" ausführte, zu dem er die Idee bei einigen Spaziergängen im alten Krakauer Judenviertel empfangen hatte. Es ist ein Werk, in dem die Erregung zittert, ein ganzes Drama spielt sich in der Haltung dieser armen Frauen ab, die am Ende ihres Höffens dorthin, als zu ihrer letzten Zuflucht, gekommen sind, auf diesen alten bemoosten Gräbern beten und weinen und die Seelen der Verstorbenen anrufen, damit sie beim Throne des Allmächtigen für sie flehen, damit er heile und ihrer Liebe wiedergebe, den, der vielleicht in diesem Augenblick sein Leben aushaucht. . . . Welcher Schmerz, welche Trostlosigkeit in diesen ungeregelten Bewegungen, in diesen ohnmächtig gerungenen Händen! Und wie um die Melancholie des Ortes noch zu erhöhen, senkt sich unaufhörlich ein feiner, schneeuntermischter Herbstregen auf die Gräber hernieder und giebt dieser letzten Ruhestättealler Leiden den Ausdruck einer unendlichen Traurigkeit. Zur selben Zeit malte er „Im Weltall". Dieses Werk, durchaus verschieden von den anderen, zeigt uns, dass der Künstler nicht nur ein Maler der Juden, sondern dass er ein tiefer Denker ist. Ernster Natur, liebt er nicht oberflächliche Unterhaltungen, lärmende Kreise. Immer ein wenig abseits, ist es sein Vergnügen den Blick in die Tiefen des gestirnten Himmels hinauszusenden, sich dort Welten zu schaffen und sie mit seiner Phantasie zu bevölkern. Die Muse trägt ihn empor, sie zeigt ihm in der Unendlichkeit ausgesäte Gestirne, während die Erde, ein kleiner leuchtender Punkt, sich im Räume verliert und versinkt. . . . Diese beiden Werke wurden, ebenso wie „Jeschibah", zuerst in München, dann in Berlin ausgestellt, wie auch in anderen Städten, wo sie überall ausgezeichnet wurden. Im Jahre 1891 kehrte Samuel Hirszenberg nach Lodz zurück, um sich dort niederzulassen. Er wohnt noch heute dort und unternimmt nur von Zeit zu Zeit Reisen ins Ausland. Dort, in einer der Kunst so wenig geneigten Stadt, wie es eine in Hast und vom Zufall der Baumwollen- Hausse und -Baisse erbaute Fabrikstadt nur immer sein kann, lebt und arbeitet er, fast ganz vom weltlichen Getriebe zurückgezogen, fern von allem Geräusch, nur seiner Kunst überlassen, die sein Leben ist. Dort kämpft er seit mehr als zehn Jahren mit ganzer Kraft gegen die Unbilden des Lebens, unermüdlich trotz der ihn überfallenden Stürme, immer bei der Arbeit trotz seines nervösen Zustandes, der ihn leider — für die Kunst gar zu oft — kraftlos niederzwingt. Dort versucht er ein wenig von seiner eigenen Erleuchtung auf seine Umgebung auszustrahlen, die S. HIRSZENBERG. In der Dämmerung. Schlafenden aus ihrer Erstarrung zu wecken, sie mit Kunstverständnis und Kunstliebe zu erfüllen. Eine schwere und mühevolle Aufgabe, die aber, wenn sie auch nicht immer von Erfolg gekrönt ist, zum mindesten immer den Seelenadel desjenigen beweist, der seine Kunst wie ein Apostolat betrachtend, sich in ihren Dienst gestellt hat. Nicht einen Tag seines Lebens hat er aufgehört, ein Kämpfer für die jüdische Sache zu sein, und alle seine Werke sind nur ein' Lobgesang auf den Rühm seines Volkes, das er so gut versteht, weil er es liebt, und das er malt, weil er es so gut versteht. Von denhauptsächlichstenWerken, welche S.Hirszenberg in Lodz während dieser zehn Jahre ausgeführt hat, das heisst denjenigen, welche durch ihre künstlerische Bedeutung am meisten die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt haben, nennen wir zunächst: „Ein Stückchen Politik". Um einen Tisch versammelt, diskutieren Juden zwischen „mincha" und „mariw" über politische Ereignisse. In dem Feuer der Diskussion berühren sich fast ihre Gesichter. Man sieht ihnen an, dass sie schreckliche Dinge besprechen, nicht dass sie viel von den Stürmen der grossen europäischen Reiche ver-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.