Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1902)
- Article
- Samuel Hirszenberg
- Date
- 1902-10-01
- Page
- Seite 679 - 680 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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679 Zukunft; denn es war ein Meisterwerk. Der Künstler hat vielleicht später besser gemalt, aber niemals wahrer.*) In einem Zimmer, in dem Licht einer flackernden jKerze, deren letzte Strahlen mit dem Tage kämpfen, der hinter den Gittern des hohen Fensters zu dämmern (beginnt, sitzen junge Leute: der eine, mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt, ist in ernstes Sinnen , versunken. Auf diesem asketischen Antlitze scheinen sich alle Schönheitsträume,; alles Sehnen, alles Hoffen wiederzuspiegeln, eine ganze Welt ferner Dinge, aufgespeicherter glühender Wünsche; man sagt, dass der Künstler in dieses Gesicht sein ganzes Leben voller Kämpfe und Entbehrungen hat hineinlegen wollen; er ist es, es ist seine Geschichte, sein Sehnen, sein Kämpfen. Ein anderer, von Müdigkeit übermannt, ist fnit dem Kopf auf dem Tisch eingeschlafen. Noch andere, über Bücher gebeugt, hoffen dort bei den ersten Strahlen des Frühlichts das Wissen zu finden, *) Eine Reproduktion des Gemäldes erschien in „Ost und West", Jahrgang II, Seite 85. — „Uriel Acosta und Spinoza" brachten wir in Jahrgang I, Seite 917. S. HIRSZENBERG. Der arme Jude. 680 nach dem sie lechzen. In diesem geschlossenen Zimmer, in das Geräusche von draussen nicht hineindringen, ist diese Szene von gleichzeitig einfacher und grandioser Wirkung, sie gewinnt so ganz die Sympathie derer, die über unergründliche Fragen sinnend, sich ganz hingeben, um sie zu lösen. Wenn man auch die Existenz einer jüdischen Kunst verneinen möchte, derenFehlen sich daraus erklären würde, dass die in alle Weltgegenden zerstreuten Juden kein eigenes Leben haben, von dem sie Anregung empfangen können, — Samuel Hirszenberg kann man den Titel eines jüdischen Malers nicht versagen. Wer verstünde es besser als er, Juden darzustellen, sie in poetischem und schönem Lichte zu zeigen, Lietre und Achtung für sie zu gewinnen? Giebt es eine Seite zu lesen, und wäre sie noch so schön geschrieben, die soviel zu ihrer Verteidigung thut, wie eine der von dem Künstler gemalten Szenen? Gross angelegt und mit Sorgfalt ausgeführt, gewissenhaft studiert, wurde dieses Werk überall, wo immer es hinkam, ehrend ausgezeichnet. Die Krakauer Kritik war einstimmig in dem Lob des jungen Künstlers, den sie mit den ersten polnischen Malern in eine Reihe stellte. Bei der grossen Pariser Ausstellung im Jahre 1889 wurde das Werk mit einer silbernen Medaille preisgekrönt. Samuel Hirszenberg war damals 23 Jahre alt. Aus dieser Stunde des so lange erhofften Ruhms schöpfte er den Lohn für die vielen Jahre der Arbeit und der Entbehrung, eine so innige, wahre und grosse Freude, wie sie ihm später nie wieder zu teil werden konnte. < Noch in München und ungefähr zur selben Zeit führte er Uriel Acosta aus, den er in dem Augenblick darstellt, wo Spinoza, noch ein Knabe, vor dem Philosophen frische Rosen mit welken Rosen vergleicht. Auf dem edlen Gesicht Uriel Acosta's findet man die Achtung ausgeprägt, welche der junge Künstler lür diesen kühnen, unerschrockenen Mann empfand, der, ungeachtet der Verwünschungen seines Volkes, es wagte, die Ghetto-Pforten dem Fortschritt und der Civilisation zu öffnen. In diesem, von innerem Widerstreit sowohl, wie von den Kämpfen mit alten Vorurteilen ermüdeten Gesicht lagert eine tiefe Trauer über die Enttäuschungen, die ihm das Leben brachte, ein tiefes Erkennen der Nichtigkeit aller irdischen Dinge. Es ist ein schönes Werk, das voller Enthusiasmus unter dem Eindruck der Lektüre des Gutzkow'schen Uriel Acosta ausgeführt wurde. Es wurde — wie auch Jeschiboth — in Lodz angekauft, und dieser Kauf setzte Hirszenberg in den Stand, nach Paris zu gehen, wo er sich fast ein Jahr aufhielt. Das ganz individuelle Talent des Malers wurde von diesem Aufenthalt jedoch in keiner Weise beeinflusst. In der Schule hatte er oft zu seinen Kollegen geäussert, dass er in seiner Kunst die Musik der Dinge, das ganze Innenleben seiner Sujets zum Ausdruck bringen wolle, und auf dieses Ziel hin Samuel Hirszenberg.