Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1902-10-01 · Heft 10 (Oktober 1902) · p. Seite 677 - 678

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 10 (Oktober 1902)
Article
Samuel Hirszenberg
Date
1902-10-01
Page
Seite 677 - 678 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2583875-2583890-2583901-2586162--02125-2586232
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

677 •Samuel Hirszenberg. (373 ■ ■ ■m ■ ' ' V \ S. HIRSZENBERG. Ein Stückchen Politik. Kunstverlag „Phönix«, Berlin. Gestalt eines Dreipfennigbrotes, zu. verzehren. Und dennoch waren es schöne Jahre, reich an Hoffnung, reich an Illusionen, die ihm hinweghalfen über die erzwungenen Fasttage, über die zerrissenen Stiefel und die abgetragenen Kleider, die Kunst ersetzte ihm alles, Sie Hess ihn Hunger und Durst und Entbehrungen vergessen, sie ersetzte ihm alles, sie beherrschte sein ganzes Sein und erfüllte ihn mit einem Glück ohnegleichen. Nach zwei Jahren gab der junge Künstler die Kurse auf, um in die Kompositionsschule einzutreten. Da aber hatte die Pension, die ihm nur auf vier Jahre gewährt worden war, ihr Ende erreicht, zu einer Stunde, wo er sie am nötigsten gebrauchte. Jetzt hatte er nichts mehr, worauf er rechnen konnte, und die bitterste Not zwang den Künstler, Käufer aufzusuchen, um für die dringendsten Bedürfnisse gedeckt zu sein. Er lernte den Verkehr mit den Bilderhändlern kennen und verkaufte für ein Butterbrot Studien, an denen er wochenlang gearbeitet hatte, um in der Stille seines Ateliers sein erstes Werk ausführen zu können: „Jeschibah". Dieses Erstlingswerk, den Erinnerungen entnommen, die tiefe Eindrücke in seinem Herzen hinterlassen hatten, musste an sich alle Unbilden des Schicksals erfahren. In der Kompositionsschule der Akademie begonnen, musste es der Meister in einem auf seine eigenen Kosten gemieteten Atelier vollenden, denn aus Russland zurückgekehrt, wohin er sich hatte begeben müssen, um sich zum Militärdienst zu stellen, fand er seinen Platz von einem anderen besetzt. Welche Schwierigkeiten begegneten ihm damals: das Atelier war zu klein, zu schlecht beleuchtet, das Geld wurde knapper und knapper, denn die paar Rubel, die er sich in Lodz durch Porträtieren erarbeitet hatte, erschöpften sich bald; um das Maass voll zu machen, fing sein durch unfreiwilliges Fasten zerrütteter Magen an, den Dienst zu versagen, und er war gezwungen, im Hospital Unterkunft zu suchen. Kurz, alles schien sich gegen den Maler zu verbinden, alles wie zum Trotz die Ausführung dieses Erstlingswerkes verhindern zu wollen. Er vollendete es dennoch, aber lange zögerte er, es den Blicken des Publikums preiszugeben; dieses Werk, das so viel Träume von Glück und Hoffnung in sich schloss. Er hatte es gemalt, um die Juden, für die er kämpfen wollte, von einem sympathischeren Gesichtspunkte aus zu zeigen als der es ist, unter dem man sie gewöhnlich zu sehen pflegt, und jetzt fürchtete er, dass es ein Gegenstand des Gespötts und des Hohngelächters werden könnte. Erst nach einem langen inneren Kampfe entschloss er sich, es im Jahre 1887 im Münchener Kunstverein auszustellen, wo es dann einen wahrhaften Erfolg davontrug. Die Professoren, die Presse, jeder beglückwünschte den. jungen Künstler und prophezeite ihm eine glänzende

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.