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Ost und West · 1902-10-01 · Heft 10 (Oktober 1902) · p. Seite 675 - 676

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 10 (Oktober 1902)
Article
Samuel Hirszenberg
Date
1902-10-01
Page
Seite 675 - 676 (sequence 2)
Language
German
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675 Samuel Hirszenberg. 676 Empfehlungen und einem grossen Herzen verliess er seine Eitern und seine Vaterstadt, um sich fortan allein durch die Welt zu schlagen. Krakau schien ibm so fern . . . und ein Künstler werden!-- Der Knabe ahnte damals nicht die Tragweite der Aufgabe, die er übernommen, und nicht die Kämpfe, die er zu überstehen sich anschickte.. Sein Herz klopfte hörbar, als er zum erstenmal das Vestibül der Akademie betrat, welche ihm gleichzeitig als ein imposantes und einschüchterndes Gebäudeerschien, und im Kolleg fühlte er sich tief ergriffen, als ein Kamerad, ihn am Aermel zupfend, ihm zuflüsterte: Gieb acht, das ist Matejko", — denn damals war der grosse Künstler alles andere als tot Und Direktor der Schule der schönen Künste in Krakau. Man konnte also leben und berühmt sein! Dieser Gedanke ergriff ihn, —- dann würde auch er eines Tages berühmt sein können!; Mit dieser Hoffnung ging er ans Werk. Er vcrgäss vielleicht manchmal, seine „tefilin" zu legen, des Morgens, bevor er ins Kolleg ging, — er ass vielleicht auch „trefe", weil das weniger teuer war, aber niemals vergass er sein hohes Ziel, das er sich gesteckt hatte, niemals den einen Wunsch, ein Künstler zu werden in allem, was dieses Wort in sich schliesst an Bildung des Herzens und Erhabenheit der Gesinnung, niemals den Ehrgeiz, ein Stolz des jüdischen Volkes zu werden, das er liebte und beklagte. . Man sprach damals noch nicht vom Zionismus, aber seine jungen echten Künstlerträume schweiften hinweg über die grauen Trübseligkeiten des Judenlebens, dem leuchtenden Orient entgegen, und oft seufzte er, von Sehnsucht ergriffen, nach den schönen, sonnenbeglänzten Fernen, die sein Heimatland hätten sein sollen, und die er vielleicht niemals sehen würde. Denn hier, das fühlte er deutlich, würde er immer nur als Eindringling behandelt werden. Aufrichtig und gut, bescheiden und fleissig, von, einer bis ins Aeusserste gesteigerten Empfindungsstärke, die ihn alles doppelt schwer ertragen Hess, fühlte er keine sich ihm brüderlich darbietende hilfreiche, schützende Hand, er blieb für seine Kameraden im Atelier immer der kleine geduldete Jude, dank seiner Charaktereigenschaften sogar geachtet, aber ein Fremder trotz alledem und immer. Nein, sein Land war dort unten, an den schönen Ufern des' Jordan, in dem Azur eines ewig blauen Himmels, mit den hohen Bergen, von Olivenbäumen bestanden, die silbernen Wellen glichen, wenn der Wind sie bewegte; mit .... er wusste nicht mit welchen Vorzügen, aber dorthin zog es ihn, dorthin wollte er gehen, dorthin sein Volk führen, fern von Spott und Beschimpfung, sein armes, irrendes Volk, von dem grosse Ströme Vertriebener gerade damals durch die Strassen von Krakau zogen, um sich nach allen vier Ecken der Welt zu zerstreuen, ein bejammernswerter, zerlumpter Zug, dessen Anblick Thränen hervortrieb^ und den der junge Knabe nie vergessen sollte; denn er liebte sein Volk. Nach beendetem Kolleg pflegte er die engen, ärmlichen Strassen des alten Juden vierteis zu durchstreifen. Diese guten Frauen in der Perrücke, auf der Schwelle ihrer Thüre sitzend, von einer schreienden und lärmenden Kinderschar umgeben, erinnerten ihn an seine Vaterstadt, Er sah sie nicht wie die anderen, diese Familienszenen am Freitagabend, die die halbgeöffneten Fenster, ihn erspähen Hessen, sie hüllten sich für ihn in einen schwermütig poetischen Zauber. Er empfand das Glüclr -dieser Feierstunden nach der harten Arbeit der Woche, er fühlte die Schönheit des Festes, dem so viele Entbehrungen voraufgingen. Wie gut musste da das feine Sabbatgebäck munden und welche Delikatesse dieser Fisch, dessen Geruch sich ihm bis ins Herz schlich! Oft fühlte er eine Thräne seine Wimpern feuchten, und er träumte sich selbst hinein in jenes Haus, —L und war doch in Wahrheit so ganz verlassen, so ganz allein . . . allein mit seinen Gedanken. Oft ging er > auch in die alten Synagogen, dort beobachtete er die Typen und zeichnete die malerischen Gruppen. Besonders reizte ihn der „Jörn Kippur". Er fühlte tief den traurigen Reiz, und die Thränen Israels, die an jenem Tage wie ein dem unbeugsamen Allmächtigen dargebrachtes Opfer flössen, erschütterten sein Innerstes. Ja, er weinte auch mit seinem Volke. Er verstand alles dieses in tiefstem Herzen. Er verstand und häufte so Erinnerungen, die er iri seiner Seele verschloss, um sie niemals zu vergessen, um spater aus ihnen zu schöpfen, um in ihnen die Inspiration zu finden für die besten seiner Werke. Nachdem er zwei Jahre in der Krakauer Schule zugebracht und dort einige Erfolge errungen hatte; fasste er den Entschluss, diese Stadt zu verlassen, die ihm die zur Fortentwickelung seines Talentes notwendigen Anregungen nicht mehr geben konnte. Die München er Akademie zog damals alle jungen Talente an, sie fanden dort einen modernen Unterricht und eine zur Zeit sehr berühmte Technik. Dieser Stadt wandte sich also der junge Künstler zu. Die 25 Rubel Pension, die kaum für Krakau ausreichend gewesen, waren in München kaum genug um die Akademie zu bezahlen, von dem Kauf der Farben und der unentbehrlichsten Utensilien ganz zu schweigen. Mehr als einer an seiner Stelle würde gezögert haben, er jedoch, bereit, alle Entbehrungen tapfer zu ertragen, reiste hin und trat in die Akademie ein. Damals begann für ihn die traurige Existenz des armen Künstlers. Knapp, wie die Pension schon war, traf sie noch dazu oft sehr verspätet ein. Er lernte die Stunden des grauen Elends kennen, die langen Stunden. Zur Mittagszeit, wenn alle Kameraden fröhlich ins Restaurant spazierten, irrte er einsam in der Stadt umher und beeilte sich, vor allen anderen im Atelier zu sein, um dort, vor lästigen Blicken sicher, sein Mittagsmahl, in

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