Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1902)
- Article
- Samuel Hirszenberg
- Date
- 1902-10-01
- Page
- Seite 673 - 674 (sequence 1)
- Language
- German
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673 674 SAMUEL HIRSZENBERG. Eine biographische Skizze. Unter der arbeitenden Klasse der jüdischen Bevölkerung Polens giebt es viele Talente, die aus Mangel an Erziehung, an Unterricht und besonders aus Mangel an Unterstützung zu Grunde gehen. Und gelingt es einem dieser Talente durch einen glücklichen Zufall sich Bahn zu brechen, so harren seiner die unsäglichsten Schwierigkeiten. Nur durch unermüdliche Arbeit, durch unbeugsame Ausdauer, durch Not und Entbehrungen kann es zum Ziele kommen, denn von allem Anfang an stellt sich dem jüdischen Künstler eine schier unüberwindliche Mauer entgegen : die Indifferenz seiner Glaubensgenossen. Gegen diese Indifferenz wird er sein ganzes Lebelang zu kämpfen haben, an diese unerbittlich verschlossenen Thüren wird er vergeblich klopfen, und wenn sie sich schliesslich wider Erwarten doch einmal öffnen, dann — wird es zu spät sein..... Durch einen glücklichen Zufall kam vor 20 Jahren Samuel Hirszenberg mit einem Lodzer Arzte zusammen, der in ihm das Talent erkannte, sich für ihn interessierte und mehrere andere Personen für ihn zu interessieren wusste, sodass sie ihm eine monatliche Pension bewilligten und ihn in Krakau studieren Hessen. Er war damals 15 Jahre alt und der älteste Sohn einer zahlreichen Familie. Sein Vater, ein Webermeister, legte sich die grössten Entbehrungen auf, um ihn in die Webschule zu schicken, weil er wünschte, dass sein Sohn bei seinem Handwerk bliebe. Trotz seines Talentes dachte der Knabe kaum daran, ein Künstler zu werden. In Lodz, das russische Manchester genannt, das damals kaum in der ersten Entwickelung begriffen war, hatte er niemals Gelegenheit gehabt, irgend etwas zu sehen, woran er hätte erfahren können, was Kunst ist. Die geringe Bekanntschaft, die er mit der Kunst S. HIRSZENBERG. machte, geschah durch Vermittelung schlechter Illustrationen, die ihm der Zufall in die Hand spielte, und die er dann mit Eifer immer wieder und wieder kopierte. In der Schule lernte er zeichnen, und sein Talent entzückte seinen Lehrer, der sich in Lobsprüchen nicht genug thun konnte, aber dabei hatte es sein Bewenden. Und es ist sehr wahrscheinlich, dass hier die Karriere des Knaben unterbrochen worden wäre, wenn nicht bei Gelegenheit eines Krankheitsfalles in der Familie der hinzugerufene Arzt an der Wand Zeichnungen bemerkt und sich durch sie zu dem jungen Künstler in spe hingezogen gefühlt hätte. „Willst Du ein Künstler werden?" Ein Künstler!..... Der kleine Knabe hatte wohl von Matejko gehört, der zu jener Zeit auf seinem höchsten Ruhmesgipfel stand, aber er glaubte, dass er schon lange tot sei, da es ihm nicht in den Sinn kam, dass man berühmt sein könnte, ohne längst gestorben zu sein. Dem zögernden Vater sprachen die Freunde von dem Vermögen aus den für unglaubliche Preise und so fuhr Samuel nach mit einer Rolle Zeichnungen unter dem Arm, zu mehreren Malern, zu denen der Doktor ihn schickte, und von denen er sich Zeugnisse geben lassen sollte. Von den einen empfangen, von den anderen weggeschickt, auf gut Glück ermutigt und entmutigt, kam er nach Lodz zurück, und eines schönen Tages reiste er nach Krakau ab. Es war seine erste grössere Reise; sein frommer Vater steckte ihm die „tefilin* in die Tasche, indem er ihm anempfahl, täglich zu beten und die Gesetze zu beobachten, und die Mutter liess sich von ihm versprechen, dass er sich des „trefe"-Essens enthalten werde. Mit einem leichten Ränzel, diesen Selbstportrait. verkauften Warschau Gemälden