Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1902)
- Article
- Ein geistiges Centrum
- Date
- 1902-10-01
- Page
- Seite 669 - 670 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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669 Martin Bub er: Ein geistiges Centrum. 670 L. PILICHOWSKI. Sabbat. Die Geschichte der Diaspora hat etwas Vulkanisches. Nirgends stetes Strömen der Produktivität. Es fehlt die Kontinuität der Persönlichkeit und des Schaffens. Die Kraft des Volkes glüht Jahrzehnte, Jahrhunderte lang unter der Erde, um plötzlich hervorzubrechen in einem grossen Menschen, in einem grossen Werke. Und eigentlich fehlt das Schaffen selbst, wie sein köstlichstes Dokument, die Kunst. Nun tritt aber, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts leise anhebend und immer stärker anschwellend, die innere Umwälzung ein, die ich einmal als „ Jüdische Renaissance" bezeichnet habe. Unsichtbare Mächte schenken unserem Volke die Kontinuität wieder und das Schaffen des lebendigen Geistes, und sie schenken ihm das, was es nie besass, die Kunst. Wie müssig ist doch das Debattieren darüber, ob es eine jüdische Kunst gebe! Gewiss giebt es keine in diesem Sinne, wie etwa eine holländische. Aber das sind ja nur Kategorien, und das grosse historische Wunder ist die Thatsache, dass es überhaupt jüdische Künstler giebt, und die andere, dass in ihrem Sehen, in ihrer Formgebung ganz leise und heimlich etwas von jüdischer Wesensart lebendig wird, etwas von dem Erbcharakter des urreinen Blutes, das ihre Sehnerven, ihre Handmuskeln umspült. Auf Definitionen können wir hier verzichten. Aber das muss betont werden, dass alle Dinge, in denen sich psychophysische Eigenart eines Volkes ausprägt, zu seiner Kultur gehören. Ein Volkslied, ein Tanz, ein Hochzeitsbrauch, eine malerische Sprachwendung, eine Sage, ein Glaube, ein traditionelles Vorurteil, ein Sabbatleuchter, ein Stirnreif, ein philosophisches System, eine soziale That, all dies ist Kultur.*) In der Geschichte eines Volkes ist nur das „Zufällige*, d. h. das nicht durch die Volksart Bestimmte, nicht kultureller Natur. Alle übrigen Erscheinungen haben eine kulturelle Seite, durch die sie der nationalen Kultur zugehören. Diese kann ja arm, krankhaft, einseitig, unentwickelt sein, aber darum hört sie nicht auf, Kultur zu sein. Eben dies lässt sich von der jüdischen Kultur sagen. Sie ist arm, krankhaft, einseitig, unentwickelt. Sie kann nur im eigenen Volkslande reich, gesund, allseitig, vollentwickelt werden. Davon bin ich überzeugt. Freilich muss sie es auch dort nicht werden. Das beweisen verschiedene Epochen der Staatszeit. Aber wir werden in unserer Hoffnung durch eine eigentümliche Erscheinung bestärkt. *) Dies lässt sich gerade am Leben des osteuropäischen Judentums beobachten, wo einem aus allen Lebensäusserungen die leidvolle, dumpf ringende Volksseele entgegenblickt.