Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1902)
- Article
- Ein geistiges Centrum
- Date
- 1902-10-01
- Page
- Seite 671 - 672 (sequence 5)
- Language
- German
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671 Martin Buber: Ein geistiges .Centrum. 672 Die Kontinuität der Produktion ist uns wiedergegeben worden. Immer stärker und stetiger wachsen intellektuelle und künstlerische Kräfte aus dem Boden. Die Stimmung eines keimreichen gesegneten Saatfeldes steigt zu uns auf. Eines alten Volkes junges Jahr. Schon überschütten uns Staunende, uns Berauschte die Blüten dieses ungeahnten Frühlings. Aber der uralte Erzfeind wacht, jenes Mordpaar der Jahrtausende: die Fäulnis, jene „Schichten verwehter, zerzauster, zerfallender Blätter", jener „Mulm von gealterten, wetterentwurzelten Eichen", von dem unser Dichter zu sagen weiss, dass er mit wuchtiger Schwere die Keime niederdrückt, die aufstreben, sich zu entfalten, — und der tödliche Rauhfrost, der im Schoosse des Erdreichs nistet. Die äussere und die innere Hemmung. Zwanzig Jahrhunderte hindurch walteten sie und würgten alle jungen zarten, scheu erwachenden Kräfte. Was die Not und Lebensenge verschont hatte, das erstickten die eisernen Hände des „Gesetzes", das erstarrte in dem harten Banne, der alles Helle, Freudige, Schönheitsdurstige, Beflügelte verketzerte und vernichtete. Aber sie waren nur in der. vulkanischen Zeit allmächtig: es waren immer nur wenige einzelne zu besiegen, und gegen sie stand das grösste leibliche und seelische Elend der Menschheitsgeschichte in Waffen. Heute ist es anders; und wenn uns die Wiedergeburt des Volkes kein Schlagwort, sondern ein Lebensernst und eine Lebensfrage ist, dann ist uns ein heiliger Krieg befohlen gegen die beiden Widersachermächte, dann dürfen wir nicht zulassen, dass Tag für Tag junge Kräfte des Volkes zu Grunde gehen, wir müssen daran arbeiten, dass sie bewahrt bleiben, dass sie sich entfalten, und dass sie uns bewahrt bleiben, dass sie sich für uns entfalten. Keines Volkes der Erde Führer und Vertreter würden ruhig zusehen, wie ihm an allen Orten, zu allen Zeiten Talente des Geistes und der Kunst, Fähigkeiten, Möglichkeiten, Menschen verloren gehen. Bei uns wird weiter vegetiert. Ueberall sonst würde eine grosse Aktion ins Werk gesetzt, Bethätigungscentren ins Leben gerufen werden. Bei uns schweigt man und thut, als wüsste man nicht, dass alltäglich Menschen starker und reicher Gaben in unheimlicher Zahl dahingerafft werden; nicht vom Tode, sondern von der Not, die sie ins Joch spannt und alle Himmelsstimmen vergessen lässt, von der Lebensenge, die sie einsperrt in das dunkle dumpfe Ghetto und ihnen keinen Blick gewährt in die weite leuchtende Welt, von der Tradition, die das freie Feuer des Geistes und die bildnerische Heiligkeit der Kunst mit gleichem Sündenfluche trifft. Die aber, die all dies überwunden haben und durch all dies hindurchgelangt sind zu sich selbst und zu ihrem Werke, müssen sie sich nicht der Gemeinschaft entfremden, die sie gelästert und gepeinigt hat, müssen sie nicht mit Inbrunst die dargebotene Hand Europas ergreifen? Das apriorische Verdammen ist ein gar zu dürftiges Beginnen. Aber die Treugebliebenen, die Idealisten der Selbstaufopferung, haben sie denn mindestens ein eigenes Publikum, zu dem sie reden können? Ist nicht die jüdische Bourgeoisie zu entartet, um sie hören zu wollen, und die jüdische Volksmasse zu dunkel, um sie verstehen zu können? Und die wenigen, die Ohr und Herz für sie hätten, giebt es eine Brücke zu diesen? Giebt es Centren der Mitteilung, der geistigen und der künstlerischen? Hier eröffnet sich eine Fülle von Aufgaben für eine Kulturarbeit. Und man begreife doch endlich, um was es sich handelt; diesen jungen Kräften, unserem teuersten nationalen Besitztum, diesen wunderbar Gewonnenen, die Hindernisse aus dem Wege zu räumen, ihnen Bethätigung und Entwickelung in lebendigem jüdischen Geiste, in lebendiger jüdischer Kunst zu schaffen! So nur kann die Herrschaft jener alten kranken Kultur gebrochen und eine junge auf den Thron gesetzt werden. So nur können wir hoffen, neu den Boden des neuen Palästinas zu betreten. Wir sind in die Epoche der Kontinuität eingetreten. Auch Zion kann nur als eine Konsequenz der inneren Volksentwickelung erstehen. Von der Schaffung von Mitteilungscentren wird gelegentlich, vielleicht im Anschlüsse an das Wirken unseres „Jüdischen Verlags" in Berlin und verwandten osteuropäischen Unternehmungen, näheres zu sagen sein.*) Von grösserer Bedeutung sind 'die Ausbildungscentren. Von diesen müssen wieder die den künstlerischen Kräften und die den geistigen Kräften gewidmeten gesondert behandelt werden. Ich möchte zuerst der letzteren gedenken. Vor Kurzem ist im Jüdischen Verlage eine Br os chüre erschienen, die den Titel „Einejüdische Hochschule " trägt. Sie ist von meinen Freunden BertholdFeiwelundChaimWeitzmannundmir unterzeichnet. Im nächsten Hefte dieser Blätter soll ihr ein eingehendes Referat gelten. Heute sei nur noch angedeutet, wie ihr Zweck mit dem, was ich hier gesagt habe, zusammenhängt. Die JüdischeHochschule,deren wirtschaftliche und geistige Notwendigkeit in der genannten Schrift nachgewiesen wird, ist nicht bloss als Ausbildungscentrum, sondern auch als Mitteilungscentrum gedacht. Sie soll die jüdischen Lernenden und die jüdischen Lehrenden vereinigen: den ersten Entwickelung, den zweiten Bethätigung schaffen. Sie soll die erste moderne Stätte des jüdischen Geistes werden, die erste Stätte des modernen jüdischen Geistes, des Wiedergeborenen. Der erste organische Anfang eines geistigen Centrums. *) Einige allgemeine Angaben konnte ich in meinem. Referate über Jüdische Kunst auf dem V. Zionistenkongresse machen.