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Ost und West · 1902-10-01 · Heft 10 (Oktober 1902) · p. Seite 667 - 668

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 10 (Oktober 1902)
Article
Ein geistiges Centrum
Date
1902-10-01
Page
Seite 667 - 668 (sequence 3)
Language
German
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667 Martin Buber: Ein geistiges Centrum. 668 . Einfluss auf das gesamte Volksleben ausüben werden. Aber ich glaube, dass all dies doch nichts anderes thun kann, als die vom Volke selbst mitgebrachten Keime des Neuen zur Entfaltung bringen, Kulturkeime sich zu Kulturwerken anwachsen zu lassen. Ich weiss nicht, ob man behaupten darf, es werde auch mit dieser ganzen krankhaften jüdischen Geistigkeit aufräumen, der Orient werde diese Entartung einer orientalischen Eigenschaft heilen. Ich glaube nicht, dass. man bei einer Unternehmung, zu deren Wesen ihre Einmaligkeit und Unwiederholbarkeit gehört, und deren Misslingen den Tod einer grossen Kulturmöglichkeit bedeuten würde, daran denken darf, ein Volk wie tote Fracht auf Schiffe zu verladen, hinüberzuführen und dann vom Boden alles zu erwarten: die Erlösung des kränksten aller Völker zu einem wahren Leben. Man muss vielmehr daran gehen, die jüdische Geistigkeit umzuwerten, nicht durch Theorien, sondern durch Arbeit: durch die Heranbildung immer neuer Schichten eines kolonisationstähigen Menschenmaterials, und zugleich einen Plan zu entwerfen, auf Grund dessen es sich, wenn die „Kolonisation in grossem Stile" beginnt, bewerkstelligen Hesse, dass gerade diese entwickeltesten Schichten zum Krystallisationskern der Ansiedlung werden. Die Heranbildung des Menschenmaterials hängt mit der nationalen Erziehung aufs innigste zusammen; in der wirklichen Kulturarbeit treten sie immer einheitlich auf. Jede Chederreform bringt uns einer starken, reifen und kolonisationsfähigen Volksgeneration näher; und wir können keine Ackerbauschule gründen, die nicht wie ein Quell nationaler Verjüngung wäre. Die wesentlichste Frage der nationalen Erziehung ist selbstverständlich die Jugenderziehung. Zwar lässt sich auch auf die Erwachsenen einwirken, und darüber wird, sobald man an die Organisation dieser Seite der Kulturarbeit herantreten wird, manches zu sagen sein. Doch ist es offenbar, dass nur jungen und unfertigen, noch richtungslosen Seelen gegenüber ein Werk grosser Umgestaltung möglich ist, und auch hier nur stufenweise im Wechsel der Generationen. Allerdings ist diese Arbeit stets wieder von einem Einwirken auf die Erwachsenen abhängig: eine durchgreifende Chederreform (in modern nationalem Sinne) ist zwecklos, wenn nicht gleichzeitig die Eltern über deren Notwendigkeit aufgeklärt und bewogen werden, ihre Kinder in die neuen Schulen zu schicken; und wenn das Haus zerstört, was die Schule gebaut hat, wird allezeit nur Halbes herauskommen. Das mag ein Dilemma sein; aber eines, das durch intensives Thun aus dem Leben geschafft werden kann und muss. Dieses intensive Thun zu ermöglichen und zu organisieren, wird eine Centralisiemng der nationalen -Erziehung, die Schaffung einer grossen volkspädagogischen Institution erforderlich sein. Diese Frage ist — infolge der eigenartigen Verhältnisse,, in denen sich insbesondere die zunächst in Betracht kommenden russischen Juden befinden — noch nicht spruchreif und kann heute nur als Anregung aufgeworfen werden. Bis sie in ein weiteres Stadium tritt, muss der Appell an alle Berufenen genügen, intensiver als bisher für die nationale Erziehung an den Orten ihrer Wirksamkeit thätig zu sein. Kann in dieser Sache demnach das Problem des geistigen Centrums noch keine zureichende Formulierung finden, so verhält es sich ganz anders mit einer anderen Seite der Kulturarbeit, die mit einer bestimmten, schon jetzt centralisirbaren Form der nationalen Erziehung zusammenhängt. Den Grundzug dieser Arbeit habe ich als die Bestrebung charakterisiert, den vorhandenen Kräften Bethätigung und weitere Entwickelung zu ermöglichen.*) Bevor ich auf diesen Komplex von Fragen näher eingehe, muss ich zu dem ihn betreffenden Einwände Stellung nehmen. Er wird namentlich in jüngster Zeit von einigen Zionisten in ziemlich gleichmässiger Weise gegen meine Freunde und mich erhoben. „Ihr strebt eine jüdische Kultur an," wird uns gesagt**), „die wird aber erst in einem jüdischen Gemeinwesen entstehen können; jetzt und hier sind Anfänge einer jüdischen Kultur unmöglich." In diesem Einwände werden drei Dinge missverstanden: unsere Bestrebungen, das Wesen der Kultur und der ganze Gang der jüdischen Volksgeschichte, den gegenwärtigen Moment in seiner historischen Bedeutsamkeit nicht ausgeschlossen. Es wird darin vorausgesetzt, es gebe keine jüdische Kultur, sondern wir strebten erst eine an. Das ist ganz unrichtig. Es gibt eine jüdische Kultur, und es hat nie aufgehört, eine zu geben. Man darf Kultur nicht mit voll entwickelter Kultur verwechseln. Diese hat das jüdische Volk zu keiner Zeit, auch nicht zur Staatszeit, besessen. Aber es hat einer Erscheinung, wie z. B. der ganzen Entwickelung der jüdischen Mystik, gegenüber keinen Sinn, von der Kulturlosigkeit der Diaspora zu sprechen. Vollends müssig ist dies aber angesichts historischer Phänomene, wie der Auferstehung der hebräischen Sprache. Wenn das nicht Aeusserungen der jüdischen Kultur sind, so wüsste ich wirklich nicht, welcher Kategorie des Geschehens sie zuzuteilen wären. Die zitierte Behauptung ist also nichts anderes als ein Beispiel jener allerdings sehr gebräuchlichen Tyrannis des Begriffes, mit der die moderne Erkenntnis- und Sprach-Kritik endlich aufräumen sollte. *) Daran schliessen sich die Versuche, die gesamte geistige und künstlerische Produktion von Juden, soweit sie der Ausdruck jüdischer Wesensart oder doch ein Zeichen der Wiedergeburt des Schaffens in unserem Volke sind, zu sammeln und der Volksgemeinschaft zuzuführen. **) Einmal wird uns gar vorgeworfen, wir „versuchten", „schon heute Kulturwerte zu schaffen"! Als ob man das versuchen könnte!

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