Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1902)
- Article
- Ein geistiges Centrum
- Date
- 1902-10-01
- Page
- Seite 665 - 666 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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665 Martin Bub er: Ein geistiges Centrum. 666 beschäftigt. Dementsprechend verhält es sich mit den beiden angeführten Haupteinwänden. Der erste dieser Einwände sieht dem von Achad Haam citierten ähnlich, aber er holt nicht wie dieser seinen Beweis aus der „normalen Entwicklung der Völker", sondern aus den „wirklichen Verhältnissen". Wie wollt Ihr, so lautet etwa die Frage, den jüdischen Lumpenproletarier erziehen, da er doch weder Müsse noch physische Möglichkeit hat, Eure Erziehungselemente durch Lesen oder Zuhören in sich aufzunehmen? Schafft ihm erst Zeit und Freiheit, schafft ihm menschliche Daseinsgrundlagen und einen normalen Organismus, dann erst könnt Ihr daran denken, seinen Geist auszubilden. So nachdrücklich sich dieser Einwand auf die ^tatsächlichen Verhältnisse beruft, so unbekannt ist ihm doch ihre spezifische Natur. Das Vorgebrachte mag ja ziemlich genau zutreffen, wenn es sich etwa um den ruthenischen Bauer handelt: beim Juden ist es grundfalsch. Wäre nämlich der jüdische Kleinkrämer oder Lumpenproletarier etwas geistig Indifferentes, das nur für einen mehr oder minder engen physischen Lebensbedarf Gedanken zu produzieren imstande ist, so wäre es diesem tiefsten wirtschaftlichen Elende gegenüber ein thörichtes, ja grausames Beginnen, Erziehungsexperimente anzustellen. Nun sind aber diese Kleinkrämer und Lumpenproletarier gerade die geistig prononzierteste aller Menschengruppen. Das Leben des ruthenischen Bauern ist ein kraftökonomisches System. Er denkt kaum mehr, als zur Befriedigung seiner verschiedenen direkten und indirekten physiologischen Bedürfnisse notwendig ist. Manchmal kommt ihn eine nachdenkliche, fast immer praktisch zugespitzte Neugier an, manchmal ein schwerfälliges, inhaltsarmes Sinnen. Das ist auch alles. Das Leben des iüdischen „Luftmenschen" hingegen ist alles eher als kraftökonomisch. Ein grosser Teil seiner Zeit und Kraft gehört einer geistigen Arbeit, die nichts mit seinen Bedürfnissen, ja überhaupt nichts mit einem wirklichen Leben zu thun hat. Er denkt viel nach. Aber nicht über seine Erinnerungen und seine Wünsche. Nicht über Menschen und Dinge seiner Umgebung. Er denkt nach über die vielverschnörkelten, unlebendigen Deutungen von Stellen einiger uralter Bücher; einiger Bücher, von deren geschichtlicher Bedeutung, von deren intellektuellen, sittlichen, künstlerischen Werten, von deren lebensvollem Hintergrunde er keine Ahnung hat. Sein Denken steht ausser aller Beziehung zu irgend etwas Wirklichem. Und diesem wesenlosen Denken, diesem Spinnen von Abstraktionen ist er mit stetiger Maasslosigkeit ergeben. Nicht nur die vielen, die das „Lernen", das heisst eben das scharfsinnige aber lebensfremde und unfruchtbare Grübeln über Bücherstellen, zu ihrem Lebensberuf machen und sich von ihren Frauen erhalten lassen, auch die absoluten Geschäftsmenschen sind von dieser spezifisch jüdischen Geistigkeit erfüllt; sie durchtränkt, ihr ganzes Thun, jedes Wort, jede Geste mit einer Fülle spitzfindiger Reflexion. Auch der Bauer ist kein Instinktmensch, auch er denkt nach, bevor er etwas thut, in seiner langsamen schwerfälligen Art. Aber sein Denken ist dem jeweiligen Zwecke angepasst; es geht nicht über diesen hinaus. Der Jude denkt in jedem einzelnen Falle wohl kürzer, aber zugleich doch viel mehr und viel mannigfaltiger. Und in seine praktischste Erwägung weben sich, ohne sie übrigens meistens zu beeinflussen, tausend lebensfremde Reminiscenzen und Gedankenschnörkel ein. Er denkt, um zu denken; überall findet er Gelegenheit dazu; und auch der Elendeste, Gedrückteste gönnt sich noch. diesen Luxus. Es giebt nirgends sonst in der Welt Menschen, die zugleich solche Not leiden und solchen Geistesluxus treiben würden. Der „Luftmensch" ist der eigentliche Luxusmensch. Diese jüdische Geistigkeit ist eine ungeheure Thatsache, vielleicht die markanteste der ganzen grossen jüdischen Volkspathologie. Und darum handelt es sich gar nicht darum, geistige Interessen zu wecken, sondern geistige Interessen umzugestalten. Hier ist ja unaufhörliche Geistesarbeit da; aber sie ist verzerrt, starr,. krank, verschoben, wirklichkeitsfremd, unproduktiv, uneuropäisch, unmenschlich. Auf sie einzuwirken, sie zu heilen, sie umzuwandeln ist die grosse Forderung. Nicht erst die Fähigkeit, geistige Nahrung aufzunehmen, ist heranzubilden; diese Fähigkeit ist da und wird Tag für Tag bethätigt; aber andere Nahrung ist herbeizuschaffen und so, dass sie auch angenommen werde; dies ist notwendig, damit das Volk geistig gesund werde, und so ist es das Problem des Lebens. Denn (wenn man von dem sich in moderne Lebensformen von selbst einlebenden jüdischen Industrieproletariat absieht) man wird dem eigensinnigen Juden erst dann menschliche Daseinsgrundlagen schaffen können, wenn man in ihm den Wunsch nach ihnen erweckt hat, und das ist eine Sache der geistigen Erziehung. Solchen Darlegungen gegenüber wird, wo sie als unwiderlegbar erkannt worden sind, zuweilen auf die künftige palästinensische Heimstätte und auf die Macht des mütterlichen Bodens hingewiesen. Mich hat es durchschauert, als ich kürzlich von einer Chewras lomde schas (Verein der Talmudlerner) in einer der Kolonien, ich glaube in Rischon L'zion, las. Das mag ja vielleicht ein Vorurteil sein; und gewiss sind die gegenwärtigen Kolonien und die Heimstätte, wie wir sie uns vorstellen, zwei inkommensurable Grössen. Auch bin ich durchaus überzeugt, dass die territoriale Einigung, die erneute Wechselwirkung zwischen den verschiedenen Volkselementen, die Möglichkeit ruhiger, steter Bethätigung aller Kräfte, vielleicht auch die klimatischen Verhältnisse des Landes, unter deren Einwirkung ja einst die Rasse entstanden ist,. einen grossen heilvollen