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Ost und West · 1902-10-01 · Heft 10 (Oktober 1902) · p. Seite 663 - 664

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 10 (Oktober 1902)
Article
Ein geistiges Centrum
Date
1902-10-01
Page
Seite 663 - 664 (sequence 1)
Language
German
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663 664 EIN GEISTIG Von Martin I. Achad-Haam, der tiefste Denker der jüdischen Wiedergeburt, hat vor wenigen Wochen auf dem Kongresse der russischen Zionisten zu Minsk seine Forderung nach einem geistigen Centrum für unsere Nation noch einmal in klaren und starken Worten ausgesprochen. .«Ein geistiges Centrum, der Renaissance unseres Volksgeistes geweiht, eine Heimstätte, in der sich alle Strahlen unserer Seelenkräfte sammeln könnten". Dieses Ziel stellte er neben das einer Heimstätte für das Volk, nicht als etwas dem Wesen nach Anderes und Unabhängiges; sondern als die zweite notwendige und gleichwertige Seite desselben Ideals: der Volksbefreiung. Freilich könnte man, so meinte er, dieser Zielsetzung vorwerfen, sie verkenne die natürliche Entwickelung eines Volkes: diese vollziehe sich ständig von unten nach oben, von den Anfängen seines wirtschaftlichen Wachstums, seines körperlichen Erstarkens durch eine lange Evolution zur Entfaltung der geistigen Kräfte. Solche an sich richtige Einwände rechnen nicht mit der einzigartig und unvergleichbar abnormen Art und Lage der jüdischen Nation. Wir entwickeln uns von oben nach unten. Wir sind wie jener seltsame Bachur, der Philosoph Salomon Maimon, den Kant als seinen grössten Gegner ehrte, und der erst nach mancherlei Philosophieren das deutsche Alphabet erlernte. Auch ihm hätten die Klugen und Evolutionskundigen raten mögen, erst mit dem Buchstabieren fertig zu werden und dann erst ans Philosophieren zu gehen! „Wir müssen gleichzeitig von unten nach oben und von oben nach unten bauen. Das mag nicht natürlich sein, aber es ist notwendig." Dieses Paradoxon, das jeden, der noch in jenem sonderbarsten Erdreiche, im jüdischen Volke wurzelt, doch als die unmittelbarste Wahrheit ergreifen muss, wird den Losgelösten vielleicht vergeblich entgegengehalten werden. Diese kommen stets mit fremder Historie, weil sie die eigene nicht erkannt haben. Darum wird es gut sein, die Diskussion von dem Gebiete der Theorie, auf dem Analogiebeweise mehr gelten als die intuitive Erkenntnis absolut unvergleichbarer Individualität, auf das des Willens und des Strebens nach Einwirken auf das Geschehende zu verpflanzen. Selbstverständlich kann nur mit denen geredet werden, welche die Produktivierung der Volksart und die Entfaltung der Volksseele überhaupt für unbedingt wünschenswert und erstrebenswert halten. Diejenigen, die nur von „sozialem Empfinden" — das in Wirklichkeit in diesem Falle nichts anderes als eine Art von Mitleid ist — erfüllt sind, und denen die Judenfrage vor allem eine Frage der Judenheit, und erst in der ES CENTRUM, Buber, Wien. zweiten oder dritten Reihe oder auch gar nicht eine Frage des Judentums ist, kommen hier nicht in Betracht. Aber auch jene, denen die Wiedergeburt des jüdischen Geistes etwas absolut Wertvolles ist, wollen die „Kulturarbeit" nicht als gleichberechtigt - lieben der ökonomischen und politischen dulden. Ihre Einwände haben zwei Grundtypen. Der eine lautet etwa: „Wie könnt ihr das Volk geistig und sittlich erziehen, ohne es vorher durch wirtschaftliche Hebung befähigt zu haben, eure Erziehung aufzunehmen?" Und der andere: „Alle Kulturgüter, auf deren Schaffung eure Arbeit hinzielt, müssen Stückwerke bleiben, wenn nicht zuvor durch die territoriale Einigung' und Vereinheitlichung dem Volke die Möglichkeit einer stetigen normalen Entwickelung gegeben ist." Auf einen dritten Einwand allgemeiner Art, der ein Eingreifen in die „Evolution" für zwecklos, ja unmöglich erklärt, kann ich hier nicht näher eingehen.*) Er beruht im letzten Grunde auf einer allzu exklusiven Anerkennung und Anwendungdermaterialistischen Geschichtsauffassung, oder auf jenem „historischen Determinismus", der, aus einer einseitigen Verallgemeinerung der naturwissenschaftlichen Methode erwachsen, die Menschheitsgeschichte kausal konstruieren will, während sie nur teleologisch zu begreifen ist. Wenn wir nun zu jenen beiden spezielleren Einwänden zurückkehren, so ist es sofort klar, dass sie zwei verschiedene Seiten unserer Kulturarbeit betreffen: der erste die Bestrebung, die schlummernden oder niedergehaltenen Kräfte zu wecken und loszubinden; der zweite die Versuche, den vorhandenen Kräften Bethätigung, und dadurch auch weitere Entwickelung, und zwar Bethätigung und Entwickelung innerhalb des eigenen Volkstums und der eigenen Gemeinschaft zu ermöglichen. Diese beiden Seiten hängen innig zusammen, — die zweite ist ja nur eine Art Weiterführung der ersten, und jede dient der anderen, denn die erste bereitet den schaffenden Geistern ein aufnahmsfähiges Volk und die zweite ermöglicht eine freiere und reichere Produktion von nationalen Kulturgütern, die wieder in die Erziehung und Höherbildung des Volkes eingreifen. So herrscht denn auch auf jedem Punkte und in jedem Augenblick die lebendigste Wechselwirkung zwischen beiden Seiten (ebenso wie auch zwischen ihnen und anderen Momenten der Kulturarbeit, die hier nicht besprochen werden). Dennoch ist es offenbar, dass die erste Form der Arbeit sich zunächst und unmittelbar mit den Volksmassen, die zweite mit einer geistig höchstentwickelten, schöpferisch begabten Minderheit *) Dies soll in einer 1903 erscheinenden „Evolution und Revolution im modernen Judentum" betitelten Arbeit geschehen.

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