Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 9 (September 1902)
- Article
- Revue der Presse
- Date
- 1902-09-01
- Page
- Seite 645 - 646 (sequence 2)
- Language
- German
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645 Revue der Presse. 646 beipflichten. Aber letzteres wäre nicht etwa mit Coercitivmassregeln, sondern nur dadurch zu erreichen, dass die Ursachen des Uebels beseitigt, dass Gesetzgebung und Verwaltung in neue Bahnen gelenkt werden. In einer Unterredung, welche vor einigen Tagen der Bürgermeister von Jassy, Herr Penescu, mit dem Redakteur des Journals „Universul" hatte, beklagte er den Niedergang dieser vormals blühenden Stadt, der zweiten Hauptstadt des Reiches. 6000 Juden seien ausgewandert, zumeist Arbeiter, Handwerker, Bedienstete. Mangel an Beschäftigung, an Erwerb, die bitterste Not habe sie aus dem Lande getrieben. Ganze Familien mussten mit 30 Centimes (etwa 27 Heller) per Tag leben. Angesichts einer solchen Notlage bestellt die Handelskammer in Jassy Agenten mit der Mission, diejenigen, welche die — daselbst nicht kundgemachte — Sonntagsruhe verletzen, zur Anzeige zu bringen, und werden die jüdischen Händler, welche die Vorbereitung treffen, um an einer Messe in Folticeni teilzunehmen, vorgerufen und bestraft. Aber nicht genug mit der Unterbindung der Erwerbsthätigkeit, bemüht sich die Behörde, die Juden in dem zu treffen, was ihnen am empfindlichsten ist, in ihren Kindern, in der Entziehung des Unterrichts an diese. Seit einem Jahre waltet in dem Bezirke Jassy ein Schulinspektor, Herr Mustazza, welcher nahezu 50 jüdische Schulen geschlossen hat, weil — so heisst es in den betreffenden Verfügungen — die Gegenstände nicht gemäss dem analytischen Programme der staatlichen Schule behandelt werden. In einem Kinder- Asyle wird die Schule geschlossen, weil die hebräischen Bibeln und ABC-Bücher nicht eine rumänische Uebersetzimg aufwiesen. — Um all die Chikanen voll zu erfassen, muss man einen Blick auf die staatliche Unterrichts-Verwaltung werfen, wie sich dieselbe seit Jahren konsequent gegen die Fremden und die „Fremd-Einheimischen", das ist gegen die Juden, kehrt. Der öffentliche Volksnnterricht ist unentgeltlich, sagt das Gesetz. Aber für jüdische Kinder wurden Taxen von 20 Francs für die Volks-, 30 Francs für die höheren Schulen festgesetzt. Als hiermit das Ziel, die jüdischen Kinder von der Schule abzuhalten, nicht in gewünschtem Masse erreicht wurde, wurden die Taxen auf 30 und 40 Frcs. und neuerlich gar auf 40 und 60 Francs erhöht. Und nun stelle man sich vor, was solche Summen jährlich per Kind für einen minder bemittelen, mit Kindern gesegneten Familienvater bedeuten. Ueberdies wird den jüdischen Kindern der Eintritt in die öffentliche Schule nur dann gestattet, wenn nach Unterbringung aller national-rumänischen Kinder noch Raum vorhanden ist. Auch dann darf die Anzahl der jüdischen Kinder in einer Schule nicht mehr als 5 °/0 sein. Und selbst wenn die Prozentziffer nicht erreicht ist, wird es nunmehr den Schuldirektoren nach deren freiem Belieben überlassen, jüdische Kinder zurückzuweisen. Um nun ihre Kinder nicht ohne Unterricht aufwachsen zu lassen, gingen die Juden daran, aus eigenen Mitteln Schulen zu errichten. Selbstverständlich hielten sie ihre aus eigenen Mitteln errichtete konfessionelle Schule am Samstag geschlossen und am Sonntag geöffnet. Letzteres verbot, der Minister. Es dürfe nicht am Sonntag Schule gehalten werden. Die Juden fügten iich und schlössen ihre Schulen am Samstag und Sonntag; fünf Tage Schulunterricht seien jedenfalls besser als gar keiner. Wieder folgte ein Verbot des Ministers Nach der Schulordnung müsse sechs Tage in der Woche Schule gehalten werden. Die Juden fügten sich und verlegten die Religionsstunde auf den Samstag. Neuerliches Verbot des Ministers. Das Schulreglement schreibe genau die Verteilung der Gegenstände auf die einzelnen Tage und Stunden vor. Wieder mussten sich die Juden fügen. Aber all das hindert eifrige, der sogenannten „Kulturliga" angehörende Schulinspektoren nicht, lokale, hygienische, analytischprogiammatische oder sonst allerlei Bedenken herauszufinden, um die Eröffnung von Schulen zu hindern oder bestehende Schulen zu schliessen, wie letzteres beispielsweise seit einem Jahre in dem Jassyer Bezirke so durchgreifend von Herrn Mustazza geübt wird. Ein anderes Kapitel! Die Ausweisungen. Wir wollen einen Fall erzählen. In Jicila, Bezirk Tulcea (Dobrudscha), lebte ein gewisser Abraham Goldmann, 37 Jahre alt, verheiratet, Vater von vier Kindern. Der Mann hatte vier Jahre in der rumänischen Armee gedient. Mit Ausnahme dieser Militärdienstjahi e hatte der Mann ununterbrochen in seinem Geburtsorte Jicila gewohnt. Er besass dort ein kleines Feld, vier Hektar, welches er selbst bebaute, und hatte sogar noch Staatsländereien in Pacht, zwölf Hektar, wofür er den Jahreszins per 120 Francs pünktlichst entrichtete. Um denselben Zins wurde, als der Pachtvertrag im Jahre 1900 zu Ende ging, die Pacht einem echten National-Rumänen verliehen. Der Grund für diesen Wechsel in der Person des Pächters war offenliegend ein konfessioneller. Nun geschah aber noch mehr. Der Mann, dem der Bürgermeister amtlich bestätigt, dass „er sich des besten Rufes erfreut", erhielt einen mündlichen Ausweisungsbefehl ohne irgend eine Begründung. Einigemale verzögerte der Bürgermeister die Ausweisung. Endlich, im Frühjahre 1902, musste dem Befehle des Präfekten Folge geleistet werden. Der Mann musste um jeden Preis, um 80 Francs per Hektar, sein altes Besitztum losschlagen. Der ausgediente rumänische Soldat musste seinen Geburts- und Heimatsort verlassen; er, seine Frau, seine vier unmündigen Kinder und dazu noch seine alten Eltern, welche seit Menschengedenken dort gewohnt hatten. Solche Fälle kommen zu Hunderten, seit Jahren zu vielen Tausenden vor, nur mit dem Unterschiede, dass zumeist andere Bürgermeister weit unmenschlicher vorgehen; dass die Unglücklichen plötzlich ans ihren Wohnungen aufgestöbert, mit Familie und ihren geringen Habseligkeiten auf Wagen geladen, mit Sack und Pack bei jeder Jahreszeit — auch im strengsten Winter — bis ausserhalb der Ortschaften befördert und auf freiem Felde abgelagert werden. Der Aufenthalt im Dorfe ist dem „Fremd-Einheimischen" verboten, und um dieses Verbot wirksamer zu machen, ist eine grosse Zahl kleinerer Städte als Marktflecken oder Dörfer erklärt worden. Und da fragt man nach den Ursachen der Auswanderungs- Bewegung, welche allerdings dem Lande sehr zu Schaden gereicht! Als ein Wunder möchte man es ansehen, dass solches Leid und Weh ein Menschenalter hindurch in immer steigendem Masse erduldet werden konnte! Heute sind es nicht allein die Unbemittelten, auch Angehörige der Bemittelten, die sozial höher gestellten Klassen sind es, welche sich anschicken, das Land zu verlassen. Während erstere sich in Gruppen Zusammenthun, um sich die Auswanderung zu ermöglichen, gehen die letzteren daran, ihre kaufmännischen Geschäfte, ihre industriellen Unternehmungen zu liquidieren und den Wanderstab zu ergreifen. In Bukarest sind die Häuser in ganzen Strassenzügen leerstehend. In Jassy klagt der Bürgermeister, dass die Mahala (die Vorstädte) sich entvölkern. Aehnliche Berichte