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Ost und West · 1902-09-01 · Heft 9 (September 1902) · p. Seite 643 - 644

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 9 (September 1902)
Article
Revue der Presse
Date
1902-09-01
Page
Seite 643 - 644 (sequence 1)
Language
German
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643 REVUE DER PRESSE. 644 „Die Welt*' (Wien) bringt an erster Stelle des Heftes vom 7. August folgende Kundgebung: „Nacb zehntägigem Aufenthalte in Konstantinopcl sind die Herren Dr. Herzl, Präsident des Zionisten-Kongresses, und D. Wolffsohn, Präsident des Je.wish Colonial Trust, zurückgekehrt. Die Herren Dr. Herzl und Wolffsohn waren am 22. Juli nach Konstantinopel gefahren; Dr. Herzl hatte eine telegraphische Einladung Sr. Majestät des Sultans erhalten. Er wurde mit der grössten Auszeichnung behandelt und war während der ganzen Dauer seiner Anwesenheit Gast des Sultans. Die Verhandlungen wurden von türkischer Seite diesmal durch Se. Hoheit den Grossvezier Said Pascha, sowie durch Ihre Exzellenzen, den ersten Sekretär des Sultans Tahsin Bey, den Ober-Ceremonienmeister und Dragoman des kaiserlichen Divans, Ibrahim Bey, und den Kämmerer des Sultans, Aarif Bey, geführt. Herr Dr. Herzl hatte zwei lange Konferenzen mit dem Grossvezier und jeden Tag im Yildiz-Kiosk eingehende Besprechungen mit den Vertretern des Sultans. Für den Sultan arbeitete Dr. Herzl in diesen Tagen mehrere Exposes in französischer Sprache aus und Hess sie durch seinen eigenen Uebersetzer in das Türkische übertragen, worauf sie dem Sultan unmittelbar vorgelegt würden. In diesen Exposes führte Dr. Herzl den Standpunkt der Zionisten aus und formulierte die Bedingungen der jüdischen Ansiedelung in einem zusammenhängenden Teile von Palästina und in noch anderen Gebieten Kleinasiens auf der Grundlage eines Charters. Diese Propositionen wurden von türkischer Seite ii Erwägung gezogen. Der Sultan liess durch seine Vertreter zunächst seine vollen Sj^mpathien für das jüdische Volk erklären, aber die Zugeständnisse, die Se. Majestät einer judischen Ansiedelung zu machen sich bereit erklärte, konnten nicht als ausreichend nach unserem zionistischen Programm erkannt werden. Die Verhandlungen sind somit auch diesmal ohne Resultat geblieben. Indessen liess der Sultan Herrn Dr. Herzl «einer Achtung und Sjmipathie versichern. Die Verbindung ist keineswegs abgebrochen. Wir dürfen vielmehr hoffen, •dass der Vorteil, welchen eine geordnete und rechtlich gesicherte Ansiedelung der Juden nach unserem Programm bedeutet, von der türkischen Regierung noch im vollen Umfang •eingesehen werden wird. Für diesen Zeitpunkt müssen sich die zionistischen Organisationen vorbereiten; die Agitation muss unablässig betrieben und die materiellen Mittel müssen gesammelt werden. Je leistungsfähiger unsere Bewegung sein wird, um so schneller und sicherer wird sie ans Ziel kommen." Hierzu bemerkt die „Jüdische Presse" (Berlin) unter anderem: „Noch auf eine Bemerkung in der Verlautbarung der „Welt" sei hingewiesen. Es heisst darin: „Dr. Herzl formulierte die Bedingungen der jüdischen Ansiedelung in einem zusammenhängenden Teile von Palästina und in noch anderen Gebieten Kleinasiens auf der Grundlage eines Charters." Palästina ist kein Gebiet Kleinasiens; aber dieser geographische Schnitzer kommt nicht in Betracht, von grösster Wichtigkeit ist und hervorgehoben zu werden verdient, dass die zionistische Parteileitung, wie sie nunmehr offiziell bekannt giebt, auch ausserhalb des heiligen Landes, nämlich in Kleinasien, zu kolonisieren beabsichtige. Dahingehende Anregungen sind auf sämtlichen Zionisten-Kongressen erfolgt, aber jedesmal abgelehnt worden, mit der strikten Forderung, dass für zukünftige Ansiedelung kein anderes Land als Palästina ins Auge zu fassen sei. Auch in dieser Hinsicht dürfte deshalb die Kundgebung der Parteioberhäupter innerhalb ihrer Anhängerschaft einige Ueberraschung wecken." * * * Der Lemberger „Wschod", welcher über die Vorgänge im zionistischen Lager meist trefflich unterrichtet ist, bringt eine höchst befremdliche Nachricht über die Zugeständnisse, welche der Sultan den Zionisten geboten haben soll, und welche von Dr. Herzl als nicht acceptabel betrachtet wurden. Es heisst im Leitartikel des genannten Blattes (29. August 1902): „Wie schon die Zeitungen berichtet haben, endete Dr. Herzl's Besuch in Konstantinopel für uns ungünstig. Zwar erklärte sich der Sultan bereit zur Herausgabe eines Charters, aber nur unter der Bedingung, dass die Einwanderer türkische Unterthanen werden. Eine solche Bedingung ist unvereinbar mit den Grundprinzipien des Zionismus, und es ist kein Wunder, dass Dr. Herzl dies bedingungslos zurückwies und jeder bewussle Zionist würde ebenso gehandelt haben." Es scheint uns unglaublich, dass solche Forderungen auch nur von einem irgendwie massgebenden Zionisten für möglich gehalten werden — ein Charter ohne Anerkennung der türkischen Oberhoheit! Es ist schon unbegreiflich genug, wie „Wschod" einen solchen Leitartikel bringen kann. Hoffentlich wird eine Erklärung von offizieller Seite nicht lange auf sich warten lassen. * * * Ueber die Juden-Auswanderung aus Rumänien schreibt die Neue Freie Presse. (Wien, 23. August 1902.): Wrenn vor kurzem von aller entscheidendster Stelle die Meinung ausgesprochen wurde, dass durch die Auswanderung der rumänischen Juden nicht allein diese selbst, sondern auch das Land empfindlich geschädigt werde, und dass man trachten müsse, der Aus wand erungs-Bewegung Einhalt ' zu thun, so kann man einer solchen Meinungsäusserung nur rückhaltlos

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