Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1902-09-01 · Heft 9 (September 1902) · p. Seite 633 - 634

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 9 (September 1902)
Article
Makarka
Date
1902-09-01
Page
Seite 633 - 634 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2583875-2583890-2583900-2586046--02064-2586123
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

633 R. M. Chin: Makarfca. 634 Gedauert mich nicht. Mir ist es gar nicht schrecklich, zu sterben . . . Davids Nerven hielten es nicht mehr aus. — rEin Gerechter bist Du, Makaruschka, ein Märtyrer!* sagte er schluchzend, indem er Makarkas Hand fasste. * * * Makarka war sanft gestorben, wie eingeschlafen. Im Hause erhob sich sofort jener Lärm und jene Unruhe, die bei einer jüdischen Beerdigung stets unvermeidlich sind. Merkwürdig rasch waren fremde Leute im Zimmer, die herumliefen, sprachen, Befehle -erteilten. Ohne Umschweife traten sie ans Bett heran, wo der arme Makarka in se'ner ganzen Körperlänge ausgestreckt lag, sie fuchtelten mit den Händen, kombinierten, beteten . . . Der sprachlose, blasse Knabe war von jetzt ab wie ihr Eigentum. Im Nu Jag er auf dem Boden, unter schwarzem Stoffe, und an seinem Kopfe zitterte schon die gelbliche Flamme eines Lichtes, das in einem hohen, silbernen Leuchter brannte. Der Vater und die Mutter weinten laut. Die Kinder schlugen sich aneinandergedrückt in einen entfernten Winkel und schauten von dort wie aufgescheuchte Vögelein zu. Das Wesen, das unter dem schwarzen StorTe lag, flösste ihnen ein rätselvolles Entsetzen ein. Sie wussten, dass •es Makarka war, er war aber schon nicht mehr ihr Bruder, mit dem sie sich unterhielten, spielten, sich prügelten, der sie so zart liebkoste, während er krank gewesen, sondern etwas Anderes, Unbewegliches, Erhabenes, Teilnahmloses und zugleich auch . . . Fürchterliches. David kam mit seinem Vater und seinen Schwestern. Als Channa sie bemerkte, begann sie noch lauter zu weinen, wie flehend zu diesen Zeugen ihres Unglücks. Der alte Blum blieb ernst und in sich gekehrt auf •der Schwelle stehen. Abram Markowitsch kam an ihn heran, führte ihn nach dem anderen Ende des Zimmers und setzte ihn auf einen Sessel. Bei David zitierten -die Lippen, er war bemüht, sich zu beherrschen, vermochte aber nicht und begann stossweise zu weinen. Die stumme Figur seines bescheidenen Kameraden erschien ihm als das Opfer eines schonungslosen, schrecklichen Unsinns. Seine Schwester, ein hohes, zartes Mädchen, in elegantem, schwarzem Kleide, wusste scheinbar nicht, was zu machen. Und unheimlich war es ihr, und weinen mochte sie. Sie nahm aus einer runden Pappschachtel einen grossen Immortellenkranz, in den auch weisse Rosen verflochten waren, und legte ihn schüchtern zu den Füssen des Verstorbenen nieder. Sie hatte grosse Lust, ihn zu sehen, sie wagte es aber nicht. An einer Seite war die Decke etwas verschoben und Hess eine vertrocknete, kleine, schwarz gewordene Hand sehen. Das Mädchen betrachtete sie und erinnerte sich, wie Makarka von den Groschen, die ihm für das Frühstück gegeben wurden, drei Rubel gesammelt und ihr zu ihrem Geburtstag einen silbernen Nähring gekauft hatte. Ihr sanftes Gesichtchen umnebelte sich, und alle thaten ihr auf einmal so leid. Vom Hofe ertönte das Knarren des angekomjnenen Leichenwagens. Die kleine Treppe krachte unter dem Druck schwerer Füsse. Die Thür wurde ganz aufgemacht, und zwei Personen schleppten einen langen, schwarzen Kasten herein — der allgemeine Sarg, in dem alle Juden nach dem Friedhof gebracht werden. Beim Anblick dieses .unheimlichen Sarges wurden alle stili. Und die fremden Leute thaten ihre Schuldigkeit. Sie packten Makarka an Kopf und Füssen, legten ihn in den Kasten und schlugen den Deckel zu . . . Dies alles war so einfach, so gewöhnlich und doch so schrecklich bitter. . . . David stützte den Sarg an einem Ende, an dem anderen und an den Seiten trugen ihn die „heiligen Brüder". — „Siehaltennicht richtig", — schrie einer von ihnen David an, rheben sie doch, etwas mehr!" Endlich stellte man den Sarg auf den Leichenwagen, und die traurige Prozession setzte sich in Bewegung. In einer gemieteten Equipage fuhr Channa mit einer älteren Frau, in einer eigenen — Blum mit seiner Tochter. David und Abram Markowitsch gingen zu Fuss. Es war Anfang August. Ein heller Sommertag. Der Weg führte durch belebte Handelsstrassen. Einige Passanten blieben neugierig stehen, andere bekreuzten sich und gingen vorbei. — rEin Judenbengel wird beerdigt", — bemerkte laut ein Packträger. Man passierte den Damm; der Lärm legte sich; man hatte den ungepflasterten, mit Gras bewachsenen Weg erreicht. — „Es giebt kein Glück für mich", — sagte plötzlich Abram Marko witsch, der bisher mürrisch geschwiegen hatte. David schaute ihn an. — rIch habe kein Glück", — wiederholte er, — „so ein Sohn — und nun ist er tot." — ,.Ja, was war er für ein prächtiger Knabe!" — rief David aus. Abram Marko witsch sah ihn ganz empört an. — „Ein prächtiger Knabe!" wiederholte er beleidigt. — „Das war ein Genie! Seine Gespiäche, sein ganzes Sein. . . . Meine Seele, verstehen Sie, meine Seele hatte er mit seinen Gesprächen ergriffen." Abram Markowitsch trocknete mit einem buntfarbigen Schnupftuch seine Augen. — „Sie haben noch andere Kinder", — sagte David, im Verlangen ihn zu trösten. Abram Markowitsch machte eine wegwerfende Bewegung mit der Hand. — „Ah", sagte er — „was für ein Vergleich!'* . . . Die weisseh. Thore des Friedhofes wurden sichtbar. Der Wächter kam der Prozession entgegen, ein rothaariger Bauer, er half die Leiche nach dein Leichen - zimmer bringen, das speziell für die Reinigung und die letzte Bekleidung der Verstorbenen bestimmt ist. David durchquerte mit seiner Schwester die Gräberreihen. Ueber einigen von ihnen erhoben sich prachtvolle Denkmäler aus Marmor mit stolzen Aufschriften, dass hier z. B. der Kaufmann erster Gilde ruht, der durch alle möglichen Bürgertugenden glänzte, und hier der Hofrat schläft, ein Arzt. . . . Das war die Aristokratie des Friedhofes. Sie nahm das Centrum desselben ein. Und dort, an den Ecken und Rändern, eng aneinander geschmiegt, ineinander übergehend, war ein ganzes Feld von Hügeln zu sehen, die mit grauen, steinernen und auch hölzernen Platten versehen waren. Oh, diese Steine! Wieviel vergossene Thränen, wieviel gequälte Herzen ruhten unter ihnen, wieviel traurige Geschichten können sie der Welt erzählen! . . . Unweit von hier bereitete man auch Makarka ein Grab. Rasch die Gebete hersagend, Hess man seine Leiche nieder, die ganz in einen breiten, weissen Kittel gehüllt war. Die Anwesenden warfen einen Klumpen Erde auf ihn. Alle waren von dem schweren Gange müde geworden, ein jeder war bemüht, rasch fortzukommen. . . . Nur die Mutter, die sich zu dem offenen Grabe hinabbeugte, sah, wie es ihr Kind

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.