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Ost und West · 1902-09-01 · Heft 9 (September 1902) · p. Seite 631 - 632

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 9 (September 1902)
Article
Makarka
Date
1902-09-01
Page
Seite 631 - 632 (sequence 8)
Language
German
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631 R. M. Chili: Makarka. 632 dachte er — und er bedauerte den Vater immer mehr als sich, und es wurde ihm immer klarer, dass er ihn allzu rasch verurteilt hatte . . . Das Gymnasium und all' das, was jener fürchterlichen Nacht vorangegangen war — wurde niemals erwähnt. Im Hause herrschte tiefe Stille. Lewuschka und die übrigen Kinder machten sich den 'ganzen Tag in dem Gärtchen vor dem Hause zu schaffen, und niemand schimpfte auf sie wegen ihres Nichtsthuns. Manchmal bat Makarka, dass man sie zu ihm bringen möge. Sie kamen, setzten sich um sein Bett und schauten ihn furchtsam an '— war" er doch so hager und ungewöhnlich. Er liebkoste sie, gab ihnen seine Süssigkeiten, presste ihre Händchen an " seine roten, heissen Wangen . . . Die Kinder schwiegen; es war ihnen unheimlich in diesem vom Gerüche der Arzneien erfüllten Zimmer. Makarka bemerkte es, seufzte auf und Hess sie frei, damit sie wieder in den Garten gehen konnten. — „Geht, geht, Kinderchen, geht spielen,46 —• sprach er mit einem traurigen und zarten Lächeln. Niemand hörte ihn auch nur ein einziges Mal aufstöhnen oder klagen. — „Ist Dir schlimmer, Makarka?" fragte ihn die Mutter, wenn er. von einem quälenden Hustenanfall ganz kraftlos geworden, den Kopf in die hoch aufgetürmten Kissen zurücklehnte. — «Nein, Mamachen, nichts, beruhige Dich." — „Wie gern möchte ich doch David sehen," — sagte er einmal seinem Vater. „Hast Du ihm nicht geschrieben, dass ich krank bin?" — „Ich bin selbst zu den Blums hingefahren. Sie sind jetzt alle auf der Sommerwohnung. David war einmal hier, Du schliefst aber damals." — „ Ach, warum, warum hast Du mich nicht aufgeweckt!" — rief Makarka mit schwermütiger Sehnsucht aus. „Werde ich ihn wirklich nicht mehr sehen?" fügte er hinzu, und indem er sich zur Wand umdrehte, begann er zu weinen. — „Weine doch nicht, Makarka, heute noch hole ich Dir Deinen Freund herbei," tröstete ihn der Vater. Das schöne Gesicht David Blums drückte das grösste Erstaunen, Mitleid und sogar Schrecken aus, als er das vertrocknete, kleine G'esichtchen Makarkas erblickte, der vor Freude in einen so starken Hustenanfall verfiel, dass er kein einziges Wort hervorzubringen vermochte. Endlich beruhigte er sich, der Husten Hess nach, er nahm die weisse, gut gepflegte Hand in seine hageren, feuchten Hände und sagte: :— „Ich danke Dir, dass Du gekommen bist. So ein Freund . . . sonst würden wir uns nie mehr gesehen haben." — „Sprich doch nicht, mein Lieber, Dir ist es schädlich." — „Aber nein, nein! So erlaube mir doch, mit Dir zu sprechen," — flehte Makarka und fügte vielbedeutend hinzu: — „Ich muss mit Dir sprechen." — „Du erstickst ja förmlich!" — „Es ist ja nichts, beuge Dich bloss zu mir" heran." David legte sich fast auf das Kissen. — „Und wieso bist Du eigentlich so erkrankt?" fragte er. Mit Pausen und Unterbrechungen erzählte ihm Makarka die Geschichte seiner Erkrankung. — „Siehst Du," — endete er mit schwerem Flüstern — „ich bin ja an allem schuld." — — „Du? Nein, nicht Du, sondern dieser eigensinnige Narr, Dein Vater." Makarka holte tief Atem. — „So, so ... . ich wusste, dass Du das sagen würdest," — antwortete er leidend, — „darum wollte ich Dich sprechen, um Dich zu bitten .... Dir zu erklären, dass er nicht so im ganzen schuldig ist. O, David, jetzt habe ich alles, alles verstanden . . . . Man soll ihn bedauern, aber nicht verachten. Sonst gehen alle Kinder zu Grunde!" rief er aus. David meinte, Makarka beginne im Fieber zu phantasieren. . * ' * —' „Gott sei mit Dir, beruhige Dich, welche Kinder?" ' —" „Aber unsere!" — erwiderte Makarka ungeduldig/ — „Wenn ich gestorben sein werde, so werden alle sagen, dass der Vater mich zu Tode gequält hat, man wird auf ihn wie auf ein Ungeheuer schauen ... Er wird noch härter werden ... Und die armen Lewuschka, Sonja, Lisa und Mischa werden zu Grunde gehen — und es wird mit denen ganz dasselbe sein, wie mit mir. Es ist niemand da. der für sie eintreten könnfei und bis sie verstehen werden, dass der Vater kein Ungeheuer ist, dass er es einfach nicht verstanden hat, wie es besser zu machen wäre — so ist es schon zu spät. Jetzt habe ich alles verstanden. Er sah, wie Dein Vater auf Dich stolz ist. und ihm, Armen, that es leid, dass ich nicht so glänzend bin wie Du." David fühlte sich plötzlich unaussprechlich beschämt von diesem hinsterbenden Knaben. Es kam ihm mit einemmal zum Bewusstsein, wie er in einer Reihe von Jahren seine grenzenlose Liebe, seine gutmütige Vergötterung als etwas Notwendiges hingenommen' hatte. Er erinnerte sich, dass er sich im Grunde seines Herzens niemals für Makarka interessierte, dass er niemals einen Finger zur Erleichterung seines schweren Schicksals gerührt hatte, und dass er in ihm nur den geduldigen, dankbaren Zuhörer, den begeisterten Anhänger seiner Person, liebte. Das alles wurde ihm mit einemmale klar. — „Makaruschka," rief er aus und in seiner Stimme ertönten aufrichtige Thränen, — „Makaruschka, Du bist ja hundertmal besser als ich und als eine ganze Legion solcher Kerle wie ich." — „Wozu sagst Du das?" flüsterte Makarka verlegen. „Du und ich!" Er lachte sogar auf, wurde aber bald wieder ernst. „Ach, das ist ja nicht die Hauptsache. Ich will Dich bitten ... Erinnerst Du Dich, David, wieviel mal Du mir vom jüdischen Volke sprachest, wie unglücklich es ist, wie es von Unwissenheit, Grobheit erdrückt wird ... Du sagtest, dass die gebildete jüdische Jugend für. diese Unglücklichen arbeiten muss. O, Lieber," — flüsterte er mit bebenden Lippen, und grosse Thränen begannen, einzeln aus seinen Augen zu fliessen — „meine kleinen Geschwister. — sind doch auch Judenvolk; verlasse sie nicht, hilf ihnen selbständige Menschen zu werden, wenn Du mich nur auch ein wenig liebtest" . . . Die Stimme Makarkas versagte weiter zu sprechen. Er begann heftig zu husten. David reichte ihm Wasser und Tropfen zur Beruhigung. — „Noch eine Bitte," — sagte er — „komm' zu meiner Beerdigung mit Deinen Schwestern. Sie sind vortreffliche Mädchen, und ich. habe sie sehr gern, besonders die Linotzka liebe ich sehr. Mir scheint, dass ich es fühlen werde, wie Ihr zum Abschied einen Haufen Erde auf mein Grab schütten werdet. Und

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