Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 9 (September 1902)
- Article
- Makarka
- Date
- 1902-09-01
- Page
- Seite 625 - 626 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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625 R. M. Chin: Makarka. 626 ganz verrückt gewordene Vater ihn an den Haaren über den Fussboden zu schleifen anfing, hielt er schon die Qualen nicht mehr aus und, die Hand des Vaters packend, biss er mit seinen Zähnen zu. — „Ach, Du Hund! Beissen! Ach, Du Lump! Frau!" — schrie er — „rufe mal den „Dwornik" (Haus Wächter) her, wir werden ihn bald klein kriegen" . . . Makarka hörte auf zu beissen, und mit einem Sprung stand er schon an der Thüre. — „Mach, dass Du fortkommst, hinaus mit Dir, Lump!" schrie Abram Marko witsch mit eiserner Stimme. — „Wenn Du zurückkehren solltest — ich breche Dir alle Knochen entzwei." Makarka wandte ihm sein gequältes, blau und blass geschlagenes Gesicht zu: — „Ich hasse Sie," — schrie er mit angestrengter, heiser gewordener Stimme, und die Thüre hinter sich schliessend, war er verschwunden. Makarka lief, als ob ihm eine Legion von Dämonen nachgesetzt käme. Er lief und lief, bis er entdeckte, dass er sich in einer entlegenen Strasse befand, und nachdem er begriffen hatte, dass man ihn hier nicht finden werde, blieb er stehen, um Atem zu holen. An einem Zaun eines neu errichteten Hauses erhob sich ein Kleinschutthügel. Makarka setzte sich auf ihn nieder. Sein Kopf brannte und es schwindelte ihm. Im Körper fühlte er ein dumpfes Weh von den Schlägen. Er fuhr mit seiner Hand durch das zerzauste Haar, und erst jetzt bemerkte er, dass er ohne Mütze weggelaufen war. Ein Geiühl tiefer Beschämung und der Erbitterung erfüllte sein ganzes Wesen und quälte ihn. Er vermochte noch nicht, sich in dem Chaos der ihn autregenden Empfindungen zurechtzufinden. Es packte ihn ein nicht zu unterdrückendes, brennendes, rein physisches Verlangen, auch seinerseits wehe zu thun, zu zermalmen, zu schlagen, zu vernichten . . . Wen? — Den Vater und alle, alle . . . Alle Welt erschien ihm als ein grausamer, schonungsloser Feind, der zu seiner, Makarka's, Vernichtung erschaffen ist. Sein vor Schmach und Empörung erfülltes Herz zchlug heftig und erstarrte in seiner Brust, wie ein ersterbendes Vögelchen. „Alles ist zu Ende," — flüsterte er — „hiernach ist es unmöglich, weiter zu leben. Er kam sich so bedauernswert vor, — aus seinen Augen flössen Thränen. Sein ganzer wundgeschlagener Körper bebte vor Schluchzen . . . Die feuchte abendliche Frische kühlte etwas seinen brennenden Kopf. Die Trostlosigkeit seines Zustandes that sich mit einem Male vor ihm auf — und er erzitterte am ganzen Leibe. — Wohin gehen? . . . An wen sich wenden?... An David? Nein, nein... Wozu soll er ihn in solch' unglücklichem Zustande sehen . . . Sterben! . . . Es bleibt nichts anderes übrig . . . Aber wie? Sich ins Wasser stürzen? . . . Makarka erinnerte sich an einen Ertrunkenen, den er einmal gesehen hatte, — er war blass, angeschwollen, mit gläsernem, unbeweglichem Blicke . . . Nein, das ist zu schauderhaft.. . . Sich vergiften? — Womit? . . . Plötzlich kam es über ihn wie eine Erleuchtung . . . Sich zu Tode erkälten. Ja . . . das ist das Beste . . . Er dachte noch ein wenig nach, stand dann auf und mit festem, resolutem Schritte kehrte er nach Hause zurück. Das Thor war noch geschlossen. Er schlüpfte vorsichtig durch den hölzernen Schuppen, wo, wie er wusste, ein Fass voll Wasser stand. Daneben stand ein Wagen. Makarka erkletterte ihn, zog die Stiefel aus und die Hosen bis über die Kniee hinauf und Hess seine Füsse ins Fass nieder. An den Fersen, dann immer weiter und weiter hinauf fühlte er es wie Nadelstiche. Makarka zitterte, fasste aber bald wieder Mut und steckte seine Beine noch tiefer hinein. — „Ich werde mich erkälten," dachte er, — „ich werde mich erkälten und sterben." Und die Erbitterung gegen den Vater schwoll immer mehr in seiner Seele. Sich wenigstens durch den Tod rächen . . . mag er sich nun freuen! Einen Sohn hat er schon zu Grunde gerichtet, jetzt nun den anderen. Und wozu denn auch leben? Fortwährend Beschimpfungen, niemals bekommt man ein gutes Wort zu hören, den ganzen Tag befindet man sich förmlich in einer Hölle. Lernen kann ich nicht . . . dies Gymnasium — die richtige Zwangsarbeit . . . Genug, genug der Qual . . . Bloss die Mutter ist zu bedauern, auch ihr Leben ist nicht süss . . . Ganz und gar nicht! Aber sie weint ein wenig und vergisst es. Es bleiben noch ganze vier zum Trost und zum Peinigen übrig ... Makarka's Beine begannen zu erstarren. Er zog sie für eine Minute heraus,- aber er schalt sich darüber. „Feig' bist Du, Lump," — presste er durch die zusammengedrückten Zähne hervor — „es ist Dir kalt geworden, nach dem Bettchen willst Du nun! — Nein! Verkomme, wenn Du nicht zu leben vermochtest" . . . Und er begann wie rasend mit den Beinen im Fasse zu rumoren. Die Beine aber erstarrten immer mehr. Er fühlte schon keine Kälte mehr, er hörte schon überhaupt auf zu fühlen und zu denken. Eine unendliche Müdigkeit schmiedete seine Glieder zusammen, die Augen schlössen sich von selbst . . . Mit dem letzten Aufflackern des Willens bemühte er sich, die Augen aufzumachen, die Müdigkeit aber siegte. Er fiel wie eine Garbe in den Wagen nieder und schlief bald fest ein. Und es träumte ihm ein Traum. Er erblickte einen grossen, von Licht überfluteten Saal, in dem weisse marmorne Säulen glänzten und ein elegant gekleidetes Publikum hin- und herwogte. Auf der mit rotem Stoffe ausgeschlagenen Estrade nahm ein Orchester Platz. Der Lärm legte sich. Ein Sänger betrat die Tribüne. Und nun erschollen die ersten Klänge. O, was war das für eine zaubervolle Melodie? Zart und mächtig, klagevoll und triumphierend . . . Der ganze Saal war, wie ein Mensch, still geworden und lauschte gierig jedem Klange, der der Brust des Sängers entquoll. Und des Sängers Gesicht — ist dem Makarkas ähnlich, bloss niemand erkennt es . . . und er singt immer besser . . . Eine königlich-schöne Frau, ganz in Sammet gekleidet, in Blumen und Brillanten, und die hagere, arme Aksinja Jwanowna — umarmten sich wie Schwestern, und tief gerührt, wie verzaubert, hören sie beide das Lied-Gebet an, das von ewiger Liebe singt, für die es kein Arm und Reich giebt. Im ganzen Saal bleibt nur ein Gesicht streng und böse — das des Vaters. Makarka ist aber zum Zauberer geworden. Er sieht deutlich, wie sich im Herzen des Vaters eine Wunde aufthut, und aus dieser Wunde rieselt warmes Blut. Dieses Blut fliesst für die verlorenen Kinder . . . Er ist einsam, einsam. Und Makarka begann, nur für ihn allein zu singen! Im Liede vernahm man das Weinen von Kindleio, ihre Liebkosungen, ihr Lachen ... Und die Wunde im Herzen des Vaters begann zu schwinden, die tiefen Furchen auf seiner Stirn glätteten sich, er hob seine freudestrahlenden, hell gewordenen Augen zu Makarka empor, er erkannte ihn und warf sich ihm in die Arme mit einem begeisterten Schrei... Aber in diesem Augenblick that sich ein schaudererregender, entsetzlicher Abgrund auf; Makarka versank