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Ost und West · 1902-09-01 · Heft 9 (September 1902) · p. Seite 623 - 624

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 9 (September 1902)
Article
Makarka
Date
1902-09-01
Page
Seite 623 - 624 (sequence 4)
Language
German
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623 R. M. Chin: Makarka. 624 ganzen Leibe, er glühte förmlich, wenn er David sprechen hörte, und nie wendete er seine begeisterten Blicke von ihm ab; er berauschte sich an seinen Worten und weinte fast vor Rührung, dass ein so erhabener, ein so uneigennütziger Mensch ihn, den armen Makarka, seines Vertrauens würdig erachtet. . . Und nie kam es ihm in den Sinn, an David zu zweifeln; erfragte sich kein einziges Mal, wieweit diese schönrednerischen Tiraden Wahrheit enthielten, und wieweit sie eine Wiederholung dessen seien, was er beim Abendessen dem schönen Mädchen zuflüsterte. Kein einziges Mal versetzte er — in Gedanken natürlich — seinen Helden in ungünstige Verhältnisse, die z. B. seinen eigenen ähnlich wären. . . . Und jetzt, von ihm träumend, vergass Makarka seinen Schmerz, sein Missgeschick, er vergass das herannahende Ungewitter. . . Die Schritte, die im anderen Zimmer ertönten, weckten ihn mit einem Male aus seinen Träumen. Das ist der Vater, er ist zum Mittagessen gekommen. Makarka erinnerte sich, „nicht zugelassen" zu sein, „nicht zugelassen das zweite Jahr," — und er fühlte ein Zittern in allen seinen Gliedern. „Was kann man dem Vater sagen? Lügen? Sagen, dass die Beratung noch nicht stattgefunden hat? Nein, er wird es merken. . . . Ach, wenn David da wäre, er würde mir aus der Verlegenheit herausgeholfen haben!" — dachte er, obwohl David ihn niemals aus irgend einer Verlegenheit herausgeholfen hatte. . . Vielleicht wird der Vater gar nicht fragen, — blitzte es wie eine schwache Hoffnung in seiner Seele auf. Er setzte sich auf den Rand des Stuhles und wartete, wie ein Verurteilter, dass bald, in diesem Augenblick — die Thür sich aufthun und man ihn zur Strafe hinführen wird. . . . — „Makarka! Mittagessen!" — ertönte die heisere Stimme der Mutter. Er antwortete nicht. Die Thür knarrte, und es zeigte sich in der Oeffnung mit zerzaustem Haar der Kopf des siebenjährigen Lewuschka. „Makarka, komm, essen!" — rief er mit seiner Fistelstimme und verschwand. Makarka erhob sich mit Mühe. Die Familie war schon um den Tisch versammelt. Lewuschka und Sonja assen aus einem Teller, indem sie mit einander mit den Löffeln kämpften. Die jüngeren Kinder sassen neben der Mutter. Abram Markowitsch gab sich ganz dem Essen hin, ohne, scheinbar, den neben ihm sich bewegenden, unbedeutenden Geschöplen irgend welche Aufmerksamkeit zu schenken. Makarka setzte sich schweigend auf seinen Platz und fing an, mechanisch die dünne Suppe zu schlucken. Der Vater schaute ihn von unten herauf mit unverwandtem Blicke an. — „Hat man Dich hervorgerufen?" — fragte er. — „Ja," — antwortete Makarka, ohne die Augen zu erheben. — „Wobei?" — „Mathematik!" — „Wieviel?" — „Drei." — „Drei!" wiederholte Abram Marko witsch verächtlich, — „mehr war es Dir unmöglich; der Kopf würde Dir geplatzt haben?" Makarka erwiderte nichts, beugte sich bloss noch mehr zum Teller nieder. In diesem Augenblick hatte er nur ein brennendes Verlangen: dass das Mittagessen rascher enden, und dass es ihm gelingen möge, in sein Zimmer zu gelangen. Man brachte Braten und Grütze. Trotzdem er gar keinen Appetit hatte, verzehrte er seine Portion mit einer solchen Gier, als ob er drei Tage lang gehungert hätte. Er hoffte, so weniger verdächtig zu erscheinen. Und wirklich schien es, als ob die Wolke für heute vorbeiziehen würde. Makarka wurde es schon ganz leicht am Herzen, er begann mit Erleichterung sich umzuschauen, als plötzlich der Vater sich wieder mit einer Frage an ihn wandte: — »Nun, Makarka," — fragte er, — „wirst Du in diesem Jahr versetzt werden?" Und merkwürdig, in der strengen Stimme, des Abram Marko witsch erzitterte gleichsam eine flehende Note. — „Ich weiss nicht, Vater," — brachte Makarka flüsternd hervor. Abram Markowitsch' Aussehen nahm in demselben Augenblick einen, der Familie so gut bekannten, starren Ausdruck an. — „Das heisst, wieso weisst Du das nicht?" sagte er, jedes Wort scharf und mit Nachdruck betonend. „Wer soll es denn sonst wissen? Ich etwa, was? Ich frage Dich ja nicht, wie teuer jetzt Holz oder Fell ist, oder wieviel Sterne am Himmel sind .... Ich frage, ob es so einem Tölpel, wie Du bist, nicht genügt, zwei Jahre in einer Klasse zu hocken?" Makarka, der leichenblass geworden, drehte nervös an den Knöpfen seiner Uniform und schaute unbeweglich auf den Fussboden. Der Vater trat näher auf ihn zu. — „Was schweigst Du. Taugenichts? Hast Du die Zunge verschluckt, bist Du taub geworden? Hörst Du, dass ich mit Dir spreche?" — „Ich höre . . . ." — „Ah! Du hörst? Gott sei Dank! Vielleicht wirst Du mich mit einer Antwort beehren?5* — „Ich weiss nicht, was Sie wollen," sagte er ganz verwirrt, indem er um sich schaute wie ein gehetztes Wild. Abram Markowitsch lachte ironisch auf. — „Er weiss nicht, was ich von ihm will! Hörst Du, Channa, wie Dein liebes Söhnlein spricht?" wandte er sich seiner Frau zu. — „Er weiss nicht, was ich von ihm will! Der verrückte Vater verlangt, dass er ein Professor werden soll, und er vermag es nicht! Armer Mensch!" — Abram Marko witsch rückte ganz dicht an ihn-heran. „Ich frage Dich zum letztenmal," — wiederholte er, Makarka beim Kragen packend, — „wirst Du das Examen bestehen, oder jagt man Dich fort?" Makarka empfand plötzlich etwas wie ein Stechen im Kopfe und in der Brust. — „Jedenfalls muss ich sterben," dachte er, und indem er seine schwarzen, tiefen Augen erhob, die auf seinem totblassen Gesichte noch schwärzer erschienen, sagte er leise, aber ganz deutlich: — „Ich wurde nicht zugelassen." — „Was?" schrie Abram Markowitsch wie besessen auf. — „Ich wurde nicht zugelassen," — wiederholte Makarka ebenso leise und deutlich wie früher. Einen Augenblick blieben alle wie verstarrt auf ihren Plätzen stehen. Noch ein Augenblick — und es ertönte der schallende Klang einer Ohrfeige. Die Kinder brachen in lautes Weinen aus und drückten sich an die Mutter. Sie eilte zu ihrem Manne und bemühte sich, Makarka aus seinen wild gewordenen Händen zu befreien. Er stiess sie aber mit seinen Fäusten zurück. Er schlug Makarka mit ungeheurer Raserei, wohin er eben traf. Jener brachte keinen einzigen Laut hervor, kein Stöhnen, und nur als der

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