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Ost und West · 1902-09-01 · Heft 9 (September 1902) · p. Seite 609 - 610

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 9 (September 1902)
Article
Hinter den Kulissen eines Buches
Date
1902-09-01
Page
Seite 609 - 610 (sequence 5)
Language
German
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609 Dr. Adolph Kohut: Hinter den Kulissen eines Buches. 610 dem aber fühle ich mich in der Gesellschaft eines Sonnenthal, Dawison, Friedmann ganz wohl, und stimme gern dem Rümelinschen Citate bei, das Sie an die Spitze Ihrer Charakterbilder setzten". Der kürzlich verstorbene berühmte Dichter uDd Literarhistoriker, Wilhelm Hertz, verwahrte sich mit den nachstehenden lehrreichen Zeilen gegen seine Einreihung in die Armee Israels: „München, 31. März 1901. Sie haben mich in Ihrem Werk über „Berühmte israelitische Männer und Frauen", mit einem meinen Leistungen überaus wohlgesinnten Artikel bedacht. Derselbe ist aber nur infolge eines Irrtums an diese Stelle gekommen, da ich nicht israelitischer Abkunft bin. Der Name „Herz" oder „Hertz" kommt allerdings bei deutschen Israeliten häufig vor. Grünbaum hielt ihn für eine Nebenform von „Hirz" (-Hirsch) und brachte ihn in Beziehung zum Spruch über Naphtaii im Segen Jakobs. „Herz" ist aber auch die Koseform eines deutschen Mannsnamens, wie Heribrecht (Heribrechtshausen wurde zu Herzenhausen) und kommt daher auch in Familien germanischer Abstammung nicht selten vor. Ich bitte freundlichst, den Irrtum im zweiten Bande ihres Werkes zu berichtigen. Es liegt in ihrem eigenen Interesse, keine Inkorrektheit darin zu dulden." Mein alter Freund und Gönner seit 30 Jahren, Max Bruch, der grosse Komponist, für dessen Judentum ich meine Hände ins Feuer hätte legen können—eine Annahme, die mir auch Salomon Jadassohn, der es doch hätte wissen müssen, bestätigte —, durfte selbstverständlich in meinem Buche nicht fehlen, aber ach! da kam ich schön an; er selbst hüllte sich lange in Schweigen, aber seine zahlreichen Verehrer und Freunde beehrten mich mit Zuschriften, worin von mir verlangt wurde, dass ich bei einer zweiten Auflage oder im Nachtrag meines Buches den Irrtum berichtigen solle, was dann auch sofort geschah. Aus der Fülle der diesbezüglichen Briefe sei hier [nur ein Passus aus einem Schreiben des Oberkantors Birnbaum in Königsberg in Preussen mitgeteilt, also lautend: „Max Bruch ist, wie er mir in einem von Jellinek in seiner „Neuzeit" veröffentlichten Briefe mitteilte, nicht Jude. Vielmehr entstammt er einer gut protestantischen Familie. Er verkehrte nur während seiner Studienzeit in Berlin bei dem bekannten Kantor Lichtenstein, bei dem er vielfach jüdische Melodien vortragen hörte und Gefallen an ihnen fand." Endlich bat mich Prof. Dr. Bruch selbst um eine mündliche Unterredung, worin er mir ausdrücklich versicherte, dass er zwar ein grosser Verehrer der Juden und abgesagter Feind der antisemitischen Bewegung, jedoch Christ sei und einer rheinischen Pastorenfamilie entstamme. Dasselbe bestätigte mir auch Dr. Friedrich Auerbach in einem Briefe aus Krefeld, worin es heisst: „Als persönlicher Bekannter dieses Komponisten kann ich Sie versichern, dass derselbe keinen Tropfen jüdischen Blutes in seinen Adern hat, sondern aus einer rheinischen Pastorenfamilie entstammt." Während ich, wie gesagt, bei Zeiten, bevor Max Bruch noch persönlich diesen Wunsch ausgesprochen, den genannten rehabilitiren konnte, war dies bei der bekannten Schriftstellerin* Emma Vely, die ich als eine Tochter Zions hinstellte, mir leider nicht mehr möglich, und so komme ich denn dem Wunsch der Dame, welchem sie in zahlreichen an mich gerichteten Briefen Ausdruck gab, hiermit gern nach und konstatire ausdrücklich, dass sie trotz ihres semitisch klingenden Namens, der mit einer kleinen Verschiebung an Levy erinnert, eine Vollblutchristin ist. Sie selbst erklärt in ihren überaus reizend geschriebenen „Lebenserinnerungen", dass sie eigentlich gar nicht Vely, sondern Emma Couvely heisse. Sie habe diesen „nom de plume" erst später angenommen; als sie nämlich ihre erste Novelle „Gegen den Strom" geschrieben und dieselbe der damals gegründeten „Allgemeinen Familienzeitung" von Hermann Schönlein in Stuttgart einzuschicken gesonnen war, wollte sie das Manuskript, „um vor dem Familienchor in Hannover nicht erröten zu müssen", anonym einreichen, und so kam sie denn zur Halbierung ihres Namens und schrieb zum erstenmal E. Vely. Aus einem ihrer Briefe hebe ich die nachstehende nicht uninteressante Stelle hervor: „Ich bin Philosemitin und halte stark und treu zu meinen vielen Freunden aus dem jüdischen Volke, das ein so bedeutender Kulturträger ist. Aber ich entstamme demselben nicht. Ich bin französisch-deutscher Abstammung, hugenottischen Ursprungs, eine geborene „Couvely", und halbierte meinen Namen, als ich zu schreiben begann. Angesichts antisemitischer Angriffe, die in den Tageszeitungen seinerzeit widerrufen werden mussten und meinen jetzt gerade erscheinenden „Lebenserinnerungen" gegenüber muss ich Sie bitten, davon Notiz zu nehmen, da Sie, wie ich höre, mich in Ihrem Buche, das ich selber noch nicht kenne, irrtümlich anführten. Die Gelegenheit dazu wird sich schon irgendwie finden, und bei einer neuen Auflage der Irrtum beseitigt werden können." Schon früher, wie Sie sehen, verehrte Frau! Besonders unglücklich bin ich — und mein Gemüt hat auch seitdem sein europäisches Gleichgewicht verloren —, dass ich mir durch mein Buch den heftigen Groll meines verehrten Kollegen und Landsmanns, des genialen Max Nordau in Paris, zugezogen habe. Ich hatte nämlich das Malheur, in der Biographie und Charakteristik dieses ausgezeichneten Schriftstellers zu schreiben, dass er „eigentlich" nicht Max Nordau, sondern Simon Südfeld heisse, und ich bekam infolgedessen zur Strafe meiner Sünden eine geharnischte Epistel, der ich nur die nachstehende Stelle entnehme: „Ich heisse „eigentlich", wenn „eigentlich" den

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