Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 9 (September 1902)
- Article
- Hinter den Kulissen eines Buches
- Date
- 1902-09-01
- Page
- Seite 611 - 612 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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611 Dr. Adolph Kohut: Hinter den Kulissen eines Buches. 612 gesetzlichen bürgerlichen Namen bedeuten soll, nicht „Simon Südfeld", sondern nach meinem Geburtszeugnis „Max Simon Nordau". - Wenn „eigentlich" den Vatersnamen bedeuten soll, dann bleiben zwar die den Vornamen betreffenden-Angaben noch immer lacherlich falsch, aber es ist ganz richtig, dass mein Vater Südfeld hiess. Aber dann war auch meines Vaters Name „eigentlich" nicht Südfeld, denn mein Grossvater hiess ursprünglich Oser Wiener-Norman (Norman ist ein hebräisches Wort, das „Treuhänder" bedeutet), aber mein Urgrossvater wurde damals, als es in Posen noch keine Familiennamen gab, Simcha Norman Krotoschiner genannt ..... Wenn Sie auf Vatersnamen zurückgehen, so wundere ich mich, dass Sie bei Agai nicht zu sagen wissen, dass er „eigentlich" — in Ihrem, nicht in meinem und im gesetzlichen Sinne — Rosenzweig heisst .... . Die Sache hat gar keine Bedeutung, aber ich . verweile dabei, weil die Antisemiten seit 20 Jahren die Sache so darstellen, als wäre Nordau ein yon mir gewähltes Pseudonym, das mein Judentum verbergen soll. Den Humor, der darin liegt, mir Verheimlichung meines Judentums vorzuwerfen, fühlt diese Bande allerdings nicht." Selbstverständlich beeilte ich mich, noch in letzter Stunde die gewünschte Berichtigung am Schlüsse meines Werkes anzubringen, und ich hatte die Freude, den hochgeschätzten Olympier in Paris einigermassen zu versöhnen, denn er hatte die Güte, mir zu schreiben: „Besten Dank für Ihre freundliche Zuschrift und dafür, dass sie Unrichtiges berichtigt haben . . . Eine Philippika Ihnen zu halten, habe ich mir nicht erlaubt und habe ich kein Recht. Ich habe nur Unzutreffendes richtig gestellt. Ein gesetzlich geänderter „früherer" ist kein „eigentlicher" Name. Die Unterdrückung eines im Geburtsschein angeführten Vornamens ist aus litterar-historischen Gründen nicht zu rechtfertigen. Der Grundsatz der Anführung des ursprünglichen Namens ist nicht gleichmässig angewandt, wie ich Ihnen am Beispiel Agai's nachgewiesen habe u. s. w." Zum Schluss meiner harmlosen Indiskretionen, welche mir hoffentlich die betreffenden Damen und Herren nicht zu sehr übel nehmen werden, sei hier nur noch auf eine kleine Geschichte hinter den Kulissen meines Buches hingewiesen, die besonders bezeichnend für die gedrückte Stellung ist, welche gegenwärtig die Juden in Rumänien einnehmen. So schrieb mir vor etwa anderthalb Jahren der Schwager des Königl. rumänischen Majors Maurice Brociner'.— dieser ist ein Bruder des bekannten Dichters Marco Brociner —, Herr Adolph Schwarz, ob ich nicht in meinem Werke auch jüdischen Militärs einen Platz einräumen wollte, er würde mir dann Daten über den Major Brociner senden. . Ich nahm den Vorschlag des Einsenders mit Vergnügen an, zumal ich wusste, dass Major Brociner im russisch-türkischen Kriege 1877 mit grosser Bravour gekämpft hatte und bei Grivita schwer verwundet worden war, dass er die Stelle eines Kassierers beim Königl. rumänischen Hofe bekleidete, sehr viele hohe Auszeichnungen — unter anderem auch die österreichische eiserne Krone — besass, und, was die Hauptsache war, ..dass er ein Jude war und blieb, und zwar ein echter Jude mit jüdischem Herzen. Aber bald darauf bat mich Herr Adolph Schwarz, den Plan aufzugeben, und zwar mit folgender Motivierung: „Leider hält mein Schwager es nicht für zeitgernäss, seine Biographie schon jetzt in Ihrem ganz vorzüglichen Werke zu veröffentlichen; es mag ja sein, dass seine Anspielungen auf die momentanen Verhältnisse Rumäniens und die Lage der Juden in diesem Lande berechtigt sind und einen triftigen Grund dafür bilden, in Ihrem Werke einen Platz noch nicht zu suchen; ich für mein Teil halte dies für nicht am Platze; doch sei dem wie dem immer, ich muss wohl den Wünschen meines Schwagers Rechnung tragen; er selbst bittet Sie, seines aufrichtigen Dankes versichert zu sein und behält sich vor, von Ihrer Freundlichkeit gelegentlich der zweiten Auflage Gebrauch zu machen; bis dahin wird er hoffentlich schon in den Rang eines Oberstleutnants vorgerückt sein." . . . Man sieht, dass nicht allein derjenige, welcher eine Reise thut, was erzählen kann, sondern auch derjenige, welcher den Einfall hatte, am Ende des neunzehnten bezw. im Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts ein Buch über „Berühmte israelitische Männer und Frauen in der Kulturgeschichte der Menschheit" zu schreiben.