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Ost und West · 1902-09-01 · Heft 9 (September 1902) · p. Seite 607 - 608

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 9 (September 1902)
Article
Hinter den Kulissen eines Buches
Date
1902-09-01
Page
Seite 607 - 608 (sequence 4)
Language
German
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607 Dr. Adolph Kohut: Hinter den Kulissen eines Buches. 608 „Ich übersende Ihnen zwar ein Bild meines verstorbenen Mannes, jedoch mit dem Bemerken, dass dasselbe nicht in eine Sammlung israelitischer Herren mit aufgenommen wird, da er katholischer Christ war und auf dem St. Hedwigs-Kirchhof, Liesenstrasse, in Berlin ruht. Wir würden, wenn er noch lebte, jetzt unsere goldene Hochzeit feiern, also kannte ich ihn schon vor 50 Jahren, aber nur als Katholik, und wenn er kein solcher gewesen wäre, würde ich ihn. da ich aus alter strengkatholischer Familie stamme, nicht geheiratet haben." Bezüglich des berühmten Klaviervirtuosen Pädere wski, gegen dessen Zugehörigkeit zum Judentum ich meine Zweifel geltend machte, und anderer Celebritäten auf dem Gebiete der Tonkunst und des Gesanges schrieb mir der frühere berühmte Opernsänger Herr Selmar Cerini, jetzt Oberkantor in Breslau, der mich besonders auch in meinem Bestreben, die jüdische Abkunft des einen oder des anderen Künstlers zuverlässig festzustellen, unterstützte, unter anderem: „Vorige Woche besuchte mich ein jüdischer Mann, namens Paderewski, der mir mitteilte, dass er ein Cousin des berühmten Klavierspielers wäre, und dass letzterer Jude sei und aus Pinsk im Gouvernement Minsk in Russland stamme. Allerdings kann ich dafür nicht bürgen; jedenfalls glaube ich, dass es sich lohnt, über die Sache genaue Erkundigungen einzuziehen. Ebenso behauptete ein Bekannter aus England mit Bestimmtheit, dass [der berühmte Konzertsänger Ben Davis Jude ist. Dass der berühmte Tenor Michailoff in der Kaiserlichen Oper zu Petersburg ein Wilnaer Jude war und sich erst unter Alexander III. taufte, dürfte auch nicht sehr bekannt sein, er ist auf dem Dorfe Smenczin bei Wilna als Sohn eines armen jüdischen Maurers geboren. Ebenso gehören der berühmte Baritonist Borissoff sowie seine gleichfalls als Sängerin berühmte Frau, die Tochter des Odessaer Kantors Abras, zu unserem Stamme. Ich habe das Ehepaar Borissoff selber in Russland gehört. Der genannte verstorbene, stimmgewaltige Kantor Abras war bei den russischen Juden unter dem Namen „Pitsche Odessaer" bekannt; dieser berühmte Mann wäre auch würdig, in Ihrem geschätzten Werke genannt zu werden. Ferner lebt in Russland ein berühmter Tenor, der Opernsänger Meelwiedeff, der der Sohn eines dortigen Rabbiners sein soll. Er ist in Bielocerkow, Gouvernement Kiew, geboren und war engagiert in Petersburg, Moskau, Odessa, Tiflis; in Charkow, Kasan und Nishni-Nowgorod war er Direktor. Ferner soll ein berühmter Bariton, der Opernsänger Winogradow, in Wilna als Sohn eines jüdischen Kürschners geboren sein. . . . In Ihrem Prospekt haben Sie nur drei berühmte Kantoren angeführt, während es deren doch eine ganze Anzahl giebt, wie z. B. mein Vorgänger Deutsch in Breslau, der verstorbene Oberkantor Weiss in Warschau, Bachmann in Budapest, der verstorbene Friedmann in Budapest, Kirschner in München und sein Vorgänger Löwenstamrn, Beer in Paris im grossen Tempel, der verstorbene Gold stein in Wien. Für die Abstammung und Berühmtheit aller von mir genannten Männer kann ich garantieren, bin jedoch nicht in der Lage, Ihnen nähere Mitteilungen über dieselben zumachen, als ich hierin gethan habe; in Berlin haben Sie besser Gelegenheit, über die Sänger Genaueres zu erfahren, als ich, da mancher Russe an der Hofoper engagiert ist." Und in. einem einige Monate später geschriebenen Briefe ergänzte Herr Cerini diese seine Daten hinsichtlich der israelitischen Herkunft Paderewslris mit den Zeilen: „Mein Kollege Fischer aus Krakau teilte mir mit, dass ein Verwandter von ihm, ein gewisser Paderewski, vor Jahren aus Pinsk ins Ausland gegangen ist und ein grosser Klavierspieler geworden sein soll, er kann jedoch nicht dafür garantieren, dass dieser und der berümte Klavierspieler ein und dieselbe Person sind; jedenfalls scheint er doch von Juden abzustammen." Schon dieser eine Fall Paderewski beweist, wie ungeheuer schwer es mir wurde, die Konfession und Nationalität der einen oder der anderen Berühmtheit festzustellen. So erging es mir z. B. mit der bekannten Sängerin Pauline Lucca, welche mir von aller Welt, sogar von Herrn Siegfried Fleischer, dem Schriftführer der „österreichisch-jüdischen Union" in Wien, mit Bestimmtheit als eine Jüdin hingestellt wurde, bis ich auf ebenso mühsamem wie authentischem Wege endlich feststellen konnte, dass sie Arierin und Vollhlutchristin sei. Es ist begreiflich, dass ich bei diesen Untersuchungen zuweilen mich geirrt und manche Herrschaften für Juden und Jüdinnen ausgegeben habe, die keineswegs dazu gehören. Es ist dies ein sehr bedauerliches Versehen, da ich absolut keinen Beruf in mir fühle, mich als „Mohel" aufzuspielen. Zum Glück haben die meisten der betreffenden Persönlichkeiten die an ihnen verübte unfreiwillige Aufnahme in den Schoss des Judentums mit Würde und Hümo^ aufgenommen. So schrieb mir z. B-. der Intendant des Kgl. bayrischen Hoftheaters, mein alter, lieber Freund Ernst von Possart, für dessen israelitische Abstammung ich früher jegliche Garantie hätte übernehmen können, unter dem 1. Juni 1901 das folgende: „Dass Sie mich unter die „Berühmte Männer und Frauen in der Kulturgeschichte der Menschheit" zählen, ist mir ungemein schmeichelhaft, und danke ich Ihnen von ganzem Herzen für die freundliche Gesinnung, mit denen Sie bei Ihrer interessanten litterarischen Arbeit meiner Person und meines künstlerischen Wirkens gedacht haben. .... Wie ich aber in die Reihe der „israelitischen" berühmten Männer gekommen bin, ist mir nicht ganz klar, denn ich bekenne mich als ganz bescheidenen, wenn auch nicht mit Jordan-, so doch mit echtem Spreewasser getauften Christen. . . Trotz-

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