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Ost und West · 1902-09-01 · Heft 9 (September 1902) · p. Seite 605 - 606

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 9 (September 1902)
Article
Hinter den Kulissen eines Buches
Date
1902-09-01
Page
Seite 605 - 606 (sequence 3)
Language
German
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605 Dr. Adolph Kohut: Hinter den Kulissen eines Buches. 606 mir Rat. und gute Lehren, überschütteten mich mit Ehren etc., sagten, dass ich nur warten solle. Hätte ich aber warten wollen, so wäre jedenfalls mein Buch nie erschienen. So schrieb mir z. B. Zadoc Kahn, „Grand Rabbin du Consistoire Central des Israelites de Francea. die Worte: „Jetzt abwesend von hier, werde später schreiben, grüsse Sie freundlichst!" — Diese zugesagte Zuschrift ist jedoch bis auf den heutigen Tag bei mir nicht eingetroffen. Der englische Oberrabbiner Dr. H. Adler in London, welcher sich damals wie Zadoc Kahn auf Reisen befand, beglückte mich gleichfalls mit einer sehr liebenswürdigen Zuschrift, aber ich habe ausser derselben auch nicht eine einzige Zeile des erbetenen Materials von ihm erhalten. Geradezu komische Gestalt nahm die thörichte Furcht gewisser Amtspersonen an, dass sie, wenn sie mein Werk litterarisch unterstützten, von den Antisemiten überfallen werden könnten. So schrieb mir z. B. der inzwischen leider verstorbene ausgezeichnete Komponist und Professor am Leipziger Konservatorium, Dr. Salomon Jadassohn, den ich bat, mir die an ihn gerichteten Briefe namhafter Persönlichkeiten für mein Werk übersenden zu wollen, unter anderem: „Von Briefen besitze ich nur Mitteilungen von Dirigenten, Bruch, Gernsheim, Rietz. Dessoff, Reinthaler, Labitzky u. v. a. über von ihnen geleitete Aufführungen meiner Werke. Diese Briefe enthalten nur meist sehr Anerkennendes und Schmeichelhaftes über meine Kompositionen; es sind private Mitteilungen. Wenn ich diese Briefe Ihnen bei meinen Lebzeiten senden wollte, so würde ich der ganzen antisemitischen Presse die Handhabe geben, Sie, hochverehrter Herr Doktor, und mich der Konfraterie in allerhand hämischen und gehässigen Bemerkungen zu beschuldigen. „Wollen Sie, hochgeehrter Herr Doktor, überzeugt sein, dass es nicht übler Wille meinerseits ist, wenn ich Ihre Wünsche nicht erfülle. Ich will vielleicht sehr gern die Verfügung treffen, dass Ihnen nach meinem Tode alles vorhandene Material zur beliebigen Benutzung zur Verfügung gesteilt werde, falls Sie das dann noch wünschen. Die Rücksicht auf meine amtliche Stellung im Konservatorium verbietet mir aber — zumal in gegenwärtiger antisemitischer Zeitströmung — irgend etwas zu veranlassen oder dabei behilflich zu sein, was mir hier am Platze Aergerlichkeiten verursachen würde, die zu vermeiden ich gerade jetzt ganz besondere, schwerwiegende Gründe habe, die ich Ihnen schriftlich nicht mitteilen möchte. Sollte ich die Freude einer persönlichen Begegnung mit Ihnen haben, so will ich Ihnen darauf bezügliche Mitteilungen mündlich gern machen, und Sie werden mein derzeitiges Vermeiden alles dessen, was mich jetzt hier in eine schiefe Stellung bringen müsste, sicherlich würdigen." Ausgezeichnete Maler, welche schon längst sich eine gesicherte Position in der Kunstgeschichte sowohl wie im Leben errungen haben, ersuchten mich, zuweilen mit beweglichen Worten, ihren Namen ja nicht meinem Buche einzuverleiben. So schrieb mir z. B. der Berliner Maler Otto Marcus unter anderem: „In der Voraussetzung, dass mein Fehlen in Ihrer Sammlung auf keinen Fall eine merkbare Lücke verursachen würde, möchte ich Sie bitten, von einer Erwähnung meiner Person abzusehen; ohne meine jüdische Abstammung im geringsten verleugnen zu wollen, bin ich im Prinzip gegen jede Klassifizierung in der modernen Kunstentwickelung vom konfessionellen oder nationalistischen Standpunkt aus." Manch anderer Künstler, wie z. B. der berühmte Architekt Professor Ludwig Levy in Karlsruhe, der Erbauer der Strassburger Synagoge, versprach mir zwar Material über sein Leben und Wirken zu senden — ich habe auch hier nichts erhalten —, bat mich aber dringend, von der Veröffentlichung seines Porträts abzusehen ... O, löset mir, Graf Oerindur, diesen Zwiespalt der Natur! Viele Theaterdirektoren — ich nenne "hier nur die Herren Angelo Neumann in Prag und Theodor Löwe in Breslau — ersuchten mich, wohl aus geschäftlichen Gründen, sie mit Stillschweigen zu übergehen, obschon doch in eingeweihten Kreisen unmöglich die Thatsache unbekannt sein konnte, dass sie jüdischer Abstammung sind. Das Amüsanteste in diesem Artikel leistete der treffliche, als Direktor ebenso wie als Lyriker rühmlichst bekannte frühere Intendant des Frankfurter Stadttheaters, Emil Claar, welcher, wie man mir mitteilte — ebenso wie Professor Dr. Alfred Klaar in Berlin —, früher, d. h. vor der Taufe, Karpeles geheissen haben soll, indem er mir schrieb, dass er sowohl wie seine Gattin, die berühmte Schauspielerin Claar-Delia (früher Hermine Delicat) „christlich-lutherischen Glaubens" seien, ohne zu berücksichtigen, dass für mein Werk nicht die zeitweilige Confession, sondern die Abstammung massgebend war. Immerhin ist es erfreulich, dass der Genannte in seinem Briefe an mich gegen den Antisemitismus scharf zu Felde zog, mit den Worten: „Es erscheint überaus verdienstlich in einer Zeit religiöser Verhetzung und Unduldsamkeit, einmal in übersichtlicher Darstellung zu zeigen, wie viele reich begabte, edel gesinnte, für Wissenschaft und Kunst und alle geistige Entwickelung hochwichtige Männer und Frauen dem Judentum angehört haben und angehören." Drollig ist es, dass durch mein Ersuchen, mir einige zuverlässige biographisch-kritische Daten über ihren seligen Gatten übersenden zu wollen, die Witwe des weit bekannten ehemaligen Theaterdiiektors Kommissionsrat Engel („Krollsches Theater" in Berlin) zuerst erfahren haben wollte, dass ihr verstorbener Mann ursprünglich dem Judentum angehört habe, wie man dies aus dem nachstehenden Schreiben dieser verehrten Dame ersehen wird:

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