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Ost und West · 1902-09-01 · Heft 9 (September 1902) · p. Seite 603 - 604

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 9 (September 1902)
Article
Hinter den Kulissen eines Buches
Date
1902-09-01
Page
Seite 603 - 604 (sequence 2)
Language
German
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603 Dr. Adolph Kohut: Hinter den Kulissen eines Buches. 604 der Industrie, der Staatskunst etc. die Oriflamme der Kultur entfaltet und dadurch die menschliche Intelligenz und die ethischen Kräfte von Sieg zu Sieg geführt haben. Je mehr ich mich mit der Ausarbeitung meines Riesenwerks beschäftigte, desto mehr wurden mir aber die Schwierigkeiten desselben klar, und neidisch blickte ich auf den Dr. Isidor Singer in New York, welcher für seine jüdische Encyklopädie eine förmliche Armee von Mitarbeitern aus aller Herren Länder anwarb, während ich auf meine eigene Kraft ausschliesslich angewiesen war und zu meinem Entsetzen wahrnehmen musste, dass, den einen oder den anderen mir wohlwollenden Freund ausgenommen, mich fast niemand mit Winken und Ratschlägen, geschweige denn mit den so notwendigen Daten unterstützte. Erst als das Werk, welches mich fast zwei Jahre unausgesetzt beschäftigte, zum Abschluss gekommen war — es erschien ursprünglich in Lieferungen —, tauchten plötzlich einige weise Daniels auf, welche mir mehr oder weniger liebenswürdige kritische Randglossen zusandten, mit dem Bemerken, dass ich den einen oder den anderen grossen Mann, welcher aber nach meiner bescheidenen Ansicht mehr wie ein Veilchen im Verborgenen blühte und der nur so lange unsterblich war, als er lebte, oder die eine oder die andere renommierte Frau, welche jedoch, wie ich glaubte, in den weitesten Kreisen rühmlichst unbekannt war, im Pantheon der jüdischen Grössen aufnehmen sollte. Wieder andere ereiferten sich fürbass darüber, dass ich bei der Auswahl und Zusammensetzung namhafter israelitischer Männer und Frauen in der Vergangenheit und Gegenwart nicht mit dem Eifer eines Ketzerrichters untersucht hatte, ob dieselben waschechte Juden und Jüdinnen oder aber ob sie schon getauft waren. Manche Banausen gaben mir Rat und gute Lehren darüber, wie ich den einen oder den anderen treölichen Mann, der sich um das Judentum im allgemeinen, oder um die Wissenschaft, Kunst, Litteratur, den Handel, die Industrie bezw. die Humanität insbesondere verdient gemacht hatte, bei einer eventuellen zweiten Auflage aus meinem Buche — ausweisen müsste, da die betreffenden verehrten Kritiker, deren neidische Gesinnung aus jeder Zeile ihrer Briefe sprach, mit den Leistungen der von mir geschilderten Persönlichkeiten nicht ganz einverstanden waren. Dass dabei nicht alle kritischen „Engrosschlächter" mit offenem Visir kämpften, versteht sich von selbst; manche zückten ihren „Chalef" im Dunkel der Atmonymität. Sie nahten sich mir wie Möros mit dem Dolch unter dem Gewände, und leider war in den meisten Fällen der Angriff dieser Wüteriche gegen das zarte Geschlecht gerichtet, trotzdem ich demselben nur am Schlüsse meines Werkes ein einziges sehr bescheidenes Kapitelchen gewidmet habe. Selbstverständlich waren manche Bemerkungen und Aussetzungen der betreffenden Herrschaften, die mich mit ihren Zuschriften beehrten, vom besten Willen diktiert und vielfach auch berechtigt; und ich erkläre hiermit ausdrücklich, dass ich manche der Monita bei einer zweiten Auflage mit bestem Dank benutzen werde, aber im grossen und ganzen merkte ich bei vielen schriftlichen Herzensergüssen die Absicht und wurde nicht verstimmt. Es raste eben hier der See der menschlichen Leidenschaften, Eitelkeiten, Wahnvorstellungen und Narrheiten, und er musste sein Opfer haben. Besonders entsetzt war ich über die grenzenlose Feigheit vieler Berühmtheiten auf dem einen oder anderen Gebiete der schöpferischen Thätigkeit, indem sie mich hoch und heilig baten, sie ja nicht für mein Werk zu biographieren, weil ihnen die Thatsache, dass die Welt dadurch ihre israelitische Abstammung erfahren werde, in der Wertschätzung ihrer Nebenmenschen oder in der Ausübung ihres Berufes bezw. in der Fruktifizierung desselben schaden könnte. „Das sind deine Götter, Israel!" musste ich unwillkürlich ausrufen, als ich sah, wie diese Leute, unter dem Druck des Antisemitismus seufzend und von krankhaftem Ehrgeiz beseelt, nicht den Mut ihrer eigenen Ueberzeugung hatten und eine solche traurige Charakterschwäche bekundeten. Nun erst glaubte ich an die mir von zuverlässiger Seite übermittelte Geschichte, dass es einen sehr berühmten und sehr gefeierten Künstler gebe, welcher seine Kirchensteuer nicht allein der jüdischen, sondern zugleich auch der christlichen Kirche bezahle, weil er bei den Juden als Jude und bei den Christen als Christ gelten wolle! Dass es derartigen Männern ganz wider den Strich gehen musste, wenn einmal gewissermassen offiziell festgestellt wurde, dass sie der jüdischen Religionsgenossenschaft angehören, versteht sich von selbst. Das Amüsanteste war jedoch, dass mir manche Celebritäten mit dem vollen Brustton der Ueberzeugung versicherten, dass sie waschechte Arier und christliche Germanen seien, während ich aus eigener Kenntnis auf Grund meiner langjährigen Erfahrungen sowie amtlicher Ermittelungen feststellen konnte, dass sie bei ihrer Geburt cirkumeisiert wurden und dass sie mit dem Taufwasser erst später, als sie den Makel ihres Ursprunges tilgen wollten, in Berührung gekommen waren. Da mein Werk die berühmten Juden aller Länder in der Vergangenheit und in der Gegenwart umfasst, war es natürlich, dass ich mich auch an mehrere Oberrabbiner des Auslandes wandte, sie bittend, mich durch Notizen und Daten über die in ihren Ländern lebenden Sommitäten zu unterstützen. Da kam ich aber schön an! Die einen dieser Seelenhirten hüllten sich in ein mysteriöses Schweigen, dessen Feierlichkeit mir zwar nicht imponierte, in mir aber ganz eigene Gedanken über die Stellung gewisser Rabbiner zum Judentum, zur Wissenschaft und Kulturgeschichte wachrief, die anderen fertigten mich mit einigen nichtssagenden Phrasen und Versprechungen ab. Sie gaben

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