Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 9 (September 1902)
- Article
- Hinter den Kulissen eines Buches
- Date
- 1902-09-01
- Page
- Seite 601 - 602 (sequence 1)
- Language
- German
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601 602 HINTER DEN KULISSEN EINES BUCHES. Von Dr. Adolph Kohut. Nachdruck verboten. Motto: Habeat sua fata libelli. Der grosse englische Dichter Mi 1 ton, der Verfasser des „Verlorenen Paradieses", hat das schöne Wort gesprochen: „Bücher sind nicht tote Dinge, sondern enthalten eine Lebenspotenz, dazu angethan, so thätig zu sein, wie die Seele war, deren Kinder sie sind: ja, sie bewahren wie in einer Phiole die reinste Wirksamkeit und Essenz des lebendigen Geistes, der sie erzeuget." Dieses Wort des genialen Poeten war immer mein Leitstern bei der Abfassung meiner zahlreichen Bücher und Werke. In diesem Sinne habe ich denn stets die Kinder meiner Muse in die Welt gesandt, doch war ich nicht verblendet genug, um auch die unartigen, übermütigen und exzentrischen unter den — verzeihen Sie das harte Wort! — etwa 90 iitterarischen Sprösslingen, deren Vater zu sein ich die Ehre oder das Unglück habe, als unfehlbare. und makellose hinzustellen. Wer viel schreibt, viel sündigt, und besonders, wenn man in unserer materiellen, genusssüchtigen Zeit, in welcher das Denken bei zahllosen Leuten eine peinliche und ungemütliche Sache ist, ernste Bücher schreibt, begeht man oft eine grosse Sünde. Heinrich von Treitschke hat einmal nicht ohne Berechtigung behauptet: „Jeder, der ein ernsthaftes Buch schreibt, thäte viel besser, statt dessen vier schlechte Novellen zu schreiben!" Aber in meiner Jugend — mein Gott, jeder Mensch war einmal jung! — habe ich leider auch mit meinen lustigen Sachen eine grosse Schuld auf mich geladen . . . pater peccavi, da nobis pacem, Domine, diebus in nostris! . . . und einige wenige beschränkte — in der Beschränktheit zeigt sich erst der Meister — alte Zöglinge des Breslauer Rabbiner-Seminars Fraenckelscher Stiftung, welche inzwischen wohlbestallte Rabbiner, Prediger, Vereinsvorstände oder Gymnasialprofessoren geworden sind, ohne sich durch Abfassen eines wissenschaftlichen oder sonstigen Werkes je befleckt zu haben, können es mir noch heute nicht vergeben, dass ich vor mehr als drei Jahrzehnten ein heiteres, allerdings freilich rücksichtsloses Büchlein geschrieben: „Memoiren eines jüdischen Seminaristen". Während sogar der Mord strafgesetzlich nach 30 Jahren verjährt, werde ich Unglücklicher von den gar gestrengen Staatsanwälten des genannten Rabbiner-Seminars noch immer verfolgt, von jenen Grossinquisitoren, welche heimlich Wein trinken aber öffentlich Wasser predigen, derenLippen von dem süssen Honigseim der Liebe überüiessen, die aber im Herzen nur Rache und Hass fühlen. Das eine kann ich jedoch ohne Ruhmredigkeit versichern, dass mein Wille immer gut war, wenn auch das Fleisch leider sich wiederholt als schwach bewährte. Besonders kann ich versichern, dass ich in dem heftig entbrannten Kampf, welcher seit meinem Auftreten als Schriftsteller in Deutschland, aber auch im Ausland zwischen dem Antisemitismus und den rückschrittlichen Elementen mit dem Judentum und der modernen Bilduno; bis heute getobt hat, als einfacher Soldat der Litteratur eifrig bemüht war, meine Pflicht zu thun. Deshalb habe ich, lediglich der Stimme meines Gewissens folgend, gar manches Buch verfasst, welches einigermassen dazu beigetragen hat, aufklärend zu wirken, die Gemüter zu versöhnen und die vielen gehässigen und ungerechten Vorurteile, welche gegen uns Juden noch im Schwange sind, zu verscheuchen. Diese meine Werke haben sich, um ein Wort Ciceros zu gebrauchen, als gute Freunde des unterrichteten und thätigen Mannes bewährt. Ich nenne hier besonders meine in den letzten Jahren erschienenen zwei Bücher: „Geschichte der deutschen Juden" und „Berühmte israelitische Männer und Frauen in der Kulturgeschichte der Menschheit" (zwei Bände). Es würde mir als Autor nicht gut anstehen, über die beiden illustrierten Werke, zumal über dieselben in den jüdischen und nichtjüdischen Zeitungen und Zeitschriften eine ganze Litteratur erschienen ist, ein Urteil abzugeben; doch dürfte es auch für die weiteren Kreise des Lesepublikums von Interesse sein, einmal hinter die Kulissen eines Buches zu blicken. Man wird dadurch erfahren, welchen Freuden und Leiden ein Autor ausgesetzt ist, wie man seine jahrelangen Bemühungen für das geistige Wohl der Gesamtheit belohnt, und wie sich berühmte und nicht berühmte Leute benehmen, wenn ein jüdischer Schriftsteller, der zu keiner Clique gehört, keiner Koterie schmeichelt, auf der Zinne keiner Partei steht, keinem zu Liebe und keinem zu Leide schreibt, vielmehr nach bestem Wissen und Gewissen nur nach Wahrheit und Objektivität strebt, dem Grundsatze treu: „in omnibus Charitas", seine eigenen Wege gehend, ein selbstständiges Urteil abgiebt und nicht nach der Pfeife von Hinz und Kunz tanzen will. Ich wähle, um ein lehrreiches Exempel zu statuieren, zu diesem Zweck nur mein letztgenanntes illustriertes Prachtwerk: „Berühmte israelitische Männer und Frauen in der Kulturgeschichte der Menschheit." Im allgemeinen kann ich mit Freude und Genugtuung darauf hinweisen, dass die Gebildeten aller Konfessionen mir, in zuweilen überschwenglichen Ausdrücken, Dank und Anerkennung dafür ausgesprochen und geschrieben, dass ich im Kampfe mit dem Antisemitismus dem Fortschritt und der Aufklärung eine wirksame Waffe geschmiedet, indem ich nachzuweisen gesucht habe, wie seit Jahrhunderten hochbegabte Juden und Jüdinnen auf allen Gebieten der Wissenschaft, der Litteratur, der Kunst, des Handels,