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Ost und West · 1902-09-01 · Heft 9 (September 1902) · p. Seite 595 - 596

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 9 (September 1902)
Article
Lesser Ury's Landschaften
Date
1902-09-01
Page
Seite 595 - 596 (sequence 6)
Language
German
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593 G. Kutna: Lesser Ury's Landschaften. 596 Ein Saum des Sees im Vordergrunde, es ist spät am Abend, nach allem Sonnenuntergang. Ein wundersames, märchenstilles Blau hat sich über den Schlachtensee gelegt und durchdringt alle seine Gründe. Das Blau hat der Wald darüber gebreitet, und weiter breiten seine Schatten den Schlummer über die schweigende Fläche. Das Grün des Rasens beginnt zu verstummen, die harten Linien der Erdfläche verschwimmen, alles wird versenkt durch das endlose Märchen in dem blauen Hintergrunde. Dort liegt der Wald, tief und tief in seinem schweren, sangesmüden Blau. So umfängt er den See. Der See wird hinübergezogen zum Walde, und der Wald hinein in den See. Nun träumen sie zusammen, ihren langen spinnenden, unendlichen Traum der Farbe und der Einsamkeit. Und tiefer hüllen sie sich inihr Geheimnis, in ihre Liebe, ihre Sehnsucht. Die Sonne ist weit hinten enteilt, nur das letzte Nachflimmern ihrer Strahlen beleuchtet die Glieder der Liebenden. Dann verhüllen sie sich tiefer und sind ungesehen fern in ihrer Keuschheit. Ein kleiner Fluss kommt daher, leuchtet uns von fern schon entgegen, übergiesst das Thal mit seinen Farben und entschwindet. Sein ganzes Leben ist Farbe, und sein Plätschern ist Vollklang von Farbenakkorden. So leuchtet er hinein in dieses stolze,- schönheitstiefe, singende Thal. Ein grosser Zweiklang zieht sich durch das Ganze in siegender Stärke. Das "Rotgelb des Himmels und Flusses, und das übertönt ein Dreiklang von schwächerer Glut und tieferer Wärme, das Grün, Blau und Graubraun der lieblichen Abhänge mit ihren reichen, iiiessenden Nuancen, dem Ganzen sich einend; so spielt das hin in seinem horizontalen Flusse. Und darin strebt's, mitten im Leben der Farben, singend und klingend zur Höhe, die Bäume und, schüchtern, zart und schlank, die Halme. Farbe keimt aus Farbe, Licht sonnt sich im Lichte und Ton hüllt sich in Ton. Von Liebe umschlungen lebt es in Einheit und Ganzheit, dieses grelle Gelb und tiere Grün, das weiche Blau, Ultramarin und das erdene Grau. Aber nur für sich selbst hat diese Liebe ihre Wärme, die Farben lieben sich zu eigener Schönheit; uns weisen sie ab in ihrem Schönheitsstolze. Ihre Wärme haucht nicht unsere Labsal, ihre Töne tragen nie unsere Lieder; wir müssen draussen bleiben, und nahen wir uns verlangend, verglimmt das letzte Rot dort hinter den Bergen. Das ist die letzte Antwort, die die Landschaft gegeben. Frieden ist Stolz, Stolz ist Schönheit, Schönheit ist Farbe. Die Farbe ist der letzte Herrscher, dem alle Fragen und Mächte sich gebeugt. In sie werden die Gegensätze getaucht, die das Leid gebären; die Härten, in denen sich die Linien brechen und Helle und Dunkel sich befeinden, bis sich alles in ihr satt und tief zum Frieden geeint. Die Farbe ist stärker als alle Linie, und ihre Ruhe reicher als die Gegensätze der Schattungen. Man hat gesagt, Ury habe keine Linie. Das ist wahr, und doch ist es kunstblöde, es zu sagen. Dies ist ebenso, als wollte man sagen, Stephan Lochner verstehe nichts von Anatomie, und Thomas a Kernpis habe keine Erkenntnistheorie. Das ist ja gerade die eigene Schönheit dieser Kunst, dass alle Linie und alle Begrenzung hinweggeschwemmt wird von dieser Glut und Flut der Farbe, dass alle unterschiedliche- Linie der Erkenntnis hinstirbt in der Mystik der Farbe. Und Ury ist den Wegen nachgegangen, die seine Natur genommen bei diesem Gange zur Erlösung, und er weist die Etappen der Landschaft und ihrer Philosophie, vom tiefen Leid bis zur Himmelskrönung. Es ist Hochsommer, Nachmittag. Links ein Abhang. Die Abhanglinien flüchten . sich in weiter Schwingung hinaus, hinweg von den Riesen, die alles Mark heraussaugen aus dem Hang. In zwei unregelmässigen Reihen stehen sie da. Die Stämme wie glühende Kohlen, glühend bis zur Krone hinauf, deren Laub sich matt darum legt. So ragt das kühn und stolz in den Himmel und droht hinüber in die Weite. Darunter sonnensattes Erdreich, schimmernd und leuchtend von den Strahlen, die sich den Tag über darauf gelagert. Das Feuer ist lebendig geblieben, immer aufs neue entzündet; bis tief in die Erde ist die Sonne gedrungen, bis sich alles vollgesogen zu sprühendem Feuer; als wollte es ausbrechen und die Welt entzünden, so wild und schrill ist dieses Weiss und Gelb, und immer voller nach rechts hin, bis es im Hintergrund abgelöst wird von dem Streifen Blau des Wassers und der Hebung einer grünen Wiesenfläche. Das Ganze ist gespalten von den kühnen, trotzigen Vertikallinien und der ebenen rechten Seite; aber aus den rote^n Baumstämmen zieht es sich hinab in einer reichen Skala zweier Hauptnuancen: das Rot wird zu Gelb, das Gelb zu Weiss, und dieses Farbenband eint die Landschaft in ihrer horizontalen Dehnung. Ueber sie schweben rötlich - graue, verirrte Wolken, und aus diesen fällt jäh und plötzlich ein Regenbogen hinein in die Ebene und färbt Luft und Himmel über dem flachen Grund. So hält er sich gegenüber den reckenhaften Linien drüben, die der Sonne und ihrem Tode trotzen. Der Sommer ist spät geworden, die Sonne hält letztes Gericht ehe sie hin wegzieht; der Tod brennt durch den Wald. Die Stämme sind weiss gekohlt, zum Verfallen gequält, versengt zu Asche. Kein Laubgrün, kein Blätterduft krönt sie mehr. Das Laub brennt in heller Glut, schreit und zuckt; die Blätter, die Zweige lodern und leuchten in den verängstigten Himmel und sengen nach unten; die Erde bebt unter dem blutigen Rot, dem schlingenden Fiammengelb. Alles stille Grün flieht, seine Not zu bergen; wie der Himmel oben sich verschüchtert hinweghebt in seinem erblassten Blau vor diesen Feuergiganten, die zu Gott hinaufbrennen. Das ist in feuertrunkener Wildheit gesehen, in der Vision eines losbrechenden Feuergottes.

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