Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 9 (September 1902)
- Article
- Lesser Ury's Landschaften
- Date
- 1902-09-01
- Page
- Seite 593 - 594 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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593 G. Kutna: Lesser Uiy's Landschaften 594 LESSER URY. Berlin. Traumesland auf das trauliche Grün, das in seinem Lächeln nichts ahnt von dem Trauergesang in dem stummen Schweigen darüber. In schwarzem Flor duftet's in die Nacht, wie Flaum, der sterben will und noch flaumhafter wird im Verwehen seines stofflichen Inhalts; so verlieren sich diese Bäume in den Himmel, umhangen von Schatten aus ihrem eigenen Innern. Und drüben der Wald, in dem das schweigende Geheimnis dieses Paares tausendfältig weiterschweigt; ■das ist des Liedes Wesensklang. Immer dichter wird das Grün, die Trnurn es weise immer tiefer, unendlicher das Geheimnis, immer stolzer der Stolz, unnahbarer die Ferne. Niemand darf dort eintreten und niemand würde es wragen; kein Held und kein Gewaltiger, kein Krämer und kein Sänger; niemand, der zu sprechen wagt vom Unaussprechlichen. Sie ist fern, diese Schönheit, fern allem Ja und Nein, allem Gut und Böse, allem Weinen und Lachen; es ist Traumessein, Rätselsang. Nur die Kinder, nackt und fromm, dürfen hin und spielen, wo das Grünt noch lächelt und die Schatten noch spielen, und die Mütter dürfen ihnen nachschauen vom Rande. Aber kein Bewusster darf sich nahen, kein Denkender, kein Wissender: alles Hier und Dort ist ausgelöscht, das All verdichtete sich in das Geheimnis seiner Ewigkeit. Es ist Schlummer, Schlummer des Stolzes, weil Leben Stoss im Räume bedeutet und Drang in der Zeit, Klang und Gegenklang, Ton und Folge. Hier aber ist alles hinweggehoben zu einer Ferne, die nie Nähe werden darf, zu einem Einst, das nie Jetzt werden darf, denn Nähe und Jetzt bedeuteten ihm Entweihung, und Entweihung wäre Auflösung. Da herrschen nicht Naturgesetze, das Wachstum braucht keine Säfte und keine Fasern, .die Säfte bringen; sie quellen ihm aus einer fernen Tiefe, wo es wurzelt; auf entrückter Erde, wo Farben und Klänge, Seele und Andacht. Licht und Lieder eins sind und ewig. Es ist etwas vom bereuenden Gott darin, der die Schönheit seiner Welt hinausgerettet aus den aufgewühlten Furchen der Kultur und sie dort geborgen jenseits der Welt. Wie ein einsames Eden einer geheimen Schöpfung, aus dem Mensch und Verlangen vertrieben sind, ehe sie dahingelangt, und ehe die Sünde geworden. Ais erschiene das ewige Sein der alten eleatischen Weisen in sinnenwahrer Wirklichkeit, unbegrenzt in der Begrenzung; nur ist die kühle Schönheit des Gedankens zu der tonvolien der Farbe geworden. Denn 'die Farbe ist das Element, das alles Sein zur Schönheit und Einheit verhüllt, und der jüngste Halm wird eins mit dem All. LESSER URY. Berlin.