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Ost und West · 1902-09-01 · Heft 9 (September 1902) · p. Seite 591 - 592

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 9 (September 1902)
Article
Lesser Ury's Landschaften
Date
1902-09-01
Page
Seite 591 - 592 (sequence 4)
Language
German
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591 G. Kulna: Lesser Uiy's Landschaften. 592 drückenden, an Schönheit und Herz' kalten Gesetzen. Nichts darf duften, ohne gehorcht zu haben, leuchten und spielen muss es, wie ihm Tom Gesetze befohlen, und Wachstum und Schönheit dürfen nur blühen, bis ihnen geboten wird, dass sie welken, dass sie hinsterben ohne Form und Färbung. Die Schönheit müsste weinen, dass sie gehorchen mus?, und ihre Zwinger müsste sie hassen, dass sie sie sterben heissen, ohne d iss sie wissen, was Sterben der Schönheit bedeutet. Aber sie weint nicht, sie hasst nicht; sie lächelt und siegt. Sie legt sich hin zum Sterben und ist noch im Sterben schön; schöner im Gehorchen als das Gesetz, das befiehlt; und weil schöner, auch höher an Sieg. Ihr Sterben wird ihr zu reicherem Leben, zu neuem-Leben neuer Jugend. Die Blume ist stärker als der Fuss, der sie zertritt, und das Leben immer stärker als der Tod. Tod giebt es nur für das Fürchten und Hoffen geborgter Lust, für alles Kleine, das sich hinausstiehlt aus dem Grossen und Bleibenden, um seinen Augenblick plump zu verschmausen. Aber nie gab es Tod für Natur, für Geschichte, für grosse Völker und grosse Seelen und alles, was Gott heisst Das sah Ury in der Landschaft. Unnahbar weitet sie sich in ihre eigene Tiefe, wird unerschöpflicher an Hoheit in der Betrachtung und erhaben über Leidenschaft und Kampf, über Geschrei und Gewürm aller Reiche. Ferne liegt sie, unendlich im Räume, ewig in der Zeit; nur Farben und Schönheit sind ihr einziges Wollen, und Schauen ist das einzige Wollen, das ihr nahen darf. Kur für das schönheitgeweihte Auge lebt dieses sanfte Spiel ihres Schmelzes. AVer das Verlangen entfernt aus. seiner Seele, er allein darf in das Heim dieser Schönheit treten, und sein Auge wird erst sehend, wenn es aufhört, nach Zwecken und Zielen zu spähen. Doch ehe die Seele gelernt, dem Gewinne zu entsagen, und das Auge, ohne Verlangen zu schauen, weist diese Schönheit uns herbe zurück und verschliesst ihre Pforten; „es sind Peitschenhiebe darin". Man muss vergessen zu fragen, wieviel Ehre und Gruss uns drüben auf der Strasse gebracht ist, um ihren Gruss und seinen Reichtum zu erleben. Dass ein Jude diese Stimmung zum Ausdruck seiner Erlebnisse gemacht hat, hat seine Erklärung in einer psychischen Verfassung, die viele unter den edlen Juden kennzeichnet, und in der diese Stimmung den Grundzug ausmacht. Seitdem man erkannt hat, dass man nichts ist, wenn man modern ist und frei in der individuellen Denkrichtung von Residuen der Vergangenheit, sondern dass modern sein nur etwas ist aus einem historischen Zusammenhang heraus, und dass die Individualität nur frei ist in ihrer historischen Wurzelung und aus ihr; seitdem erkannte auch der Jude, dass alte Erinnerungen und Formen der Lebensgeschichte ihre Bedeutung und ihren Wert haben, und ihren Wert haben über ihren Inhalt hinaus — in der Treue zu ihnen. Denn auch das Arme und Kleine kann zur Grösse werden in der .Grösse, mit der man es sieht. Und das Judentum brauchte gar nicht diese Gunst des Reflexes. Darum genügte es dem Juden nicht mehr, wenn man ihm persönlich Achtung bezeugt, während der Jude doch nur ein Jude ist. Denn er fragte sich, wieviel von seinem Wert und seiner Würde doch nicht aus diesem Juden herausgewachsen ist. Und da fragte er nach seiner Geschichte, das Individuum nach der Geschichte des Juden. Und er. fand Widerhall ihres Lebens in der Weite der Länder, und der Klang schien ihm echt in seiner Schönheit. Um den Libanon und am Tajo, am Odenwald und Zuider See rauschten,noch alte Psalmen hinein in die Gegenwart, die sie dort gesungen zu allen Höhen der Sehnsucht. Nun begriff er nicht mehr, wie man den Psalm pre'sen könne und des Sängers nicht gedenken mag; und sein wSinnen ward trauriger, dass es auch Sänger giebt, die sich und ihren Sang verleugnen. Er mochte nicht an der Seite der Dame des Hauses zu Tafel sitzen, während sein Vater draussen vom Gesinde gehänselt wird. Der Verzicht schmerzte ihn, denn er liebte das gastliche Haus; doch bleich wurde er erst, als er den anderen sah, der zum Mahle ging und den alten Mann nicht erkennen wollte, der an der Thüre einen Fasstritt bekommen und aufs Pflaster hinfiel. Das ist die Blässe, die diese Juden tragen, und sie finden nur eine kleine Gemeinde für ihre fragende Wehmut, denn nur wenige sind edel, und edel sein heisst: nicht begreifen können, warum die Welt es liebt, „das Strahlende zu schwärzen." So ziehen sie sich zurück, indem sie sich darüber erheben, suchen die Distanz nach oben, und wer sich zurückziehen muss, er ziehe sich zurück — zur Höhe. Sie suchen sich ein Heim, wo die „Welt" nicht hin kann, in ihrer Familie, ihrem Lebenssinn oder ihren Landschaften. Lesser Ury sagt, in seinen Landschaften seien jüdische Klänge geborgen. Doch haben sie eine Umstimmung erfahren: die jüdische Wehmut des Stolzes ist hier zum Stolze der Wehmut geworden. Eine Landschaft thut sich langsam vor uns auf, nachdem wir diesem Augenblick in langer Erwartung entgegen geschaut. Vorn führt ein Weg hin, der sich dort hinten verliert. Er führt nirgend hin, kein Wagen und kein Reiter zieht diese Strasse; rosa-violett biegt er sich hin in dem Giün seiner Umgebung, und sein Dienst ist, sich in sie und ihre Farbe zu schmiegen, und nicht Rad und nicht Huf darf ihn stören. Ihm zur Seite leise lachendes Grün, dann tieferes, ins Blaue spielend, noch immer lächelnd wie Kindesaugen. Duftig und rein, unberührt und entlegen aller Schuld ist dies zum Sein emporgelächelt von einem schöpferischen Lächeln. Darüber erhebt sich rechts in Majestät der Linie und Formung, allein und hoch, ein Königspaar aus dem Reiche des Schweigens, eine Tanne und ihre Schwester in stummer Umarmung. Unten senken sich ihre Schatten linde und weich und zaubern ein holdes

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