Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 9 (September 1902)
- Article
- Lesser Ury's Landschaften
- Date
- 1902-09-01
- Page
- Seite 589 - 590 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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589 G. Kutna: Lesser Ury's Landschaften. 590 forttönt, dahin in ewige Bläue, Sternenweite und Sternen glänz. Und mitten darin die Erde, dunkel und farbentief, horizontal abgeflacht und dann schräg abfallend in die Tiefe. Diesem Manne und seinem Schmerz würde keiner nahen, so hoch über Trost ist diese Trauer, und auch keiner vermöchte ihm zu nahen, so fern ist sein Berg und sein Himmel. So umrahmt Ury die Gestalten, die nach Gestaltung dessen ringen, was in ihm gehämmert, und weiter ringen in ihrer Gestaltung. Denn Ury ist ein Künstler, in dem es ewig kämpft und fragt, ein Kampf von rüttelnden, schleudernden Fragen, für die es keine Antwort giebt, in dem Fragenden nicht giebt, weil alle Antwort eine Steigerung der Frage. Für den Dramatiker Ury gab es keine Rettung. Weil ja das Drama Bewegung ist, die Schuld bedeutet und "Wehe schafft. Und was nach Versöhnung schreit, für das giebt es keine Versöhnung. Versöhnung muss immer am Beginne da sein, nie am Ende; was nicht mit Versöhnung begonnen, dem wird keine mehr. Als Ury Dramatiker wurde, da hatte er sie schon gefunden, und sie war stärker als sein Drama, weil sie näher war seinem Wesen. Sie lag in seiner Lyrik. Lyrik aber fragt nicht, an ihr ist alles Antwort, und sie ist Ruhe, denn ihre Lebendigkeit ist spielendes Schweben. Er war hinausgetrieben von dem qualvollen Verneinen, das an seinem Wesen bohrte. Er eilte weit hin, wo die Töne stiller werden, und stiller Licrrt und Bewegung und die, Reize ihrer Schwingungen, die so wehe treffen, weil sie zu empfindsame Organe berühren. Und leise Ruhe ward's ringsum, das blendende Licht weit zurückgelassen, die Welle des Schalles in LESSER URY. Schlummer gewiegt. Nun war er allein mit ihr, und sie war da in ihrer tiefen, ewigen, unberührbaren Schönheit, erhaben über Verlangen und Verschmähen. Nun lockte es ihn tiefer und tiefer, und sie lehrte ihn das rettende Geheimnis, das Geheimnis ihrer majestätischen Höhe. Dass man Herrscher ist, wenn man nicht zu befehlen braucht, und dass nur der Sieger ist, gegen den man an keinen Kampf zu denken wagt. Sie wies ihm einen Stolz, den er nie gesehen. Den Stolz der Sprossen uralter Königsgeschlechter, die sich keiner Berührung entziehen, weil sie aller Berührung zu hoch stehen, und denen sich kein Wesen naht, das nicht in Demut sich neigte, um den Adel ihrer Nähe zu empfangen. Dies sah Ury in der Natur, als er mit ihr allein war in friedsamem Zwielicht, als sie ihn hinausgehoben über Kampf der Gedanken, Drang des Willens und Gegensätze der Moral. Denn dies ist immer Ahnen und Sehnen dessen, der von der Strasse abbiegt in die Schatten und Tiefen des Waldes. Kommt man dahin, hinein Bcr]in in den festlichen Frieden der Natur, keuchend, vom Weh getrieben, mit rollenden Augen und wundem Herzen, dann erleben wir eine Wandlung, tief und bedeutsam, im Innersten des Wesens. Was wild gewogt, glättet sich willig, und s'nd die Berührungsflächen gestillt, kommt uns die Ruhe unserer Tiefe und spiegelt Himmel und Höhen zu eigenem Besitz. Die Augen beginnen zu schlürfen, unser. Wesen öffnet sich in willigem Vertrauen, ein Lauschen überkommt uns, und im Lauschen werden die Seelen weise. Da liegt es weit und tief und ewig. Duft ist's und Farbe, Spiel und Lächeln, Wachstum und Schönheit. Und dies alles muss gehorchen, ewig gehorchen,