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Ost und West · 1902-09-01 · Heft 9 (September 1902) · p. Seite 587 - 588

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 9 (September 1902)
Article
Lesser Ury's Landschaften
Date
1902-09-01
Page
Seite 587 - 588 (sequence 2)
Language
German
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587 G. Kutoa: Lesser Uiy's Landschaften. 588 die bleich und verloren an uns vorübergeben, als suchten sie die ferne Insel, auf der sie sich fänden. Und unter ihnen ist dann einer, der dahin gelangt, und der wird König eines Reiches. Auch er muss leiden, weil er Nein gesagt hat und hin weggezogen in die Fremde und nun fern ist der Heimat, der Kindheit und ihrem Glockenspiel. Aber er geniesst doch die Wonnen seines Königtums. So hangt er zwischen hoher Lust und tiefem Weh, und da schafft er und dichtet und baut, um durch die Höhe seiner Gebilde alle Thäler von ehedem zu verschatten und durch die Schönheit seiner Welt die andere zu besiegen, die ihm entglitten. Und doch war sie ihm nur entglitten, weil er nicht sehen wollte, wie schön sie war, und wie hold sie ihm gelächelt, ehe er sie Feindin geheissen. So ging die Schönheit seiner Welt doch bei der ihren zu Lehen, und während er verneinend nach aussen blickt, bejaht er schweigend, und dann erst wird seine Seele königlich in seinem Königtum. Lesser Ury gehört zu den Naturen, die nervenfein erzittern, wenn sie berührt werden, weil sie so sensitiv angelegt sind, dass jede peripherische Bewegung konzentrisch einläuft und das Wesen trifft. So umgab er sein Wesen in seiner künstlerischen Entwickelung mit Schichtungen, die ihn schützend abhoben bis zur Unnahbarkeit; er ward der Maler des Stolzes. Des Stolzes in aller Art und Form. Erhaben fern, prometheisch hohnlachend, bereuend und schweigend, spottend und erhebend. Jede Art ist ihm vertraut, jede überkommt ihn, und jede hält er fest und giebt ihr Dauer der Gestaltung. Er malt den Stolz nach unten, der niedertritt und zerstampft, was ihm kriechend LESSER URY. ist, klein und geifernd. Den Stolz nach oben, der alles zerreisst, was ihn Ketten dünkt, und alles hinwirft, weil's ihm Bettel ist. Und dann den Stolz, der diesem folgt, dem nichts mehr übrig bleibt, als die Muskeln stumm zu straffen, die Brauen zu senken und die Zähne zu pressen und abgewandt den Sieg der Ohnmacht zu feiern. So . malte er jene Trotzesriesen, die in gigantischer Armut dastehen an ihren düsteren todesschweigsamen Gestaden; die zertrümmern wollen, und wenn sie zertrümmert, sich in sich selbst vergraben und in die schaurigeDürre ihrer Erde. Mensch und Natur recken'sich zu vernichtendem Schlag; doch der Schlag ist nicht gewaltig genug, die Vernichtung schwächer als Leben und Wachstum; sie halten inne mit dem Schlagen und schlagen mit Verachtung. So sitzt der „Mensch" da. Greise an Tagen und Kämpfen, die Beine an den Rumpf gekrampft, den Körper strähnig bedeckt, das Gesicht von stummen, abweisenden Falten verhüllt. Und so ist's um ihn. Der Horizont hart und kahl abge - schnitten, in abrupter Eckenlinie nach innen gezogen, verbröckelndes Gebilde im Vordergrunde. Kein Lufthauch oben, kein Saft innen, die letzten Gräser stöhnen ihr letztes trostloses Gewimmer, von der Dürre kahlgesogen, breiten sie sich hin zum Tode ihres Spriessens und ihrer Farbe. Hinten zieht verbleichend die Sonne hinweg, um nie wiederzukehren. Oder * Jeremias". In hartgekrümmten, gebrochenen Linien, ohne Maasse und Verhältnisse des Organischen liegt er da, mitten im Weltenraume. Nichts ist da als dieser einzige Mensch und dieser einzige Schmerz, höhenentrückt in seiner Trauer, und alles ist Widerklang dieses erhabenen Weinens, das immer unnahbarer Berlin.

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