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Ost und West · 1902-08-01 · Heft 8 (August 1902) · p. Seite 547 - 548

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 8 (August 1902)
Article
Der alte Orient
Date
1902-08-01
Page
Seite 547 - 548 (sequence 2)
Language
German
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547 Dr. med. E. Simonson: Der alte Orient. 548 Katze etc. sind Vorstellungen einer anderen Kulturstufe als die ist, welche in den Tempellehren und in der Wissenschaft der Aegypter zu Worte kommt. In wie geistvoller und gross angelegter Weise Winckler nun nicht nur die Mythologien und Sagen, sondern auch die wissenschaftlichen Anschauungen aller Völker mit der babylonischen Himmels- und Götterlehre in Beziehung setzt, wie er überall die Spuren ihres Zusammenhanges aufzudecken sucht, das kann hier natürlich nicht im einzelnen dargelegt werden, das muss vielmehr der Lektüre seiner Schrift selbst überlassen bleiben. Hier müssen wir uns auf einige Beispiele beschränken. Im Grunde führen die unendlich mannigfaltigen Einkleidungsformen aller Zeiten und Länder immer wieder auf dieselben wenigen Grundgedanken zurück. Der ewige Wechsel von Nacht zum Licht, der Kreislauf der Natur, wie er in den Sternen geschrieben steht. Dieser Grundgedanke kehrt in der Götterlehre aller 12 Tierkreise wieder. Die Heiligkeit gewisser Zahlen, welche als Aberglaube noch heute im Volksbewusstsein besteht, besonders der 3, 7 und 13, ist nur aus den Einzelheiten der beiden babylonischen Zahlensysteme zu verstehen, des Dezimalsystems und des noch älteren Sexagesimalsystems, in welchem die 59 die Bedeutung der 9 im ersteren hat, die 60 die Stelle unserer 10 einnimmt. Diesem letzteren System mit seinen Grundzahlen 1, 5 und 12 verdanken wir viele noch heute bekannte Einteilungen: die 12 Monate (Tierkreisbilder) des Jahres, die 12 Doppelstunden des Tages. Es gab auch eine siebentägige und eine fünftägige Woche. Wieweit die Wirkung des Sexagesimalsystems sich erstreckt, dafür diene als Beispiel, dass es unserem Dutzend, der Einteilung des alten Groschens in 12 Pf., dem Schock zu 60 Stück und der Mandel (l/4 Schock) zu Grunde liegt. Der 13. Tierkreis, der im Schaltjahre eingeschoben wird, ist der des Raben, des Unglücksvogels. Auf den Wechsel von Tag und Nacht deuten die Dioskurensagen aller Völker hin. Sonne und Mond sind nie vereint, Kastor und Polideukes können nie vereint sein: ist der eine in der Unterwelt, dann ist der andere bei Zeus. Fremdartig berührt es uns, wenn Winkler hier auch das Verhältnis von Abraham zu Lot heranzieht: „Willst Du zur Rechten, so will ich zur Linken.a Abraham ist der Gatte seiner Schwester (1. Mose 20, 11), wie im Babylonischen Pantheon der Gatte der Istar auch ihr Bruder ist. Auch in Rigveda sind die Zwillinge das Gestirn der Morgenröte. Biblische Gestalten werden noch wiederholt herangezogen, so die Erzählung von Jephta's Tochter: das Zeichen der Jungfrau führt im Orient häufig den Namen der Aehre (schibbolet). Wenn die mit dem Worte Richter 11, 6 angestellte Sprachprobe als Anhang der Jephtalegende erscheint, so sieht Winckler darin den symbolischen Zusammenhang mit der unmittelbar vorhergehenden von dem Ende der Jungfräulichen" Tochter Jephta's. Wenn diese dann ihre rJungfrauschaft1' zwei Monate lang beweint, so sieht er weiter darin die Erinnerung an die Einteilung des Jahres in sechs Doppelmonate oder Jahreszeiten. Manche Beziehungen, die Winckler als sicher annimmt, werden uns gewagt und gezwungen erscheinen, und es ist nicht nur möglich, sondern auch wahrscheinlich, dass er unter dem begeisternden Einüuss der gewonnenen umlassenden Perspektive oft allzu kühn annektiert. Aber das würde der Wahrheit des gross konzipierten Grundgedankens keinen Abbruch thun. In diesem Sinne mögen hier noch einzelne Bedenken Platz finden: Die Besiegung Tiamat's durch Marduk führt ein neues Weltzeitalter herbei, und der Wechsel der Jahre ist ein stets sich wiederholendes Abbild des Vorganges im kleinen; der Jahreswechsel erscheint daher oft als die Besiegung eines Riesen durch den jungen Helden. Dem Riesen wird dann stets eine Länge von B1/^ Ellen gegeben. Das sind die b1/^ Tage, die am Schlüsse des 360 Tage zählenden babylonischen Jahres übrig bleiben. Hier führt er als Beispiel den Kampf des kleinen David mit Goliath an und sieht in dem Namen Goliath eine Beziehung zu dem babylonischen Galittu, Ozean, also Tiamat. Aber nach der biblischen Erzählung ist Goliath gar nicht Ellen gross, sondern 6 Ellen und eine Spanne! Nicht sehr überzeugend scheint auch seine Erklärung des Estherbuches: „In den drei Gürtelsternen des Orion ist der Frühjahrsmythus verkörpert. Wie die Erzählung von den heiligen drei Königen aus dem Morgenlande, Kaspar, Melchior und Balthasar, wie den Inhalt unseres Kasperspieles, so führt er auch das Schicksal der beiden Helden des Estherbuches auf diesen Mythus zurück. Es ist wieder der Jahresmythus: „Der Lichtgott und der schwarze Gott (einer der drei Könige ist schwarz) streiten mit einander. Zunächst bedroht die Finsternis das Licht, dann siegt dieses, und der schwarze Gott wird an den Galgen gehängt (Kasperle hängt den Teufel). Zwischen beiden steht der König, wobei wieder die Dreiheit zu ihrem Rechte kommt: Anu, Bei und Ea (Wasser-Unterwelt). Im Estherbuch spielen dabei noch die beiden Königinnen eine Rolle. Esther's Name zeigt schon, dass sie Istar ist, die Königin. Vasthi ist ihr Gegenstück, die jungfräuliche Kore, die sich dem Könige verweigert." Dass der Name Esther Istar bedeutet, ist nicht nur möglich, sondern sogar sehr wahrscheinlich. Aber sollte es dafür keine naheliegendere Erklärung geben? Das Estherbuch trägt denn doch zu viele Züge an sich, welche zum mindesten auf einen historischen Kern hindeuten, und es fällt uns schwer, zu glauben, dass die Juden im philologischen Zeitalter des Esra, oder gar noch später, mit ihrer längst konsolidierten eigenartigen Weltanschauung einen derartigen Mythus in Anlehnung an die babylonische Mythologie frei erfunden haben sollten. Eine andere Erklärung scheint mir einleuchtender: Esther hiess mit ihrem hebräischen Namen Hadassa. Zu allen Zeiten haben die Juden in der Diaspora danach gestrebt, sich den Gewohnheiten der Völker, unter denen sie lebten, zu assimilieren, besonders auch hinsichtlich der Namen. So begnügten sich die griechisch sprechenden Juden in Alexandria nicht mit dem den Verhältnissen genügend Rechnung tragenden Namen Theodor (Gottesgeschenk), sondern sie nannten ihre Söhne ganz ägyptisch Isidor (Isisgeschenk), wie sie in Rom den Namen Markus annektierten und bei uns Namen wie Ilse, Siegfried, Walther mit Beschlag belegen, so dass den deutschen Kreisen, welche Wert darauf legen, ihren Kindern keine jüdisch klingenden Namen zu geben, nur übrig geblieben ist, sie Adam, Eva, Ruth, Joseph etc. zu nennen! Zur Zeit des Artaxerxes waren diejenigen Juden, welche das stärkste nationale Bewusstsein besassen, die damaligen Zionisten, mit Erlaubnis des Cyrus be-

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