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Ost und West · 1902-08-01 · Heft 8 (August 1902) · p. Seite 549 - 550

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 8 (August 1902)
Article
Der alte Orient
Date
1902-08-01
Page
Seite 549 - 550 (sequence 3)
Language
German
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549 Dr. med. E. Simonson: Der alte Orient. 550 reife nach Palästina zurückgekehrt. Es ist also höchstwahrscheinlich, dass jene persischen Staatsbürger jüdischen Glaubens aus Gründen der Anpassung ebenfalls persische Namen neben ihren jüdischen, die für gottesdienstliche Handlungen reserviert blieben, werden angenommen haben. Istar war aber damals sicherlich bereits seit vielen Jahrhunderten ein alltäglicher babylonischer, von den persischen Eroberern seit mehreren Generationen übernommener Name, wie es auch heute in Deutschland kaum noch jemandem bewusst wird, dass Namen wie Siegfried und Günther aus der deutschen Mythologie stammen. Das sind einzelne Bedenken, und es ist sehr möglich, dass andere, kundigere Leser noch viele andere Einwendungen gegen diese oder jene Schlussfolgerung Winckler's haben werden. Aber an dem grossen Gesamtausblick, den wir erhalten, dürfte das, wie bereits gesagt, nichts ändern. Wie Winkler den Einfluss der babylonischen Gestirnmythologie auf Leben und Wissenschaft aller Zeiten und Völker gezeigt hat, so hat v. Oefele sich zum Ziele gesetzt, im besonderen nachzuweisen, wie der Geist der Medizin Wissenschaft durch Jahrtausende und über grosse Ländergebiete von derselben Gestirnreligion abhängig gewesen ist. Er geht von der an sich nicht neuen Feststellung aus, dass Heilkunst und Medizinwissenschaft zwei von einander ganz verschiedene Dinge sind. Im Grunde behandeln der Arzt und der Pfuscher nach Erfahrung, alsoA rein empirisch, während die Theorie, heute diese, morgen jene, nebenhergeht. Deshalb schadet der Praktiker dem Kranken auch nicht, wenn er die Finessen der Diagnose im Laufe der Jahre vergisst, sofern er sie überhaupt beherrscht hat. : Die empirische Volksmedizin hat stets die einfachsten Erfahrungsheilmittel, wie Schwitzen, Blutentziehung, Abführen und ähnliches. Auf diese einfache Erfahrungsmedizin wird dann überall bald eine Theorie aufgepfropft, der sich die Thatsachen unterordnen müssen. Die erste Systematisierung, die wir kennen, fand bereits um 3500 v. Chr. statt, und zwar waren es auch hier die astrologischen, göttlichen und Zahleneinflüsse, aus welchen das System gebildet wurde. Diese Theorie hat nun mehr als 5000 Jahre, bis in das humanistische Zeitalter hinein, die medizinische Wissenschaft aller Länder und Völker beeinflusst, wenn sie sich auch in verschiedenen Ländern und Zeiten verschieden entwickelte. Wir erfahren da von verschiedenen Unterschulen: So herrschten in Babylonien mehr hum oralpathologische, in Aegypten mehr pneumatomedizinische Anschauungen. Wir verfolgen die Spuren bis nach China und Deutschland und finden, dass die Keilschrifttradition sich vornehmlich mittelhochdeutsch T die Hieroglyphentraditionvornehmlich mittelniederdeutsch wiederfindet. Die Wege der Ueberlieferung gehen einerseits von den Aegyptern zu den Kopten, dann zu den Arabern und dann nach Salerno, andererseits von den Keilschriftzeichen zu den Nestorianern (resp. Talmud), Byzantinern und Humanisten. Noch heute versteht es jeder Apotheker, wenn der Arzt für bestimmte Arzeneien Mercur, Saturn etc. in das Rezept schreibt. Auf die Wahl der Terminologie wirken auch schon in jenen alten Zeiten Rücksichten auf das Zunftgeheimnis^ die uns sehr modern anmuten, und die z. B. bei der Benutzung das Latein für die Rezepte noch heute massgebend sind. In einem alten griechischen Papyrusheisst es, dass die Namen so „gegen den Vorwitz der Menge" gewählt sind! Die Zusammengehörigkeit der systematisierten Medizin aller Kulturländer der alten AVeit zeigt Oefele an einem sehr instruktiven Beispiel: Ueberall finden wir Arterien, Venen, Nerven, Sehnen, Bänder, Luftröhre, Speiseröhre u. a. unter einem einheitlichen Worte zusammengefasst, und es gehen Bezeichnungen für einen dieser Körperteile gelegentlich auf den anderen über. Hierzu bemerkt v. Oefele treffend: „Kein Metzger, welcher seiner fünf Sinne mächtig ist, würde bei nüchterner Beobachtung ohne vorherige theoretische- Voreingenommenheit auf solche gezwungene Konfusion verfallen. Nur der Schüler, welcher vom Lehrer blind geleitet wird, kann immer wieder urteilslos so etwas nachsprechen, weil er im System befangen ist." Und er fügt hinzu: „So etwas ist kein Völkergedanke, sondern das ist irregeleitete Stubengelehrsamkeit vor mehr als 5000 Jahren, welche in dem vollständigen und logischen Ausbau des Systems auch solche einzelnen Sätze trotz des Widerspruchs des alltäglichen Augenscheins nicht ohne Gefährdung des ganzen Systems aufgeben konnte.u Also auch hier zeigt sich die Notwendigkeit, den Geltungsbereich des Bastian'schen Völkergedankens einzuschränken. Dieser wissenschaftliche Aberglaube ist also auf eine nüchterne und zweckmässige Erfahrungsmedizin um 3500 aufgepfropft, und bereits zur Zeit des Papyrus Ebers, um 1600 vor Christi, ist alles medizinische Wissen längst vollständig verknöchert. Wenn man aus den Lehren der Geschichte lernen soll, so muss das hier entrollte Bild, welches zeigt, wie das menschliche Denk- und Beobachtungsvermögen durch Theorien 5000 Jahre in Eesseln geschlagen werden konnte, auch heute noch unseren stolzen Theoretikern zu denken geben und eine beständige Mahnung sein, dass schon alle menschliche Erfahrung und noch vielmehr alle menschliche Theorie,, auch der „gesicherte Besitz*', nur eine relative Wahrheit besitzen können.

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