Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 8 (August 1902)
- Article
- Der alte Orient
- Date
- 1902-08-01
- Page
- Seite 545 - 546 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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545 546 DER ALTE ORIENT. ) Von Dr. med. E. Simonson. Obwohl es erst seit einigen Jahrzehnten gelungen ist, die alten babylonisch-assyrischen Keilinschriften zu lesen, haben wir doch bereits ungeahnte Aufschlüsse über die Geschichte und Kultur von Völkern und Kulturkreisen erhalten, deren Blüte zum Teil noch lange vor der Zeit der ersten ägyptischen Dynastie anzusetzen ist. Vor unseren Augen steht, wenn auch noch nicht lückenlos, so doch imtDerhin in grossen Zügen bereits übersichtlich, die Geschichte der Völker und Rassen, welche in den letzten vier vorchristlichen Jahrtausenden nach- und nebeneinander im Euphratthal ihr Leben und ihr Geschick vollendet haben; jaeinzelne Spuren von Bauwerken, welche amerikanische Forscher in Nipon ausgegraben haben, weisen bereits auf das achte Jahrtausend vor Christi zurück. Und doch ist bisher nur ein verhältnismässig kleiner Teil der vorhandenen Inschriften übersetzt worden, so dass es bei dem heutigen Stande der Wissenschaft nur noch eine Geldfrage ist, in wie langer oder kurzer Zeit wir von der vorder- und mittelasiatischen Geschichte der letzten 4000 Jahre vor Christi Geburt ein ebenso klares Bild haben w7erden, wie etwa von der römischen Geschichte im dritten und zweiten Jahrhundert vor Christi. Vollends wrenn es erst gelungen sein wird, die zahlreichen hethitischen Inschriften zu lesen, welche bis jetzt für uns noch stumm sind, dann werden wir vielleicht über die Beziehungen dieser vorderasiatischen Kulturwelt zu Innerasien bis weit nach Osten hin einerseits, andererseits zur europäischen Welt Aufklärungen erhalten, welche wir jetzt kaum zu ahnen vermögen. Von speziellem Interesse für uns als Juden sind noch die Aufschlüsse, welche uns aus diesen Inschriften über die Zuverlässigkeit der Bibel als Geschichtsquelle zu teil geworden sind, und welche bereits dazu geführt haben, den Bau der ra Hkalen Bibelkritik aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, welche an den Namen Wellhausen anknüpft, erheblich ins. Wanken zu bringen Es ist nach alledem keineswegs verfrüht, sondern ein durchaus zweckmässiges und verdienstliches Unternehmen, welches die vorderasiatische Gesellschaft seit einigen Jahren begonnen hat, nämlich die bisherigen Ergebnisse der neueren Orientforschung in gemeinverständlichen Einzeldarstellungen unter dem Obertitel „Der alte Orient" für die Kreise der Gebildeten herauszugeben. Aus den neueren Heften dieser Art wollen wir heute zwei zur gemeinsamen Besprechung herausgreifen, welche gewissermassen zusammengehören, da die zweite Arbeit die Anwendung der in der ersteren festgelegten allgemeinen Gesichtspunkte auf ein spezielles Wissensgebiet bedeutet2). Eine nicht zum ersten Male hervorgehobene Thatsache ist die Beobachtung, dass die Anschauungen über die nicht unmittelbar sinnlichen Eindrücke, über rein geistige Fragen, bei allen Völkern und zu allen Zeiten in überraschender Weise übereinstimmen. Hier *) Gemeinverständliche DarsteluDgen, herausgegeben von der vorderasiatischen Gesellschaft. (Hinrichs Verlag, Leipzig.) 2) Himmels- und Weltenbil l der Babylonier als Grundlage der Weltanschauung und Mythologie aller Völker. Von Dr. Hugo Winckler, Trivatdozent an der Universität Berlin. Ke^schriftmedizin in Para'lelen. Von Dr. med. Felix Freiherr von Oefele, Arzt in Neuenahr. sei nur an die Sintfluisage erinnert, welche sich so ziemlich über den ganzen Erdball verbreitet rindet. Unter der Herrschaft der Vorstellung, dass solche Aehnlichkeiten nicht bei Völkern zu finden sind, welche nie im Verkehr mit einander gestanden haben, hat Bastian auf Grund der Voraussetzung einer natürlichen Entwickelung menschlicher Vorstellungen zur Erklärung dieser Gleichheit angenommen, dass es sich dabei jedesmal um eine selbständige Weiterbildung der dem Menschen angeborenen Grundlagen seines Denkens und seiner geistigen Bedürfnisse handelt. Wie er gewisse materielle Bedürfnisse in zwar dem Klima und den sonstigen Voraussetzungen seines Landes angepasster, aber doch im Wesen gleicher Weise befriedigt und so seine Kultur in materieller Hinsicht ausbildet, so hätte man sich den gleichen Entwicklungsgang auch in geistiger Hinsicht zu denken. Bastian nannte das den Völkergedanken. Winckler gesteht zwar zu, dass diese Erklärung nach dem bisherigen Stande der Wissenschaft die allein mögliche gewesen ist, aber er kann doch nicht umhin, ihren Geltungsbereich erheblich einzuschränken und sie für sehr bedenklich zu erklären, wenn nicht der Gedanke selbst, sondern sein Ausdruck, wenn die Form gleichartig erscheint; völlig unzureichend scheint ihm aber der Völkergedanke dann, wenn diese Form gar nicht das Wesen der Sache selbst trifft, wenn sie von den natürlichen Erscheinungen ihrer jetzigen Heimat, die sie erklären soll, nicht mehr hervorgerufen sein kann, ja vielleicht im Widerspruch zu ihnen steht. Ein Beispiel: Dass die Jahreswende Gegenstand einer Festfeier wird, ist in natürlichen und allgemeinen menschlichen Voraussetzungen begründet; wenn sie aber überall als Narren fest begangen wird, wo die „verkehrte Welt" gespielt wird,, wenn man einen Narrenkönig, gefahren auf einem auf Räder gesetzten Schiff, dem car naval, zum Herrn des Festes wählt und allerhand Mummenschanz treibt, so wird auch bei weitestgehender Ausdehnung der Völkeridee eine Ableitung aus den allgemeinen Voraussetzungen zur Unmöglichkeit. Eine bezeichnende Eigenschaft der Mythologien und Sagen aller Zeiten und Völker iührt auf die Spur der gemeinsamen Mutter, nämlich die überall nachweisbare Beziehung auf die Bewegung der Gestirne. Es geht aus den verschiedensten Einkleidungsformen doch immer hervor, dass den Dichtern die Beziehung ihrer Lehre zu den Erscheinungen des Sternhimmels noch mehr oder minder klar gewesen ist. Der Ursprung aller dieser Mythen ist also in einem Lande zu suchen, in welchem eine Gestirnreligion herrschte, und das kann nur Babylonien, die Wiege der Astronomie, sein. Dort war auch die Astrologie kein Aberglaube, sondern Religion und Weltanschauung zugleich, während der astrale Gehalt in den Mythen der meisten anderen Religionen und den wissenschaftlichen Theorien der Völker bis an die Schwelle der Neuzeit einen inneren Widerspruch zeigt, da er in keiner Weise den gebräuchlichen Kuliformen und massgebenden Vorstellungen von Göttern und Welt entspricht. Das zwingt zu der Erklärung, dass die höheren astralen Lehren entlehnt und den Vorstellungen einer tieferen Kulturstufe aufgepfropft sind. Ein Beispiel, bietet die ägyptische Religion; denn die Gestalten ihrer Götter mit. ihren Tierköpfen und ihre Tiergötter wie Apisr