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Ost und West · 1902-08-01 · Heft 8 (August 1902) · p. Seite 539 - 540

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 8 (August 1902)
Article
Die Bodenreform in Israel
Date
1902-08-01
Page
Seite 539 - 540 (sequence 3)
Language
German
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539 Adolf Damaschke: Die Bodenreform in Israel. 540 Pfand genommen. Aber als solches sollte von Volksgenossen nicht genommen werden, was zum Leben gehörte, nicht der Mühlstein, nicht das Kleid, nicht der Boden, und auch beim Zwangs verkaufe von Häusern und Liegenschaften wurde immer die Bestimmung eingeschaltet, dass im Halljahre auch das so erworbene Land an den ursprünglichen Eigentümer zurückfallen musste. Ueber die Höhe des Lohnes wissen wir wenig; es wird nur die Bestimmung eingeschärft, dass er pünktlich ausgezahlt werden solle, mochte der Arbeiter Volksgenosse oder Fremdling sein, auf Verlangen sogar täglich vor Sonnenuntergang. Um Christi Zeit, als nur noch ein ganz schwacher Abglanz der sozialen Seite in der mosaischen Gesetzgebung wirksam war, betrug der Tagelohn etwa */4 Seckel, d. h. so viel Geld wie 48 Liter Gerste oder 1/4: Lamm galt. Der Arbeiter hatte ausserdem freie Beköstigung und sollte in Speise und Trank und Wohnung den Herren gleich gehalten werden. Es hat sich also, so weit die wenigen Nachrichten darüber unterrichten, auch im alten Israel das alte Bodenreformgesetz bewahrheitet: Dort, wo die Grundrente nicht den Hauptteil des Ertrages der Volkswirtschaft absorbieren kann, wird der Ertrag des Kapitales und der Arbeit, wird Zins und Lohn verhältnismässig hoch sein können. — Ob die mosaische Gesetzgebung je in ihrer ganzen Grösse durchgeführt worden ist? Ein Teil der modernen theologischen Wissenschaft behauptet, dass diese Gesetzgebung niemals volle Wirksamkeit gewonnen hat, ja dass sie auf Moses nicht einmal zurückgeführt werden darf, dass sie vielmehr nichts ist, als ein grosses Sehnsuchtslied, nichts mehr als eine Utopie, lange nach Moses' Zeiten in Prophetenschulen entstanden, ja, vielleicht erst im Exil. Aber ohne uns hier in theologische Erörterungen einzulassen, das dürfen wir doch sagen, dass selbst bei dieser Annahme richtige volkswirtschaftliche und psychologische Anschauungen vorhanden gewesen sein müssen, die ein Verständnis bodenreformerischer Wahrheiten in weitem Umfange voraussetzten. Aber nehmen wir die Schriften des alten Bundes, so wie sie vor uns liegen, da finden wir doch bald, wie sich gewaltige Anklagen gegen die Uebertreter dieser Vorschriften erheben. Schon das Buch der Chronika bezeugt, dass das Halljahr nicht gehalten worden ist. Es sei eine verhängnisvolle, furchtbare Sünde, und Jehovah wird sie heimsuchen. Wollen die Menschen nicht sein Eigentum, die Erde, ruhen lassen ihm zu Ehren, so wird Verwüstung und Niedergang des Volkes eine Kirchhofsruhe herbeiführen. In welchem Maasse die sozialen Seiten des mosaischen Gesetzes den eigentlichen kulturellen gleichgestellt wurden, wie sehr die Uebertretung der bodenreformerischen Grundgedanken als schwere Sünde aufgefasst wurde, davon zeugt das Eingreifen der Propheten an vielen Stellen. Ich will nur an die bekannte Geschichte von Nabottrs Weinberg und an einige wenige Mahnungen der Propheten erinnern. Micha 2, 1. 2: „Wehe denen, die Schaden zu thun trachten und gehen mit bösen Tücken um auf ihrem Lager, dass sie es früh, wenn es licht wird, vollbringen, weil sie die Macht haben. Sie reissen zu sich Aecker und nehmen Häuser, welche sie gelüstet; also treiben sie Gewalt mit eines ieden Haus, und mit eines jeden Erbe." Arnos 4, 1: „Höret dies Wort, ihr fetten Kühe, die ihr auf dem Berge Samarias seid, und den Dürftigen Unrecht thut, und untertretet die Armen, und sprechet zu euren Herren: Bringet her, lasset uns saufen!" Arnos 5, 11: „Darum, weil ihr die Armen unterdrücket, und nehmet das Korn mit grossen Lasten von ihnen; so sollt ihr in den Häusern nicht wohnen, die ihr von Werkstücken gebaut habt, und den Wein nicht trinken, den ihr in den feinen Weinbergen gepflanzt habt." Arnos 8, 4—6: „Höret dies, die ihr den Armen unterdrücket, und die Elenden im Lande verderbet. Und sprechet: Wann will denn der Neumond ein Ende haben, dass wir Getreide verkaufen, und der Sabbat, dass wir Korn feil haben mögen, und den Epha ringern, und den Seckel steigern, und die Wage fälschen; Auf dass wir die Armen um Geld, und die Dürftigen um ein Paar Schuh unter uns bringen, und Spreu für Korn verkaufenlu Jesaias 5, 8: „Wehe denen, die ein Haus an das andere ziehen, und einen Acker zum andern bringen, bis dass kein Raum mehr da sei; dass sie allein das Land besitzen!" Ist die jüdische Nation zusammengebrochen, ohne dass noch einmal der Versuch gemacht wurde, den sinkenden Staat durch Herstellung gesunder sozialer Zustände zu verjüngen? An dem Ausgang der hellenischen Kultur stehen hochherzige Spartanerkönige: Agis und Kleomenes. Im entscheidenden Wendepunkte der römischen Geschichte finden wir die beiden Gracchen, und eine ähnliche Gestalt finden wir auch am Ausgang der jüdischen Geschichte. Ums Jahr 640 vor Beginn unserer Zeitrechnung kam ein 8jähriger Knabe auf den Thron von Jerusalem: Josia. Im Alter von 26 Jahren fand er bei der Reinigung des Tempels das lang vergessene Gesetzbuch Moses' wieder. Feierlich wurden die alten Gebote vorgelesen, und im Namen des versammelten Volkes beschwor der König neu das uralte Bündnis, und zur Bekräftigung liess er, das erste Mal nach langer Zeit, das Passahfest halten in ganz Israel. „Seinesgleichen", sagt das Buch der Könige von Josia, „war vor ihm kein König gewesen, der so von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften sich zu Jehovah bekehrte nach allem Gesetz Moses'." Aber leider sollte die Zeit des Neuaufbaues nicht lange

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