Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 8 (August 1902)
- Article
- Der Spruch der Einwanderungs-Kommission
- Date
- 1902-08-01
- Page
- Seite 513 - 514 (sequence 5)
- Language
- German
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513 Der Sprucli der Einwanderungs-Kommission. 514 diese Ansicht wird noch viel mehr an Boden gewinnen, wenn jetzt nach längerer Pause die Sache wieder, und diesmal ruhigeren Blutes, in der jüdischen Oeffentlichkeit diskutiert werden wird. Für eine Ablenkung der gegenwärtigen Judenwanderung nach Cypern spricht auch noch der wichtige Umstand, dass die jüdischen Kolonisations-Interessenten der verschiedenen Richtungen — also ebensowohl die Jewish Colonisation Association, als auch die Zionisten — werkthätig zusammen arbeiten könnten, ohne dass eine der beiden Seiten ein allzu grosses Opfer des Intellekts zu bringen hätte. Dass die Verwalter der JCA. nicht gegen Cypern sind, darl wohl daraus geschlossen werden, dass diese Gesellschaft seit Jahren die dortige Kolonie Margo Chiflik unterstützt, und die Berichte des Direktors der Jaffaschule, Herrn Niego, lauteten günstig genug, um eine Vergrösserung der cyprischen Kolonisation seitens der JCA. nicht unwahrscheinlich erscheinen zu lassen. Und was die Zionisten betrifft, so sind die Intellektuellen unter ihren Führern fast alle von der Ausführbarkeit und dem zionistischen Charakter des Cypernprojekts überzeugt. Am weitesten dürfte auch hierin der Führer der zionistischen Bewegung, Dr. Herzl, gehen, welcher über das Cypernprojekt äusserte, es sei „die ultima ratio, wenn wir nicht reüssieren sollten, und eine mitlaufende Kombination, wenn wir reüssieren." (Also Cypern in jedem Fall. — Das Citat ist wörtlich.) Es ist ja auch ganz klar, dass die zionistische Bewegung zur Emigrationsfrage Stellung nehmen muss. Eine nationale Bewegung kann nicht lange in dem ungeheuren Irrtum verharren, der darin lag, dass man bisher wie hypnotisiert auf das Land Palästina starrte, ohne sich um die Volks- Verluste zu kümmern, welche das Judentum durch die Verelendung im Osten und durch das planlose Wandern in die Zerstreuung erlitt. In dieser Zeitschrift war vor kurzem von zionistischer Seite Südafrika als ein geeignetes Auswanderungsgebiet für die osteuropäischen Juden empfohlen worden, mit der selbstverständlichen Einschränkung, dass dies nur so weit gelte, als die Auswanderung unvermeidlich sei, und so lange, als Palästina uns noch verschlossen bliebe. Mit denselben Einschränkungen und unter gleichzeitiger starker Betonung seines zionistischen Standpunktes empfahl, wie wir in der „Welt" lesen können, der eben von Südafrika zurückgekehrte Oberst Goldsmith die Kolonisation in „anderen Ländern" als Palästina. Er sprach von Argentinien! Es müsste doch mit merkwürdigen Dingen zugehen, wenn man im zionistischen Lager sich auch weiterhin durch Majoritäten guter Juden, aber unfähiger Politiker hartnäckig den Vorzügen verschliessen wollte, welche Cypern als Einwanderungsgebiet für Juden aufweist — besonders nachdem von so gut zionistischer Seite, wie Alexander Hausmann und Oberst Goldsmith, und in so gut zionistischen Blättern, wie die „Welt", Südafrika und Argentinien zur Diskussion gestellt werden. Es sollte auch die Parteigläubigen zum Nachdenken anregen, wenn sie in den Berichten uud Notizen der „Welt" Woche für Woche Hunderte und Tausende jüdischer Auswanderer nach den entferntesten Ländern unseres Globus sich zerstreuen sehen. Nachdem man eben — endlich! — angefangen hat, sich mit der Emigrationsfrage auch im zionistischen Lager zu befassen, will ich es mich nicht verdriessen lassen, nochmals — in ganz wenigen Worten — aufzuzählen, weshalb die jüdischen Politiker, und hier in erster Linie die Zionisten, sich mit dem Cypernprojekt befassen sollten. Um Wiederholungen zu vermeiden, führe ich nur an, was in den obigen Ausführungen nicht gesagt worden ist. Die Judenfrage ist im wesentlichen die Judenwanderungsfrage und kann nur gelöst werden durch Schaffung geeigneter Einwanderungsgebiete. Die in Betracht kommenden Menschenmassen zählen nach Millionen, für deren allmähliche Ueberpflanzung grössere Gebiete notwendig sind als die alte Judenheimat, das Palästina im engsten Sinne. Auch in früheren Zeiten unserer geschichtlichen Entwickelung hat das Meine Land für die grösser gewordene Volkszahl nicht ausgereicht, und alle Nachbarländer Palästinas waren von Juden besiedelt. Das grössere Palästina, das damals war, muss auch heute wieder ins Auge gefasst werden von denen, welche statt der Zerstreuung der Juden in alle Welt ihre Sammlung in der alten Heimat anstreben. Doppelt ist man gezwungen, das „grössere Palästina" in Betracht zu ziehen, da das kleinere Land uns zur Zeit — und niemand kann sagen, auf wie lange — verschlossen ist. Von den Nachbarländern Palästinas kommt Cypern ausser den schon oben angeführten Gründen hauptsächlich deshalb in erster Linie in Betracht, weil hier einer wohlorganisierten Einwanderung nichts im Wege steht, und weil hier