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Ost und West · 1902-08-01 · Heft 8 (August 1902) · p. Seite 511 - 512

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 8 (August 1902)
Article
Der Spruch der Einwanderungs-Kommission
Date
1902-08-01
Page
Seite 511 - 512 (sequence 4)
Language
German
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511 Der Spruch der Einwanderungs-Kommission. 512 gen übersehen, welche die Gewinnung der Millionen, zur Auswanderung genötigter, osteuropäischer Juden schon in naher Zukunft zeitigen wird! Sobald es nun feststeht, dass es wünschenswert wäre, dieses zahlreiche und wertvolle Menschenmaterial für die Länder der englischen Krone zu gewinnen, wenn es ferner feststeht, dass die Einwanderung von England selbst, sowie von denjenigen seiner Kolonien fernzuhalten sei, in welchem dieselben Schwierigkeiten wie im Mutterlande zu erwarten sind, so bleibt begreiflicherweise nichts anderes übrig, als die Ablenkung der Judeneinwanderung nach anderen englischen Kolonien und Verwaltungsgebieten. Unter den in der Entscheidung der englischen Kommission genannten Gebieten, nach welchen die jüdische Einwanderung vorzugsweise abzulenken wäre, nimmt die Insel Cypern den ersten Rang ein. Den nächstliegenden Grund hierfür zeigt ein Blick auf die Landkarte: Kein englisches Gebiet liegt den osteuropäischen Auswanderungsländern näher oder wäre mit geringeren Kosten zu erreichen. Aegypten ist trotz alles englischen Einflusses auf die Verwaltung kein derart englisches Land, dass ein wünschenswertes Bevölkerungselement unter Vernachlässigung direkt englisch verwalteter Gebiete dorthin geleitet werden sollte, Malta ist übervölkert, Gibraltar ein zu kleines Gebiet, während Indien, das Land der Hungersnöte, zur Zeit keinerlei grössere Einwanderung vertragen kann. Ausser dem geographischen Gesichtspunkt wurde die Entscheidung der Kommission sicherlich mitbeeinflusst durch die Kenntnisnahme von den zionistischen Bestrebungen, über welche deren berufenster Vertreter, Dr. Herzl, der Kommission berichtet hatte. Wie wir des weiteren sehen werden, ist es nicht ausgeschlossen, dass eine direkte Beeinflussung der Kommission in diesem Sinne stattgefunden hat. Die Entscheidung fasst die Gesichtspunkte, welche für eine Ablenkung der jüdischen Wanderung nach Cypern sprechen, wie folgt zusammen: „Von englischen Gebieten nach welchen die jüdische Einwanderung abgelenkt werden könnte, kommt als den Auswanderungsgebieten zunächst gelegen, in erster Linie die Insel Cypern in Betracht, welche auch sonst günstige Bedingungen zu bieten scheint. Die Insel ist das nächste Nachbarland Palästinas, und wird als solches auch bei den jüdischen Massen gewisse Vorzüge haben. Sie ist klimatisch und in Bezug auf Bevölkerungsdichtigkeit von Palästina wenig verschieden. Der Boden ist fruchtbar, und die Bevölkerung eine durchaus friedliche. Besonders liegt durch grössere Regierungsarbeiten (Eisenbahnen, Hafenbau und Wasserwerke) die Möglichkeit vor, auch mittellose Einwanderer in grösserer Zahl aufzunehmen, da die englische Regierung ein Interesse daran hat, diese Arbeiten von Leuten ausführen zu lassen, die* dem Lande dauernd Nutzen bringen können. (Bisher wurden cypriotische Bauern zu diesen Arbeiten verwendet, welche währenddessen ihre Felder unbebaut Hessen, sowie auswärtige Tagelöhner, welche nach Beendigung der Arbeiten mit ihren Ersparnissen in die Heimat zurückgingen.) Sache der ständigen Kommission wird [es sein, dem Kolonialamte Vorschläge zu unterbreiten, unter welchen Modalitäten einer grösseren Einwanderung Vorschub geleistet werden könne, und wie unter Mitwirkung der jüdischen Organisationen eine planmässige Einwanderung eingeleitet werden könne. Der Spruch der Einwanderungskommission ist nicht gefallen. Ich habe auch keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass er in diesem Sinne sein wird; „nur" die Logik scheint mir dafür zu sprechen, und allenfalls weiss ich, dass Schritte eingeleitet sind, um die oben angeführten Vorschläge und Ansichten zur Kenntnis der Kommission zu bringen. Ich habe den Umweg gewählt, meinen Vorschlag in die Form einer vollzogenen Thatsache zu kleiden, um diejenigen damit zu fangen, welche über politisierende Artikel hinwegzugehen pflegen, und auch diejenigen habe ich zu fangen versucht, welche unter Umkehrung des Wortes „was ist, ist vernünftig" das, was noch nicht ist, für unvernünftig halten. Aber da ich nunmehr die Form preisgebe, muss ich um so mehr die Ernsthaftigkeit der Argumente unterstreichen. Die Gesichtspunkte, die ich im obigen ausgeführt habe, sind nicht — oder noch nicht — die der Londoner Kommission, aber sie sind vernünftig, und es ist nicht einzusehen, warum die Kommission sie nicht acceptieren soll. Auch von jüdischer Seite wird Cypern vielfach für ein geeignetes — wenn nicht für das zur Zeit geeignetste — Einwanderungsgebiet gehalten. Und

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