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Ost und West · 1902-07-01 · Heft 7 (Juli 1902) · p. Seite 485 - 486

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 7 (Juli 1902)
Article
Juden als Rheder und Seefahrer
Date
1902-07-01
Page
Seite 485 - 486 (sequence 4)
Language
German
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485 Dr. Max Grunwald: Juden als Rheder und Seefahrer. 486 Esjist leichter, sich an Ort und Stelle nach der Beschaffenheit eines Schiffs zu erkundigen, als wenn man sich mit einem fremden Schiffe abgeben muss. Wie oft sind wir nicht durch die Unregelmässigkeit der Dokumente eines fremden Schiffs gefährdet worden? Wie oft ist nicht noch in diesem Kriege eine Flagge, die für neutral gehalten ward, plötzlich unfrei geworden und dadurch der hiesige Kaufmann in grossen Aufenthalt und Schaden gekommen? Wie viele hiesige Befrachter haben nicht z. E. empfindlich darunter gelitten, als Russland den dänischen Schiffen den Eingang in seine Häfen verweigerte. Was wir also zur Vermehrung unserer eigenen Schiffahrt beitragen können, das ist wahrer Gewinn für unsern Handel. Alle diese Vorteile werden ebensowohl erreicht, wenn das Hamburgische Schiff einem Juden, als wenn -es einem Christen gehört, denn in Hinsicht auf die Konkurrenz der Schiffe und auf die vermehrte Gelegenheit, sich der hiesigen Flagge bedienen zu können, kommt es auf das Glaubensbekenntnis der Rheder nicht an. Vielmehr dürfte ein Jude wohlfeiler Frachten geben müssen, um nur einigermassen mit den Christen konkurrieren zu können. Aber sollte es nicht in anderen Rücksichten dem christlichen Kaufmann gefährlich werden können? Dürften nicht etwa die Juden mit der Zeit die Vorteile der Hamburgischen Flagge ganz oder grösstenteils an sich reissen? Oder sollten sie nicht unsere Flagge zu gefährlichen und verbotenen Unternehmungen missbrauchen können? Was die erste Besorgnis anbelangt, so lässt sich eine solche ausschliessliche Anmassung und Verdrängung der Christen wohl in Ansehung einzelner Handelsgeschäfte denken, aber in Beziehung auf die Schiffahrt halten Deputierte eine solche Besorgnis für unbegründet. Die Schiffahrt ist von einem viel zu grossen Umfange; hier ist Raum für Christen und Juden. Es würde fast nicht weniger dazu erforderlich sein, alls dass die Juden zuvörderst den ganzen Handel dieser Stadt selbst an sich reissen, weil unsere meisten Rheder auch zugleich Kaufleute sind. Wie könnte man einem solchen kolossalischen Gedanken Eingang verstatten? Aber zudem hängen die Juden wohl bei keinem Geschäfte mehr von Christen ab, als in Ansehung der Schiffahrt. Sie mögen nun ein Schiff bauen oder reparieren oder befrachten wollen, so müssen sie sich immer an Christen wenden. Eben diese Anhänglichkeit von den Christen aber wird unfehlbar die Folge haben, dass die Juden niemals grosse, vielweniger nachdenkliche Fortschritte in der Schiffahrt machen werden. Dass auch diese Folgerung nicht zu kühn sei, dafür bürgt die Erfahrung so mancher Länder, in welchen die Juden ungestört die nationale Flagge gemessen. Um dem zweiten Einwurf einiges Gewicht beizulegen, muss man schon von einer gewissen Deutungsart ausgehen, die zwar aus einzelnen Erfahrungen abgeleitet sein mag, aber doch keineswegs berechtiget, ein ganzes Volk zu verwerfen. Dass wohl von einzelnen Juden unsere Flagge zu bedenklichen Unternehmungen gemissbraucht werden könnte, wer möchte das leugnen? Aber werden solche Unternehmungen darum unterbleiben, weil die Juden keine eigenen Schiffe haben? Werden sie nicht vielmehr sich in Ermangelung eigener Schiffe der christlichen bedienen, und diese solchergestalt in Gefahr setzen? Man kann daher bei der Frage., ob die Juden Rhederei treiben sollen, keine Rücksicht auf ihre Handels-Operationen nehmen, sondern es ist die Untersuchung auf ihre Qualität als Schiffsrheder einzuschränken. In dieser Eigenschaft aber werden sie denselben Vorschriften gleich den Christen unterworfen. Sie können keine Pässe erhalten, wenn die Schiffsdokumente nicht regelmässig und unverdächtig sind. Es ist also auch in dieser Hinsicht kein Missbrauch der Flagge zu besorgen, der nicht ebensowohl bei Christen eintreten könnte. Aus allen diesen Betrachtungen sind Commerz- Deputierte aus voller Ueberzeugung des Dafürhaltens, dass es der hiesigen Handlung keineswegs schädlich, vielmehr nützlich und zuträglich sei, den Juden be befundener Richtigkeit der Schiffspapiere die nachgesuchten Pässe zu erteilen u. s. w." Das war vor der Zeit der bürgerlichen Gleichstellung der Juden. Wenn also heut durch englische und amerikanische Blätter Nachrichten laufen, wie die vor der Ernennung eines Juden zum Leutnant in der portugiesischen Kriegsmarine (Jewish Chronicle, 31. Jan. 1902) oder über jüdische Kombattanten unter dem Sternenbanner in den Seekämpfen um Kuba oder wie die Mitteilung des jüdischen Kapitäns Henry Elbe über seine Begegnungen mit jüdischen Seefahrern unter allen Zonen, so gelten sie höchstens als neue Belege für die Thatsache, dass der Jude, wo ihm nicht äusserer Zwang die Hände bindet, im Wettbewerb der Kräfte selbst da nicht zurücksteht, wo persönlicher Mut, wo Thatkraft und Umsicht den höchsten Anforderungen sich gewachsen zeigen muss. Eine besondere Note verdient immerhin die Anerkennung, welche an höchster Stelle in diesen Tagen ein Jude findet, der in einer Zeit, wo das Schwergewicht des nationalen Interesses sich der überseeischen Schiffahrt zuneigt, hier einen der wichtigsten treibenden Faktoren bildet.

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