Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1902)
- Article
- Juden als Rheder und Seefahrer
- Date
- 1902-07-01
- Page
- Seite 483 - 484 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2583875-2583890-2583898-2585775--01879-2585860- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Emden 1× ep/1044505
OCR text
483 Dr. Max Gnmwald: Juden als Rheder und Seefahrer. 484 um von dort aus, da direkter Handel nicht stattfinden konnte, nach China, West- und Ostindien zu exportieren. Auch im nordamerikanischen Unabhängigkeitskriege brachte die Neutralität Dänemarks den dortigen jüdischen Grosskaufleuten bedeutende Vorteile. In Randers wurde, nach dem „Randers Avis", Mai 1875, im Anfang des neunzehnten Jahrhunderts von den Juden A. Meyer und Simon nach Altona und Amsterdam Rhederei betrieben. Das erste von ihnen erbaute Schiff, vom Volke die „Judengaleasse" genannt, brachte gelegentlich auch Getreide nach England. Die Firma Meyer hatte in Hamburg und New York Filialen. Ph. Ree & Co. und S. M. Levin annoncieren, als Vorsteher der Gesellschaft für das Kaperschiff „Nils Ebesen", die erste Tour ohne Prise gemacht zu haben. Erwähnt wird ferner das Schiff „Den raske jüde" („Der forsche Jütländer") im Besitz der Rheder Salomon Levin, Israel Carl Wulf und Nils Trap. Derselbe Israel Carl "Wulf, Inhaber einer Gerberei und Tuchfabrik, kauft 1808 das Schiff „Fortuna" (15 Tons) und verhandelt es 1815 weiter. Er lässt auch ein LustschifT auf Touren nach Fridericia laufen. Eine Lustjacht „Den gode hensigt", die 700 Tonnen Korn fassen konnte, hatte er in Norwegen bauen lassen, aber später verkauft. Phil. Flartwig Ree aus Aarhus, später in Hamburg, ein Oheim des bekannten Hamburger Schulleiters und Reichstagsabgeordneten Dr. Anton Ree, betrieb einen erheblichen Wollhandel mit Hamburg. 1830 strandet sein Schiff „Therese", den 23. Oktober 1831 läuft eines seiner Schiffe vom Stapel, 1834 wird eines von ihm in Bau gegeben, im August 1836 schickt er zwei Schiffe mit Wolle nach Amsferdem und Antwerpen. Sein höchster Bestand waren fünf Schiffe. Im Jahre 1765 gestattet Friedrich der Grosse, um reiche Juden aus Holland herüberzuziehen, den Amsterdamer Juden Aletrino, welche mit Westindien handeln, in Emden, nach Ausweis des dortigen Stadtarchivs, die Reederei zu betreiben. Dahingegen verbietet er es, bis auf ein Schiff, welches bereits im. Bau begriffen, zwei Königsberger Juden im Jahre 1782 (Baasch, Seeschiffbau) trotz des überaus freisinnigen Gutachtens des Generalfiskals d'Anieres. Darin heisst es u. a.: „Freiheit und Konkurrenz sind überhaupt die Säule des Handels und aller Gattungen von Gewerbe; dass diejenigen, die eine Nahrung treiben, es nicht gern sehen, wenn andere sich auch damit abgeben wollen, ist ganz natürlich; ein jeder Mensch und eine jede Gattung von Menschen, die zusammen ein Fach bearbeiten, suchen aus Gewinnsucht und Faulheit Monopolia zu erschleichen, da aber Gewinnsucht und Faulheit die festesten Stützen des Staates notwendig untergraben, so muss auch der Staat so wenig als möglich die Monopolia begünstigen." Hierzu bietet eine interessante Folie eine Urkunde im Hamburger Staatsarchiv. Lion von Embden und Sohn hatten auf einer öffentlichen Auktion das Hamburger Schiff „Maria Elisabeth"" erstanden und bereits befrachtet, als ihnen, als Juden, die Pässe verweigert werden. Sie verweisen nun in ihrem Protest auf Dänemark, England und Frankreich,, unter deren Flaggen viele Schiffe jüdischer Reeder führen. So trügen die dänische Flagge zahlreiche Scbiffe der Altonaer Firmen J. J. Hollander & Söhne, A. A. Lion u. a. m. Ein Jude habe schon vor dreissig Jahren mehrere Male ein Schiff nach Grönland geschickt. Noch ganz kürzlich sandten in Hamburg Gottschalck und Salomon in Gemeinschaft mit einem christlichen Reeder das Schiff „Die Elbe" unter Hamburgs Flagge aus. Sie werden in der That nach Ausweis der Akten in den Schiffspässen als Reeder anerkannt. Das Gesuch wird genehmigt. Sehr bedeutsam ist das folgende, über diesen Fall vom Hamburger Senat eingeforderte Gutachten der Kommerzdeputation,, welches an Freisinnigkeit dem des preussischen Generalfiskals würdig an die Seite zu stellen ist: „An Einen Hochedeln und Hochweisen Rath ergebenster Antrag der Commerz Deputation wegen der von den Juden Lion von Embden nachgesuchten hiesigen Schiffs Pässe. Merc. d. 30. Sept. 1801." „In Ansehung der Frage, ob den hiesigen Juden Lion von Embden und Sohn zu verstatten sei, ihr Schiff unter Hamburgischer Flagge fahren zu lassen,, müssen Commerz Deputierte die rechtliche Erörterung und die Untersuchung, wiefern die Einwohner und Juden überhaupt an den bürgerlichen Gerechtsamen teilnehmen können, als nicht zu ihrer Competenz gehörig, dem Ermessen E. Hochweisen Raths anheimstellen; auch wollen sie die für sich selbstredenden Vorteile der Beförderung des Schiffbaues an sich und in Beziehung auf so manche Nahrungstände hier keineswegs wiederholen. Sie beschränken sich blos auf die Untersuchung, ob solches der hiesigen allgemeinen Handlung nützlich oder schädlich seyn dürfte? Nun ist es aber eine unleugbare Wahrheit, dass die Handlung im Ganzen, durch jede vermehrte Konkurrenz der Hülfsmittel und durch jede Erleichterung derselben nicht allein an Bequemlichkeit,, sondern auch an innerer Kraft und Festigkeit gewinnt. Die Schiffahrt aber ist das erste und vorzüglichste Hülfsmittel für den Handel dieser Stadt. Je mehr eigene Schiffe wir haben, desto leichter findet der Kaufmann eine Gelegenheit zur Verführung seiner "Waren, destoweniger hängt er von fremden Staaten und ihrer Schifffahrt ab. Je grösser ferner die Konkurrenz der Schiffe ist, desto wohlfeiler werden auch die Frachten, und desto leichter kann man sich auf eine Unternehmung einlassen. Aber auch an Sicherheit gewinnt der Kaufmann durch die Vermehrung unserer eigenen Schiffe.