Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1902)
- Article
- Juden als Rheder und Seefahrer
- Date
- 1902-07-01
- Page
- Seite 481 - 482 (sequence 2)
- Language
- German
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481 Dr. Max Grunwald: Juden als Rheder und Seefahrer. 482 zu werfen, dann ist der schuldige Ersatz nach dem Gewicht, nicht nach dem Wert der ausgeworfenen Güter zu bemessen46. Bekannt ist Rabba bar bar Chana's Matrosenlatein. In Alexandrien blühte frühzeitig jüdische Schiffahrt. Die Juden übten dort, nach Josephus contra Apion. II 5, mit Erlaubnis der ägyptischen Regierung eine gewisse Aufsicht über die Meeres- und Flussschiffahrt aus. Kiesselbach will auch die bisher meist dem Arrian zugeschriebene Periplus, die Schilderung ^einer Seefahrt über das erythräische Meer und an den Küsten Vorderasiens entlang aus dem ersten nachchristlichen Jahrhundert, einem jüdischen Kaufmann aus Alexandrien auf Rechnung setzen. Iii Südf rankreich begegnen uns schon im sechsten Jahrhundert jüdische Grosshändler, welche ihre eigenen Schiffe auf dem Mittelmeer halten und hauptsächlich den Handel von Montpellier und Narbonne mit dem Orient vermitteln (Saige G., Les Juifs «du Languedoc, Paris 1881, p. 3, 6). Ein Jude wird auch als Eigentümer eines Schiffes genannt, welches von Nizza nach Marseille fährt (Heyd, Geschichte des Levantehandels, I, 139). Ibn Kordadieh, ein arabischer Postmeister im 9. Jahrhundert, berichtet mit Angabe der Einzelheiten von einem zum grossen Teil zur See von Juden unterhaltenen Handelsverkehr vom Frankenland bis nach China, in Lyon bildeten, nach Falke {Gesch. d. deutschen Handels, I 36), die jüdischen Handelshäuser den stattlichsten Teil der Stadt. Als Karl der Grosse einmal (a. a. O. 34) die Nordküste Frankreichs streift und Schiffe in Sicht kommen, werden diese von seiner Begleitung für jüdische Kauffahrteischiffe gehalten. Zwischen Köln und England pflegten Jaden eifrige Handelsbeziehungen.1) Deutsche Juden finden wir auf den Märkten zu Amalfi, Pisa, Venedig. Waren aus Konstantinopel brachten sie die Donau herauf nach Regensburg. Zahlreiche Juden unternahmen nach dem Muster des Weltreisenden Benjamin von Tudela im 12. Jahrhundert weite Reisen über See. Die einen trieb kaufmännisches Interesse, andere die Sehnsucht nach dem Lande der Väter und seinen geweihten Stätten, andere wiederum suchten die verlorenen zehn Stämme Israels, über welche die abenteuerlichsten Fabeln umgingen. Bei vielen war es auch einfach die Lust, Neues zu sehen und Abenteuer zu erleben. Benjamin von Tudela trifft überall, wohin er kommt, Glaubensgenossen. Die deutschen Kreuzfahrer werden vor den Juden im Orient gewarnt, weil diese meist Deutsch verstünden. Vasco de Gama begrüsst an der Küste Indiens ein Jude aus Polen. Es ist „der ') In den „Recessen und anderen Akten der Hansetage 1256—1430« Bd. III 295, heisst es: Dar wart ok verhalet, wo en 1o synne were, dat de prince an de van Hamborch hadde gescreven, limine to betalende de vorgescreven Bartunschen schepe, wente se up synen ströme genomen weren, so he screfF, darup he dechte to verdegedingende heiden unde joden, dat se velich dar wesen solden .... jüdische Pilot Gaspar", wie ihn Peschel (Gesch. d. Zeitalters der Entdeckungen) nennt, der den nachfolgenden portugiesischen Flotten als Lotse wesentliche Dienste leistet. Ueber^aupt spielen, nach Kayserling, die Juden als Matrosen und Lotsen bei den Entdeckungs- und Eroberungsfahrten der Portugiesen, Holländer und Engländer eine nicht unbedeutende Rolle. Der Schifisarzt der Expedition des Christoph Columbus war ein Jude, ein Jude soll es gewesen sein, der zuerst Land entdeckt hat, ein Jude hat zuerst auf dem neuentdeckten Boden eine Niederlassung gegründet. Juden berichteten Heinrich dem Seefahrer von ihren Reisen nach dem Osten und festigten in ihm den Entschluss, den Seeweg nach Indien zu suchen. Vasco de Gama bedient sich jüdischer Seefahrer, ein Jude ist der stete Begleiter Alfonsos d'Albuquerque. Schon Jayme IV., der letzte König von Mallorca, bezeugt 1334, dass der Jude Juceff Faquin aus Barcelona die ganze damals bekannte Welt umsegelt habe. Bei der portugiesischen Expedition, welche 1415 Mauritanien einnahm, befanden sich mehrere Juden. Ein sprachenkundiger Jude begleitete 1601 den Kapitän James Lancaster auf der ersten Unternehmung der Est-India Company und leitete die Verhandlungen mit dem Sultan von Atschin auf Sumatra. Jüdische Seeräuber suchten 1521 die spanischen Schiffe an der Vereinigung mit der venetianischen Flotte zu hindern. Die Matrosen, welche zur spanischen Armada ausgehoben werden, hatte u. a. Dr. Rodrigo de Castro, später in Hamburg, zu untersuchen. Es wird hervorgehoben, dass er alle Bestechungsversuche zurückgewiesen habe. In Hamburg haben die portugiesischen Juden, wie der Senat wiederholt öffentlich anerkennt, vor allem den Handel mit Spanien und Portugal, auch mit Ostindien und Holland sehr verdienstlich gefördert. 1623 stirbt, nach Ausweis seines Grabsteines, in Amsterdam der jüdische Kapitän Ribeiro. Auf demselben Friedhof zu Oudekerk zeigt ein Stein ein Schiff, wie auf dem Friedhof der Hamburger Portugiesen in Altona ein Anker als Wappenzeichen der Familie Ferro („Anker") zu sehen ist. 1628 baut der Hamburger Jude Paulo Meläo in Glückstadt, wo, wie um dieselbe Zeit in Emden, die Juden als Rheder sich frei betätigen durften, ein Schirl. Er lässt es in Hamburg von einem fremden Meister vollenden und ruft damit einen Streit zwischen der Schiffbauerzunft und der Behörde hervor, welcher vor dem Reichskammergericht zum Austrag kommt (St.-Arch.). Im 18. Jahrhundert betreiben Juden von Altona aus eine schwunghafte Grönlandfahrt In der Schlacht bei Doggersbank am 5. August 1784 zeichnet sich der Jude Almeida als Kapitän eines Kaperschiffes aus (Koenen, Geschiedenis der Joden in Nederland). Der siebenjährige Krieg veranlasste viele Juden, von Holland und Hamburg nach Kopenhagen überzusiedeln,